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Ältere Piloten Dem Himmel und der Rente so nah

Ältere Piloten: Sorry, wir haben die Rente verfehlt Fotos
dpa

Sorry, wir haben den Ruhestand verfehlt: Manche Piloten bekommen gern den frühen Ausstieg aus dem Cockpit üppig versüßt, andere möchten mit über 60 Jahren weiter fliegen. Dürfen sie, haben Europas oberste Richter entschieden - und beflügeln eine Debatte über den Sinn des Zwangsruhestands.

Nach einem stressigen Berufsleben gehen Piloten, Fluglotsen oder Ärzte oft früher in Rente als erst zum 65. Lebensjahr. Das darf allerdings kein Muss sein: Ein Zwangsruhestand für Piloten, die das 60. Lebensjahr vollendet haben, bedeute eine unzulässige Diskriminierung wegen des Alters. So hat der Europäische Gerichtshof (EuGH) am Dienstag geurteilt.

Es ist eine Entscheidung mit Signalwirkung und mit Konsequenzen vor allem für die Lufthansa, aber auch für andere Unternehmen. Fortan dürfen Flugkapitäne länger arbeiten und bis 65 Jahre aktiv sein, wenn sie es wollen. Der Pilotenberuf gilt als Traumjob. Im Cockpit eines Airbus zu sitzen, der mit 950 Stundenkilometern durch die Welt fliegt und abends in New York oder Hongkong landet, garantiert den Kapitänen neben interessanten Erfahrungen Spitzengehälter.

Während andere Berufsgruppen sich gegen Arbeit bis ins hohe Alter sträuben, haben drei Lufthansa-Piloten dagegen gekämpft, mit 60 Jahren gegen ihren Willen in den Ruhestand geschickt zu werden. Das Argument der Kläger: "Wir sind fit und kompetent und möchten weiterfliegen." Die Richter berufen sich in ihrem Urteil auf das Gleichbehandlungsgesetz, das jede Diskriminierung im Berufsleben verbietet. Zwar seien Auflagen möglich bei Berufen, für die besondere körperliche Fähigkeiten notwendig seien. Doch da internationale Behörden Piloten bis zum Alter von 65 Jahren als fit genug ansähen, müsse dies auch für Deutschland gelten (Aktenzeichen C-447/09).

Viele Piloten steigen gern früh aus dem Cockpit

Das Musterurteil sorgt nicht nur in der Luftfahrtbranche für Aufsehen. Als konkrete Folge muss die Lufthansa den Tarifvertrag für die rund 4200 Piloten neu aushandeln. Voraussichtlich werde man die alte Regelung beibehalten und zusätzlich älteren Piloten auf freiwilliger Basis ein längeres Berufsleben ermöglichen, heißt es in Luftverkehrskreisen.

Der Airline Condor stehen ebenfalls Klagen ins Haus. Ekkehard Helmig, Anwalt der drei Kläger, vertritt 75 Piloten in ähnlichen Fällen gegenüber Lufthansa und Condor. "Wir wollen nun mit den Fluggesellschaften in Kontakt treten und Einzelfalllösungen anstreben", kündigte Helmig an.

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Fluglotsen: Herrscher über grüne Punkte
Auch andere Berufsgruppen denken neu nach. So prüft die Deutsche Flugsicherung (DFS) das Urteil auf mögliche Folgen. Die rund 2000 Fluglotsen in Deutschland üben einen zehrenden und anspruchsvollen Job aus und gehen bislang mit 55 in den Ruhestand - wenn sie wollen, auch schon mit 52 Jahren.

Die meisten Lufthansa-Piloten dürften den Klageerfolg des Trios allerdings eher als Bärendienst empfinden. Die Lufthansa zahlt eine üppige Übergangsversorgung mit einer Zusatzrente von bis zu 60 Prozent des Brutto-Monatslohns; die genaue Höhe hängt auch von der Konzerngesellschaft ab. Das hat vielen Piloten bisher den Vorruhestand versüßt, bevor später die gesetzliche Altersrente greift. Flugkapitäne etwa beim wichtigsten nationalen Konkurrenten Air Berlin können davon nur träumen - dort wird bis 65 geflogen.

Sind ältere Piloten ein Verkehrsrisiko?

Bislang dürfen nach internationalen Standards Piloten bis zum Alter von 65 Jahren ins Cockpit von Passagier- und Frachtmaschinen steigen, ab 60 aber nur noch mit einem jüngeren Piloten an ihrer Seite. Aus Kulanz haben viele Airlines mit den Gewerkschaften niedrigere Grenzen vereinbart. In der Realität verlassen die meisten der rund 70.000 Kapitäne in Europa das Cockpit laut Europäischer Pilotenvereinigung ECA schon früher.

Manche begeisterten Flieger wollen sich aber nicht einfach vom Himmel holen lassen. Sind ältere Piloten ein Risiko, etwa wegen längerer Reaktionszeiten oder möglicher Krankheiten? "Die Wahrscheinlichkeit, einen Herzinfarkt oder eine schwere Krankheit wegen Schichtarbeit zu bekommen, steigt im Alter", sagt Jörg Handwerg, Sprecher der Vereinigung Cockpit, die sich vom Urteil enttäuscht zeigte. Zahlen über Unfälle lägen aber nicht vor.

Eine Studie der kalifornischen Stanford Universität kam 2007 nach Tests an 118 Piloten zu einem anderen Ergebnis. Demnach machten Piloten über 60 ihren Job sogar besser als jüngere Kollegen. "Wer die Fähigkeiten älterer Arbeitnehmer richtig einschätzen will, darf nicht nur einfach mit der Stoppuhr die Reaktionen messen", lautete das Fazit der Studienleiterin Joy Taylor. Immerhin ist es ein Beruf, in dem auch Erfahrung und die richtige Einschätzung von Gefahrensituationen eine große Rolle spielt.

Unvergessen ist etwa die Ruhe und Umsicht, mit der US-Pilot Chesley B. Sullenberger einen Airbus 2009 auf dem Hudson River in New York notwasserte. Alle Passagiere überlebten. Diese Meisterleistung, die ihn zum "Helden vom Hudson" machte, gelang Sullenberger kurz vor seinem 58. Geburtstag. Gut ein Jahr später, im März 2010, ging er in den Ruhestand.

Erfahrene Kapitäne sind teuer

Bei der Altersgrenze geht es nicht allein um Sicherheit, auch um die Kosten. Alte Berufspiloten sind teuer, nach Gewerkschaftsangaben bekommt ein erfahrener Kapitän rund 200.000 Euro Jahresgehalt. Je früher ein Pilot seinen gut dotierten Arbeitsplatz für Jüngere frei macht, umso eher kann die Airline Geld sparen.

Das Urteil stößt aber auch die Diskussion über den Sinn eines Zwangsruhestands angesichts einer alternden Gesellschaft mit Fachkräftemangel an. Der Rentenexperte Professor Axel Börsch-Supan vom Max-Planck-Institut in München nennt Altersgrenzen "unsinnig". Das deutsche Rentensystem sei zu unflexibel: "Menschen mit 40 machen genauso viele Fehler wie mit 70. Man kann nicht am Alter festmachen, wie gut oder sicher jemand ist."

Auch Union und FDP wollen gesetzliche und tarifrechtliche Altersgrenzen abschaffen. "Das Maß für tarifliche Altersgrenzen muss die körperliche und geistige Fähigkeit sein", sagte Hessens Justizminister Jörg-Uwe Hahn (FDP) nach dem Urteil. Die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, Christine Lüders, begrüßte das Luxemburger Urteil. "Diese Entscheidung sollten wir zum Anlass nehmen, Altersgrenzen in Tarifverträgen kritisch zu überprüfen", sagte sie, "der an das Alter geknüpfte Zwang zum Aufhören ist nicht mehr zeitgemäß."

Den klagenden Piloten wird das Urteil allerdings die Rückkehr ins Cockpit nicht mehr möglich machen: Nach Angaben ihres Anwalts Helmig erreicht einer bald die gesetzliche Altersgrenze von 65 Jahren, ein anderer ist bereits gestorben.

Von Marion Trimborn und Christian Ebner, dpa/jol

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insgesamt 28 Beiträge
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1. s
Steinwald 13.09.2011
also erstens finde ich pilotenbashing doof, dieses "sich den ruhestand versüssen lassen" kann man auch lassen. zweitens: ich bin der meinung, wer arbeiten kann und arbeiten will, soll das tun, bis er tot umfällt. betonung auf "kann", denn natürlich muss, etwa im falle der piloten, sicherfgestellt sein, dass die nicht im cockpit verwesen. die haben ja verwantowrtung. aber wer als strassenfeger oder melker oder prof oder wer weiss was arbeiten will, bis die pilze spriesse, möge das tun. finde ich gut. entlastet auch die rentenkassen.
2. -
PZF85J 13.09.2011
Zitat von sysopSorry, wir haben den Ruhestand verfehlt: Manche Piloten bekommen gern den frühen Ausstieg aus dem*Cockpit üppig versüßt, andere möchten mit über 60 Jahren weiter fliegen. Dürfen sie, haben Europas oberste Richter entschieden - und beflügeln eine Debatte über den Sinn des Zwangsruhestands.* http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,786067,00.html
Ich war ja schon wieder einmal versucht, nach dem Lesen der ersten beiden Absätze den Artikel zuzuklappen, ist doch die Einleitung ziemlich dünn: Nicht nur Kapitäne dürfen bis 65 fliegen, auch FO dürfen das. (Nicht alle FO werden auch Kapitän.) Und wenn alle Flüge abends landen würden (nicht nur in New York oder Hongkong, das wäre schön. Ist aber nicht so. Der 287. layover in Hongkong macht auch nicht mehr so richtig Freude. Aber jetzt zum eigentlichen Thema: Es ist noch gar nicht so lange her, da durfen LH-Piloten schon mit 55 in den Ruhestand. Die fünf zusätzlichen Jahre hat sich die Vereinigung Cockpit (VC) damals ziemlich teuer abkaufen lassen. Schön, dass jetzt die Karten einmal andersherum gemischt werden. Der Handwerg schummelt nämlich. Es geht nicht um die Belastung der alten Fliegersleut', es geht um Arbeitsplätze und "heisse" Jungs im vermeintlich guten Alter, die aktiv in der VC-Politik - und sei es nur als aktiver Mitläufer - mitmachen. Die Milchmädchen-Rechnung verstehe ich übrigens nicht. Wir ein alter Kapitän (200.000 EUR im Jahr, in Wirklichkeit ist es mehr) durch einen jungen Kapitän (130.000 EUR) ersetzt, dann kostet der alte immer noch 80% = 160.000 EUR an Übergangsversorgung. Dazu kommen dann noch die "jungen Kosten", macht in der Summe 290.000 EUR. Die VC-Arithmetik muss aber auch nicht jeder verstehen.
3. Nun ja,
seppfrieder 13.09.2011
nach dem Absolvieren der entsprechenden Reaktions- und Gesundheitstests spricht nichts dagegen. Vormir aus auch noch mit Hundert. Nur darf aber keiner kommen und weinen das er nicht fliegen darf und somit den entsprechenden Verdienstausfall hat, weil gerade kein zweiter Pilot unter 60 jahren zur Verfügung steht.
4. Führerscheinerneuerung ab 60
Peter42, 13.09.2011
Da immer wieder die Debatte um die Führerscheinerneuerung ab 60 im Raume steht, sollte das für Piloten erst recht gelten. Wenn diese gesundheitlich Arbeitsfähig sind, dann immer ran. Wenn nicht, aussortieren und gut ist. Ich weiß nur nicht, warum geheult wird, das man mit diesem Gehalt vorzeitig in Rente geht und dann wohl bitterarm im Alter dahinvegetieren muss? Hier in BRD gehen Informatikingenieure mit 35.000 per Anno nach Hause, die Spitzenverdiener mit mehr als 70.000 sind eher rar, dafür aber um so öfter in den Gehaltsklassenvergleichen genannt. Als Pilot noch um die letzten Cents zu feilschen und gerade, wenn es um den Ruhestand geht, ist aus meiner subjektiven Sicht anstandslos. Hätte ich meinen ersterlernten Beruf bis zum Ende ausgeübt,(Bergmann) wäre ich heute in wohlabgesicherter Rente, aber dank Fleiß und selbstfinanziertem Studium darf ich noch 15 Jahre ohne mehr Rente zu haben, die Gesellschaft bedienen. Da denke ich mir manchmal, wer mit 60 nicht genug hat, ist selber schuld und sollte dann auch aktiv arbeiten und nicht für entgangenen Mehrlohn die Gerichte bemühen. Meiner Meinung nach gehts hier nur darum, die Rente nachträglich zu erhöhen und nicht um das Recht auf Arbeit. Also nochmals neben der Abfindung, der Rente, dem Boot an der Riviera und dem häßlichen SLK in der Doppelgarage noch mal nen Nachschlag zu holen, ohne dafür hinters Flugruder zu müssen.[Minuspunkt] Auch ist da ein gewisses Abwehrverhalten gegenüber den modernen Flugassistenzsystemen nicht unbeteiligt, aber ich möchte nicht zu tief in die Materie einsteigen, das Stammtischmeckern reicht mir im Moment. Morgen ist Mittwoch, das ist immer ein guter Tag, um neue Entscheidungen zu treffen. Muss mal mein Altersversorgungspaket überprüfen, 160.000,- p.a. ist da weit entfernt von meinem gut und böse....
5. Leider völlig falsche Zahlen
abi68 13.09.2011
Wie immer, wenn es um Pilotengehälter und üppige Renten geht wird gerne mit falschen Zahlen gearbeitet. Handelt es sich dann auch noch um Lufthansa Kapitäne so geht fast jedem Autor regelmässig die Fantasie durch. Ich hab mal nachgeschaut: Die maximale Übergangsversorgung ist bei 60% des letzen Gehalts gedeckelt. Nach 35 Jahren erreicht man diese 60%. Abgezogen werden davon ca 8.5% (für das 13.Gehalt), es verbleiben somit ca 55%. Für einen langjährigen Kapitän (über 35 Jahre) vermindert sich das Monatsgehalt auf diesen Betrag. Gleichzeitig meldet die Lufthansa ihn bei der Kranken- un Pflegekasse ab. Einen Arbeitgeberanteil zahlt Lufthansa nicht mehr, die ca 700€ Beitrag monatlich vermindern seine Übergangsversorgung auf ca 52% des letzten Gehalts. Da würde jeder Beamte oder Abgeordnete nur müde lachen. Ob er will oder nicht sitzt der Kapitän jetzt ohne Job da, während die Kollegen bei LH Cityline und Germanwings munter weiterfliegen. Dies möge die Vereinigung Cockpit mir bitte erklären. Deshalb haben allein über RA Helmig schon 75 Kapitäne Klage erhoben und täglich werden es mehr. Fast alle wollen über 60 weiterfliegen und auf die LH kommen jetzt gewaltige Zahlungen aus den Kündigungsschutzklagen zu. Ich gönne LH und VC diese Niederlage. Die LH hat gegen ihre Piloten gehandelt und sie entlassen. Noch schlimmer die Gewerkschaft VC, die gegen die Interessen ihrer Mitglieder Politik gemacht. Dank an den EuGH-
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