Für ihre Bücherlieferungen braucht Helga Weyhe keinen Paketboten, sondern nur ihren Gehstock. Mit dem Stock in der einen und den Büchern in der anderen Hand läuft sie durch Salzwedel, ein Städtchen in Sachsen-Anhalt, und bringt die Bestellungen persönlich zu ihren Kunden. Weyhe ist die älteste Buchhändlerin Deutschlands. Am Dienstag feiert sie ihren 90. Geburtstag.
Sechs Tage die Woche hat sie geöffnet, nur zwei Stunden Mittagspause gönnt sie sich - und manchmal eine Aushilfe. An den Ruhestand denkt die zierliche Frau mit den kurzen grauen Haaren und der Brille am Band immer noch nicht. "Es kommen so nette Kunden", sagt sie.
Die Regale in ihrem Laden sind 130 Jahre alt. Das Geschäft führten vor ihr schon ihr Vater und ihr Großvater, 1840 hat er es gegründet. In der Wohnung über dem Laden wurde Helga Weyhe geboren. Sie wohnt noch heute dort, allein. Kinder hat sie nicht. In ihren Bücherregalen stehen die Werke von Fontane, Heine, Goethe und Schiller. Krimis besitzt sie nicht, die verkauft sie noch nicht einmal in ihrem Laden. "Es wird viel zu viel gedruckt", sagt sie.
Ihr Vater habe ihr dieses Buch geschenkt, als sie zehn Jahre alt war, erzählt Helga Weyhe. Sie hatte damals auch einen Onkel in New York, auch er war Buchhändler. Oft träumte sie sich nach Amerika. Die Reise gelang ihr aber erst im hohen Alter. Das Straßenschild mit der Aufschrift "794 Lexington Ave" hängt heute an einem der Regale.
Sogar einen Amerika-Kalender hat sie im Angebot, er hängt über dem Kalender der Stadt Salzwedel. Kein Zufall, sagt die alte Dame. Fernweh habe sie selbst oft gehabt: "An sich wäre ich gern Bibliothekarin geworden in einer Universitätsbibliothek." Gern hätte sie auch in einen Verlag hineingeschnuppert und in eine Druckerei. Doch die Verpflichtung, den Laden der Familie zu führen, wog schwerer.
1945 stieg sie in das Geschäft des Vaters ein, zuvor hatte sie studiert, in Breslau, Königsberg und Wien. 1965 übernahm sie den Laden. In der DDR wurde sie nur spärlich beliefert, konzentrierte sich deshalb auf christliche Literatur und Fachbücher. Selbst aus dem nahen Niedersachsen kamen immer wieder Kunden. Das Sortiment hat Weyhe nach dem Fall der Mauer wieder erweitert. Vor allem Kinder- und Jugendbücher verkauft sie gern.
Dörthe Hein/dpa/vet
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