Unternehmen Irrsinn Die Gehaltslüge
Wenn ein Mitarbeiter eine Gehaltserhöhung will, fallen den Vorgesetzten tausend Ausreden ein. Doch wenn es darum geht, ihre eigenen Bezüge zu vervielfachen, kommen ihnen tausend Ideen. Gehaltscoach Martin Wehrle über die Tricks, mit denen Chefs ihre Mitarbeiter billig halten.
Was schießt nach oben, höher und höher? Die Gehälter in Deutschland. Nicht verdoppelt, nicht verdreifacht, nein: fast verfünffacht haben sich die Bezüge in den letzten drei Jahrzehnten. Allein der Gehaltssprung von 2009 zu 2010 lag bei satten 19 Prozent.
Nun könnten Sie behaupten, bei Ihnen sei von diesem Gehaltssegen nichts angekommen. Und Sie könnten meckern, das verfügbare Nettoeinkommen der deutschen Arbeitnehmer sei zwischen 2001 und 2011 im Schnitt um 2,5 Prozent gesunken. Da kann ich nur antworten: nicht bei allen.
Die Gehaltssteigerungen beziehen sich nicht auf den Bodensatz der Tasse, also die einfachen Arbeitnehmer, sondern auf die Sahne, die ganz oben schwimmt: die Top-Manager. Was die Vorstandsvorsitzenden der Dax-Konzerne einfahren, sind die höchsten Vergütungen aller Zeiten. So ging VW-Boss Martin Winterkorn 2011 mit einem Gehalt von 16,6 Millionen nach Hause, 63 Prozent mehr als im Vorjahr. Das entspricht 553 Arbeiter-Gehältern von 30.000 Euro im Jahr. Geht's noch?
Steigen die Gewinne wegen des Managements - oder trotzdem?
Natürlich wird nun jeder Manager sagen: "Unsere Gehälter sind explodiert, weil wir die Gewinne unserer Unternehmen enorm gesteigert haben." Dieses Märchen ist schön, aber nicht wahr; aus einer Studie der Ökonominnen Dalia Marin (München) und Francesca Fabbri (Norwich) geht hervor, dass die Gewinnentwicklung eines Unternehmens und die Gehaltsentwicklung des Top-Managements so viel miteinander zu tun haben wie die Lottozahlen mit einem Taschenrechner - so gut wie nichts.
Und selbst dann, wenn die Gewinne einer Firma steigen, stellt sich die Frage: Steigen sie wegen oder trotz des Managements? Über Jahre habe ich eine Immobilienfirma in einer mittelgroßen Stadt beobachtet, die miserabel gemanagt wurde. Jede Schrottimmobilie, die sonst keiner haben wollte, wurde von den unfähigen Managern aufgekauft. Das Unternehmen raste auf eine sichere Pleite zu.
Doch eine Millisekunde, ehe die Firma zerschellt wäre, zauberte das Schicksal eine Überraschung aus dem Hut: Ein Großkonzern kündigte an, eine Niederlassung in dieser Stadt zu eröffnen. Die Immobilienpreise zogen schlagartig an. Nun galten Häuser, für die sich zuvor nur Abrissbirnen interessiert hatten, auf einmal als begehrte Renovierungsobjekte; denn Tausende von Konzernmitarbeitern suchten nach neuem Wohnraum.
Zu diesem Zufall hatte das Management nichts beigetragen. Und während die anderen Immobilienfirmen der Region ihre Gewinne um 75, 100 und 150 Prozent steigern konnten, brachte es diese Gurkenfirma auf schlappe 25 Prozent. Und doch waren die Manager an diesem Gewinn beteiligt und konnten ihre Gehälter um ein Viertel steigern.
Der Erfolg eines Managers: kein Leistungs-, sondern ein Zufallsprodukt? Zwei amerikanische Ökonomen, Marianne Bertrand (Chicago) und Sendhil Mullainathan (Harvard), untermauern diese These. Wie ein Weinbauer wenig dazu beiträgt, ob ein guter oder schlechter Jahrgang auf seinem Berg reift - denn das hängt ab vom Wetter! -, so trägt ein Manager oft wenig dazu bei, ob sein Unternehmen Gewinne oder Verluste ausbaut - denn das hängt ab von der Konjunktur.
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Die Irrenhaus-Direktoren erklären die Unternehmenskasse zum Selbstbedienungsladen - für sich selbst. Aber wehe, ein Mitarbeiter will mal zulangen! Dann klopfen sie ihm in der Gehaltsverhandlung auf die Finger. Dabei kommen raffinierte Tricks zum Einsatz.
Zum Beispiel sagt der Irrenhaus-Direktor: "Ja, Sie haben es verdient - trotz aktueller Gehaltssperre. Weil Sie so fleißig sind, konnte ich 50 Euro im Monat durchsetzen. Der Mitarbeiter wollte zwar das Zehnfache. Aber muss er nicht hochzufrieden sein, trotz der "Sperre" überhaupt eine Erhöhung zu bekommen?
Gehaltserhöhung? Zwei Jahre Schamfrist, egal wie mickrig die letzte war
Er denkt, er könne bald nachverhandeln. In Wirklichkeit wurde er Opfer eines Trickbetrugs, denn für Gehaltsverhandlungen gilt eine ungeschriebene Schamfrist von knapp zwei Jahren. Wann immer er vor Ablauf dieser Zeit bei seinem Irrenhaus-Direktor anklopft, um die offenen neun Zehntel einzufordern, wird er hören: "Sie haben doch gerade erst eine Gehaltserhöhung bekommen!" Die Mini-Erhöhung knebelt ihn.
Andere direkte Vorgesetzte lassen die Energie des Angreifers ins Leere laufen. Statt Widerstand zu leisten, sagen sie: "Ja, Sie haben eine ausgezeichnete Leistung erbracht. Und ich habe mich für Sie stark gemacht. Doch leider blockiert mein eigener Chef Ihr Anliegen."
Der direkte Vorgesetzte spielt sich zum Freund und Helfer auf. Der Mitarbeiter soll vor lauter Dankbarkeit im nächsten Jahr noch ein paar Arbeitsgänge hochschalten. Der schwarze Peter wandert eine Hierarchiestufe nach oben - auch wenn der direkte Chef den eigenen Vorgesetzten nicht einmal angesprochen hatte.
Der Chef wird zur Fankurve
Und wenn alles nichts mehr nützt, zahlen die Irrenhäuser eine Gehaltserhöhung in einer Währung aus, die von keiner Bank anerkannt wird: in Lob. Der Chef tritt wie eine Ein-Mann-Fankurve auf und bejubelt die Leistung des Mitarbeiters. Eine Zukunft malt er ihm aus, in der die Gehaltsbäume in den Himmel wachsen und eine Beförderung sicher ist.
Benebelt von dieser Lob-Narkose sieht der Mitarbeiter darüber hinweg, dass der Irrenhaus-Direktor seine aktuelle Gehaltserhöhung, um ihn nicht mit winzigen Beträgen wie 500 oder 750 Euro zu belästigen, bis zu einer "angemessenen Erhöhung" aufschieben will. Vorerst, sprich bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag, erfolgt die Bezahlung in Lob. Doch der Gepriesene bleibt eine arme Kirchenmaus.
Warum sich die Gehälter der Mitarbeiter in den letzten drei Jahrzehnten eben nicht verfünffacht haben - jetzt wissen Sie's.
Der Artikel ist ein gekürzter Auszug aus Martin Wehrles Buch "Ich arbeite noch immer in einem Irrenhaus". Mehr davon nächste Woche auf KarriereSPIEGEL.
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Martin Wehrle:
Ich arbeite immer noch in einem Irrenhaus
Neue Geschichten aus dem Büroalltag.Illustriert von Dirk Meissner; Econ Verlag; September 2012; gebunden; 320 Seiten; 14,99 Euro
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