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09. Dezember 2012, 13:50 Uhr

Deutschlands älteste Buchhändlerin

Ruhestand? Ich bin doch erst 90!

Die Regale im Buchladen stammen noch vom Großvater, sie sind aus dem Jahr 1880. Neue Bücher bringt Helga Weyhe in Salzwedel auch gern persönlich vorbei. Die 90-jährige Buchhändlerin will noch lange nicht aufhören zu arbeiten. Was sie furchtbar findet: Krimis.

Für ihre Bücherlieferungen braucht Helga Weyhe keinen Paketboten, sondern nur ihren Gehstock. Mit dem Stock in der einen und den Büchern in der anderen Hand läuft sie durch Salzwedel, ein Städtchen in Sachsen-Anhalt, und bringt die Bestellungen persönlich zu ihren Kunden. Weyhe ist die älteste Buchhändlerin Deutschlands. Am Dienstag feiert sie ihren 90. Geburtstag.

Sechs Tage die Woche hat sie geöffnet, nur zwei Stunden Mittagspause gönnt sie sich - und manchmal eine Aushilfe. An den Ruhestand denkt die zierliche Frau mit den kurzen grauen Haaren und der Brille am Band immer noch nicht. "Es kommen so nette Kunden", sagt sie.

Die Regale in ihrem Laden sind 130 Jahre alt. Das Geschäft führten vor ihr schon ihr Vater und ihr Großvater, 1840 hat er es gegründet. In der Wohnung über dem Laden wurde Helga Weyhe geboren. Sie wohnt noch heute dort, allein. Kinder hat sie nicht. In ihren Bücherregalen stehen die Werke von Fontane, Heine, Goethe und Schiller. Krimis besitzt sie nicht, die verkauft sie noch nicht einmal in ihrem Laden. "Es wird viel zu viel gedruckt", sagt sie.

Weyhe hat ganz eigene Vorstellungen vom Sortiment ihres Ladens: Sie verkauft nur die Bücher von ausgewählten Verlagen, deren Programme ihr besonders gefallen. Jedes Buch, das sie in den Laden stellt, liest sie zumindest quer. "Ich will wissen, worum es geht", sagt sie. Ihre aktuelle Kaufempfehlung: Eine Neuauflage von Erika Manns "Stoffel fliegt übers Meer". Darin beschreibt die Tochter von Thomas Mann die Reise eines Jungen als blinder Passagier in einem Zeppelin zu seinem reichen Onkel nach New York.

Ihr Vater habe ihr dieses Buch geschenkt, als sie zehn Jahre alt war, erzählt Helga Weyhe. Sie hatte damals auch einen Onkel in New York, auch er war Buchhändler. Oft träumte sie sich nach Amerika. Die Reise gelang ihr aber erst im hohen Alter. Das Straßenschild mit der Aufschrift "794 Lexington Ave" hängt heute an einem der Regale.

Sogar einen Amerika-Kalender hat sie im Angebot, er hängt über dem Kalender der Stadt Salzwedel. Kein Zufall, sagt die alte Dame. Fernweh habe sie selbst oft gehabt: "An sich wäre ich gern Bibliothekarin geworden in einer Universitätsbibliothek." Gern hätte sie auch in einen Verlag hineingeschnuppert und in eine Druckerei. Doch die Verpflichtung, den Laden der Familie zu führen, wog schwerer.

1945 stieg sie in das Geschäft des Vaters ein, zuvor hatte sie studiert, in Breslau, Königsberg und Wien. 1965 übernahm sie den Laden. In der DDR wurde sie nur spärlich beliefert, konzentrierte sich deshalb auf christliche Literatur und Fachbücher. Selbst aus dem nahen Niedersachsen kamen immer wieder Kunden. Das Sortiment hat Weyhe nach dem Fall der Mauer wieder erweitert. Vor allem Kinder- und Jugendbücher verkauft sie gern.

Dörthe Hein/dpa/vet

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