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Arzt-Service für Vielflieger Bohrer statt Wartehalle

Medizin to fly: Welcher Airport welchen Service bietet Fotos
Fotodesign Ralf Baumgarten

Was tun mit der Wartezeit zwischen den Flügen? Eine sinnvolle Möglichkeit: zum Arzt gehen. Deutschlands Flughäfen werben mit präzise getakteten medizinischen Behandlungen um die Gunst der Nomaden. Die Grenzen setzt nur der Himmel.

Hamburg - Vielflieger sind vor allem eines: Vielwarter. Warten vor dem Check-in, warten vor der Sicherheitskontrolle, warten vor dem Boarding, warten auf den nächsten Flieger. Und dazwischen: noch mehr Wartezeit. Was tun? Die Geschäfte am Flughafen bieten überteuerten Schnickschnack, die Cafés haben meist nicht mehr Charme als eine zugige Wartehalle, die E-Mails auf dem Laptop im Handgepäck sind längst abgearbeitet.

Genau auf diese ungebuchten Stunden in den digitalen Kalendern der Flughafen-Nomaden haben es Dienstleister abgesehen, die man an solchen Orten nicht unbedingt vermutet: Ärzte. Medizin to go - so lässt sich das Konzept auf den Punkt bringen. Für Menschen, die ohnehin nur wenig Zeit an einem Ort verbringen, kann dieser Service durchaus sinnvoll sein.

Eine Zahnreinigung nach dem Boarding? Ein Blutwerte-Check vor dem nächsten Anschlussflug? Kein Problem. Ein kurzer Anruf einen Tag vorher genügt und der Termin wird minutiös mit dem Flugplan des Patienten abgestimmt. Auf fünf der sechs größten Flughäfen Deutschlands sind Ärzte direkt vor Ort mit ihren Praxen vertreten. Das Spektrum an angebotenen Leistungen ist von Airport zu Airport unterschiedlich.

Rund um die Uhr Rezepte

In München ist die Vielfalt am größten: Augenärzte, Frauenheilkunde, eine Hals-, Nasen-Ohren-Praxis, ein Dermatologe, Physiotherapie, sogar eine Ärztin für Innere Medizin und einen Zahnarzt findet man am Flugdrehkreuz der bayerischen Hauptstadt. "Untersuchungen und Check-ups sind nach vorheriger Terminvereinbarung auch zwischen zwei Flügen machbar", sagt Barbara Schindler, Leiterin des Medizinischen Zentrums am Flughafen München. Auch das Ausstellen von Rezepten ist rund um die Uhr an sieben Tagen in der Woche möglich - praktisch, wenn ein gestresster Manager mal wieder das Heuschnupfenmittel nicht im Handgepäck hat.

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12  Bilder
Wetterbeobachter am Flughafen: Vollzeitjob als Guck-in-die-Luft
Auch am Flughafen Köln/Bonn hat man es besonders auf zahlungskräftige Vielflieger abgesehen. Mit klassischen Warteräumen haben die Lounge-Sessel und aufwendig beleuchteten Tresen der "Medical + Dental Suite" kaum noch etwas gemein. "Wir bieten Flugreisenden Behandlungen im allgemeinmedizinischen und zahnmedizinischen Bereich an", erklärt Leiter Jochem Heibach. Geöffnet ist die Praxis - wie auch der Flughafen - an 365 Tagen im Jahr. Feiertage gibt es für die neun behandelnden Ärzte vor Ort nicht. Dafür dürfte auch die Zahl an lukrativen Privatpatienten unter den Bonus-Meilen-Sammlern besonders hoch sein.

Bloß keine Nachblutungen riskieren

Zahnärzte sind auf den Airports der Bundesrepublik am häufigsten vertreten. "Die Behandlungen von Fluggästen bei kurzen Aufenthalten ist ein Wachstumsfeld für uns", sagt auch Kathrin Tobien, die eine Praxis am Frankfurter Flughafen betreibt. Freilich kommt nicht jede Behandlung vor einem Flug in Frage. Chirurgische Eingriffe beispielsweise sind nicht machbar. "Wegen der Druckunterschiede kann es während des Fluges zu Nachblutungen kommen" erklärt Tobien.

Füllungen, Kronen oder Zahnreinigungen sind dagegen unproblematisch. Auch die schnelle Therapie von plötzlich auftretenden Zahnschmerzen gehört zum üblichen Service. Ebenfalls kein Problem: Keramikinlays innerhalb von 24 Stunden. Das funktioniert so: Vor dem Hinflug nimmt der Arzt den Zahnabdruck, nach dem Rückflug wird das in einem eigenen Labor angefertigte Inlay eingesetzt. Was gemacht werden kann und was nicht, sollte direkt bei der Terminvereinbarung abgesprochen werden.

Noch ist die zeitoptimierte Behandlung von Reisenden vielerorts eher ein Nebengeschäft. Die weitaus größere Zahl der Patienten gehört zum Personal. Kaum verwunderlich: Allein am Köln/Bonn Airport, dem sechstgrößten Flughafen Deutschlands, arbeiten 12.000 Menschen. Vielen kommt ein kurzer Weg zum Arzt sehr gelegen.

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insgesamt 4 Beiträge
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1. "Heutzutage" - hat man ja sooo wenig Zeit.
Stuhlbeinsäger 29.03.2012
Ach, wie praktisch. Der zeitnotgeplagte Globalbürger, der mit dem unscheinbaren Wörtchen "heutzutage" sämtliche Blödnisse und Wirrungen des Jetzt zu entschuldigen glaubt, kann jetzt statt iPhone-daddeln oder Wichtiginstelefonplärren oder scheinkonzentriertimhandelsblattblättern seinen Zahnstein entfernen lassen. Darauf hat die mobile Welt nur noch gewartet. "Letzter Aufruf für Frau Hackbarth-Laufenkötter, bitte begeben Sie sich umgehend zu Flugsteig A42." Da muss sie aber schnell ausspucken, und wie dumm, dass sich bei der Zahnbehandlung herausgestellt hat, dass es doch etwas länger dauern könnte. Da muss sie sich fragen: verpasse ich zugunsten der Gesundheit lieber den Flieger oder hetze ich zum Gate und gehe morgen doch noch zu meinem Haus-Zahnarzt. Bringt natürlich nur etwas für die ganz Gutbetuchten, also Privatversicherten, denn alle anderen müssten ja jedes Mal erneut 10 Euro Begrüßungsgeld abdrücken. Es sei denn, sie hätten stets die Belege vom Arzt und Zahnarzt dabei. Also die Belege, nicht die Beläge, die wollen sie ja gerade entfernen lassen. Jaja, "heutzutage" ist es ja soooo chic, das Zeitnotopfer zu geben, und dabei haben wir doch alle Waschmaschinen, Trockner und Spülmaschinen zu Haus, die uns die Arbeit abnehmen, die Kommunikation erledige wir von unterwegs dank Smartphone, Laptop usw. Da müsste doch viel mehr Zeit für zu Haus, Privat, Arzt & Co. übrig sein. Aber nein. Das, was noch übrig ist, verdaddeln wir lieber auch im Café mit Mails-Check, Whats-App und stehen auch gern mal für einen total angesagten Starbucks-Unfair-Schaumtrunk für 3,50 EUR im Pappbecher an, weil wir doch beim letzten Shoppingtrip nach USA in der Nachbarschaft von Century 21 gesehen haben, dass alle Börsianer ihr Zeug nur noch im Gehen saufen. Das müssen wir natürlich auch, sonst sind wir nicht mehr angesagt. Porzellantasse im Sitzen, geh fort, das ist doch sowas von Retro. Jaja, die schöne neue Welt. Möge Euch der Turbinenbohrer sonstwo steckenbleiben, wenn Ihr wie von der Tarantel gestochen aus dem Sitz springt, weil Ihr Abflug- mit Boardingzeit verwechselt habt.
2. Kausalitäten
rotakiwi 30.03.2012
Zitat von Stuhlbeinsäger[...]
Der Tenor Ihres Postings "Entschleunigung" und "Entstressung" ist begrüßenswert, aber ich glaube, dass Sie Ursache mit Wirkung verwechseln. Nicht WEIL man im gehen Kaffee trinkt und gleichzeitig per Whatsapp was schreibt, hat man wenig Zeit, sondern Coffee-to-go und Whatsapp sind FOLGEN der allgemeinen Beschleunigung. Man würde sonst extra fürs Kaffeetrinken und Briefeschreiben nach Hause fahren und bei der Fahrt dadurch auch noch Zeit und Treibstoff verbrauchen. Kennen Sie nicht das unangenehme Gefühl, im Wartebereich unnötig Zeit zu vergeuden, weil man von den 10 Stunden, die einem an einem extra freigenommenen Tag für Hin- und Rückflug samt Erledigungen im nahen Ausland bleiben, zwei Stunden vergeudet? Wenn man immer nur in den Urlaub fliegt, ist das aber natürlich verständlich und der Wartebereich ist Teil der freudigen Aufregung. =)
3.
Altesocke 30.03.2012
Zitat von sysopEine Zahnreinigung nach dem Boarding? [...]Auf fünf der sechs größten Flughäfen Deutschlands sind Ärzte direkt vor Ort mit ihren Praxen vertreten.
Praxen im Flieger? Oder heisst 'nach dem Boarding' 'vor dem Betreten des Fliegers'? So 'im Vorbeigehen'? ;-]
4. Das war nett
querollo 02.04.2012
Zitat von Stuhlbeinsäger"Letzter Aufruf für Frau Hackbarth-Laufenkötter, bitte begeben Sie sich umgehend zu Flugsteig A42."
Ein wundervoller Beitrag, für den ich Ihnen aufrichtig danken möchte. Ich habe mich wirklich gut amüsiert - auch wenn ich inhaltlich nicht völlig mit Ihnen übereinstimme. Ich bin selbst Vielflieger und finde es prima, wenn ich die Wartezeit sinnvoll verbringen kann. Auf Interkontinentalflügen beläuft sich die Wartezeit ja schon mal auf ein paar Stunden. Da bin ich immer dankbar, wenn sich Masseure, Muckibuden, Schwimmbäder oder Schlafkapseln im Flughafen befinden. Zum Arzt zu gehen, könnte ich mir da auch prima vorstellen.
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