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Nach Diktat verreist Gut bezahlt und sündenfrei

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Wer die wirklichen Talente gewinnen will, muss mehr bieten als haufenweise Geld und dicke Dienstwagen. Zum Beispiel einen Sündenerlass. Der hat immerhin Ewigkeitswert und ist somit vorbildlich nachhaltig. Aber schwierig zu organisieren, wie Klaus Werle in seiner Karriere-Kolumne zeigt.

Theatralisch ringt Unkel die Hände. Sicher, das Angebot sei verlockend, windet sich der vielversprechende Kandidat, doch er brauche Bedenkzeit, müsse noch mal in sich gehen, überlegen. Achtenmeyer kennt die Floskeln der Zögerlichkeit, zu oft hat er sie gehört. Seit Wochen sucht er einen jungen Marketingmanager, doch der demografische Wandel tritt ihm jedes Mal hinterhältig in die Kniekehlen, wenn er glaubt, endlich jemanden gefunden zu haben. Die Bewerber sind anspruchsvoll, hat er gelesen, nur mit Geld allein längst nicht mehr zu begeistern. Sie wollen Sinn, Nachhaltigkeit, Perspektiven, die über die nächsthöhere Dienstwagenklasse hinausgehen. Nun, die Lektüre stellte sich als nur allzu wahr heraus. Unkel präsentiert ein abschließendes Händeringen und verlässt das Büro.

Dabei lief alles so gut bis vor ein paar Minuten. Der "Bewerber" (Achtenmeyer setzt das Wort angesichts des neuen Kräfteverhältnisses auf dem Jobmarkt lieber in Anführungszeichen) war in der Tat äußerst vielversprechend, gute Uni, gute Noten, guter Auftritt. Ein Einstiegsgehalt weit über seinem Budget hatte Achtenmeyer angeboten und gleichzeitig professionelle Zurückhaltung gewahrt - man muss die jungen Leute ja nicht noch übermütiger machen, als sie es eh schon sind. Er hatte noch die Firmenrente erwähnt, die Dienstwagenregelung, die Aufstiegschancen, die Auslandsaufenthalte, das klassische Gedeck. Nichts hatte Unkel vom Hocker gehauen.

Natürlich nicht, denkt Achtenmeyer bitter, denn das alles kriegt er woanders auch. Erfolg hat der, der anderes bietet, das muss man ihm als Marketing-Guru nun wirklich nicht erklären. Die Frage ist nur: Was? Was ist der unique selling point seiner company?

Generalablass auf alle Sünden

Achtenmeyer muss an etwas denken, das ihm ein alter Kommilitone neulich erzählte. Der Kommilitone ist ein wenig aus der Art geschlagen und arbeitet bei einer Hilfsorganisation der katholischen Kirche. Dort bekommen die Angestellten, weil sie qua Beruf Gutes tun, einen Generalablass. Einen Gnadenakt also, der ihnen zwar nicht die Sünden selbst vergibt, aber immerhin zeitliche Sündenstrafen erlässt. Plötzlich ist sich Achtenmeyer nicht mehr sicher, ob er den Kommilitonen richtig verstanden hat. "Generalablass" durch eine company klingt doch etwas schräg in einer Zeit, da alle nur stock options und das neueste Smartphone wollen.

Andererseits hat Achtenmeyer sich durch Fakten noch nie aufhalten lassen, und man mag über einen Generalablass beziehungsweise dessen Existenz denken, was man will, aber eines ist dieser selling point ganz sicher: unique. Schicke Geschäftsreisen und bunte Werbespots mögen ja ganz nett sein, aber das wäre eine ganz andere Nummer, mit Auswirkungen weit über das Leben hinaus. Was könnte schließlich nachhaltiger sein als die Ewigkeit? Wie schick das schon klingt, probiert Achtenmeyer im Geist aus: "Wir bieten Ihnen ein marktübliches Gehalt, Dienstwagen, Firmenpensionsfonds - und natürlich unseren Generalablass auf alle Ihre Sünden."

Schon mal was von Luther gehört?

Kurz: Eine großartige Idee, die wie so viele großartige Ideen am operativen Klein-Klein scheitert. Bürokratische Details versperren Achtenmeyer den Weg, wohin auch immer er sich in den nächsten Tagen wendet. Vor allem die Kirche selbst gibt sich starrsinnig: Weltliche Unternehmen dürfen keine Ablässe erteilen. Selbst sein Angebot, eine nicht unerhebliche Summe für, sagen wir, ein Dutzend Ablässe zu spenden, wurde äußerst schmallippig aufgenommen. Derlei Praktiken, beschied man ihn verschnupft, seien schon seit 1567 strengstens verboten. Ob er schon mal was von Martin Luther gehört habe?

Nachdem ihm höhere Mächte dergestalt eine deutliche Abfuhr erteilt haben, ist Achtenmeyer wieder ganz auf sich allein gestellt. Auf sich und auf die Methoden, die sich in Jahrzehnten bewährt haben. Sicher, Einzigartigkeit ist eine schöne Sache - aber wer sagt denn, dass nicht auch einzigartig ist, wer einfach mehr vom Gleichen hat? Eben.

Als Unkel wieder vor ihm sitzt und schon zu seinem theatralischen Händeringen ansetzt, lässt Achtenmeyer ihn gar nicht erst zu Wort kommen. "Lassen Sie mich gleich zu Anfang eine Kleinigkeit in Bezug auf Ihr Einstiegsgehalt korrigieren", sagt er und nennt einen um 10000 Euro höheren Betrag. Das Händeringen hört abrupt auf. Unkel unterschreibt.

+++ Lessons learned +++

1. The one and only: Einfach nur irgendein gutbezahlter Job, das reicht vielen Absolventen nicht mehr. Sie wollen in einem besonderen Unternehmen arbeiten - und plötzlich müssen auch Firmen tun, was sie bislang nur von Bewerbern verlangt haben: ihre Stärken betonen und sich auf das besinnen, was sie einzigartig macht.

2. Sinnsuche: Ordentliches Gehalt und gute Aufstiegschancen setzen die Bewerber heute voraus. Noch besser, wenn der künftige Arbeitgeber auch etwas tut, was die Welt verändert, idealerweise zum Besseren. Kein Wunder, dass viele US-Absolventen sich selbständig machen oder in Non-Profit-Organisationen anheuern statt wie früher bei Beratungen und an der Wall Street.

3. Strohfeuer: Auch wenn Achtenmeyer mit dem erhöhten Einstiegsgehalt überzeugen kann - das Risiko dabei ist groß, dass der Effekt nicht lange anhält. Angestellte sollten sich mit dem identifizieren, was sie tun - und nicht mit ihrem Gehaltsscheck.

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1.
demokrit2012 03.04.2013
Zitat von sysopWer die wirklichen Talente gewinnen will, muss mehr bieten als haufenweise Geld und dicke Dienstwagen. Zum Beispiel einen Sündenerlass. Der hat immerhin Ewigkeitswert und ist somit vorbildlich nachhaltig. Aber schwierig zu organisieren, wie Klaus Werle in seiner Karriere-Kolumne zeigt. Nach Diktat verreist: Gut bezahlt und sündenfrei - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/a-892087.html)
Was viele Firmen nicht sehen ist, dass viele Bewerber heute nicht mehr motiviert auf "bezahlte Sklavenarbeit" sind. D.h. überall wo 50 und mehr Stunden "erwartet" werden (teilweise bis zu 80 pro Woche) merken Personaler inzwischen, dass immer weniger Bewerber bereit sind, dies auf sich zu nehmen. Vielen wird doch die Work-Life-Balance und insbesondere auch die Familie wieder wichtiger. Und dies können auch hohe Einstiegsgehälter und tolle Firmenwagen nicht kompensieren. Warum wundern sich da Firmen, dass sie nur soziale Legastheniker bekommen, wenn Arbeitszeiten von 60 Stunden anscheinend bei einigen normal sind. Daher der Aufruf an alle Konzerne: Wenn Ihr gute Mitarbeiter wollt, erlaubt Ihnen auch ein Privatleben mit nicht mehr 40(+10%) Arbeitsstunden pro Woche, flexible Arbeitszeiten und familienfreundliche Angebote (Firmen-KiTas mit ausreichenden Plätzen, HomeOffice bei Bedarf, etc...). Der Bewerberkreis erweitert sich deutlich und plötzlich ist ein hohes Einstiegsgehalt und der tolle Firmenwagen gar nicht mehr so wichtig. Und die Führungskräfte der nächsten Generation haben dann vielleicht auch einen sozialen IQ über 100...
2. meiner Erfahrung nach
sarang he 03.04.2013
gibt´s den immerwährenden Generalablass nur für "High Potentials", Absolventen von Eliteschulen sowie für Karrieristen mit der Umschreibung Tochter bzw. Sohn.
3. Fällt auch Werle nicht sinnvolles mehr ein?
BettyB. 03.04.2013
Vielleicht sollte er mal vor dem Diktat verreisen...
4. Bewerber
eigene_meinung 03.04.2013
Ein Bewerber sollte sich genau anschauen, wie eine Firma mit langjährigen Mitarbeitern umgeht. Werden auch ältere Mitarbeiter für hervorragende Leistungen belohnt? Gibt es auch außerhalb der üblichen Hierarchie (fachliche) Karrieremöglichkeiten? Oder werden die Mitarbeiter ständig neuen Schikanen ausgesetzt (immer voller besetzte und lautere Großraumbüros, Mobbing durch Chefs, unerfüllbare Anforderungen)? Gibt es regelmäßige Massenentlassungen? Werden Betriebsvereinbarungen eingehalten? ...
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  • Klaus Werle (Jahrgang 1973) ist Redakteur beim manager magazin und Buchautor ("Die Perfektionierer"). In seiner Kolumne "Nach Diktat verreist" demonstriert Protagonist und Mittelmanager Achtenmeyer regelmäßig, dass Karrieremachen wirklich ganz einfach ist. Nach allem, was er so hört.
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