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Kleinstbetriebe Neue Regeln bedrohen Allround-Handwerker

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Mobile Alleskönner im Handwerk: Ist der Boom bald vorbei?

Fliesenschneider und Tapeziertisch in den Lieferwagen - fertig ist der Ein-Mann-Betrieb. Allround-Handwerker sind bei den Kunden beliebt. Doch eine Gesetzesänderung könnte viele zum Aufgeben zwingen.

Sergej macht eigentlich alles: Gestern hat er den Flur tapeziert, gerade hat er den Anstrich fertig. Und heute Nachmittag kümmert er sich um den Fliesenspiegel im Gästebad. Sergej arbeitet gewissenhaft, günstig, und er stellt saubere Rechnungen. Nur Elektriker-Aufträge lehnt er ab: Zu gefährlich, dafür könnte er nicht geradestehen.

Für Nachbarn, die ihn weiterempfehlen, ist Sergej "der geschickte Russe". Für Arbeitsmarktexperten ist er ein "werkstattloser Handwerker", ein Ein-Mann-Betrieb, ein Kleinunternehmer.

Die Werkstattlosen können fast alles: Klempnern, Trockenbauwände setzen, Türen einbauen. Ihre Aufträge erledigen sie auch abends oder am Wochenende - oft zu Stundenlöhnen unter 20 Euro. Ihre Werkstatt passt in einen Lieferwagen, sie kommen für kleinste Jobs. Von ihnen sind Zehntausende in Deutschland unterwegs - doch es könnten bald wieder weniger werden.

Jahrelang boomte ihr Geschäft. Seit 2004 kann man in Dutzenden Handwerken auch ohne Meisterbrief einen Betrieb gründen. Damals erhöhte der Bund auch die Förderung für Existenzgründer. Die Beschäftigung stieg, Schwarzarbeit ging zurück. Parallel drängten nach der EU-Erweiterung Handwerker aus Osteuropa auf den Markt.

42 Prozent sind Ein-Personen-Betriebe

Ob Fliesenleger oder Gebäudereiniger, Kosmetikerin oder Schneiderin: Von den 580.000 Handwerksunternehmen in der Bundesrepublik sind inzwischen 42 Prozent Ein-Personen-Betriebe, wie das Volkswirtschaftliche Institut für Mittelstand und Handwerk der Uni Göttingen (IFH) annimmt.

Die attraktiven Preise der Handwerker erklären sich auch aus dem kleinen Zuschnitt ihrer Betriebe. "Mein Tablet ist mein Büro", erklärt IFH-Geschäftsführer Klaus Müller. Die Digitalisierung erlaube, den Betrieb von der Baustelle aus zu führen. Kaum Verwaltungskosten, so gut wie keine Abschreibungen auf Gebäude und Maschinen - da kann man günstige Angebote machen.

Für Verbraucher füllen die Werkstattlosen oft eine Nische. "Sie erledigen auch Kleinstaufträge, die große Betriebe häufig nicht machen", sagt Müller.

Ist der Betrieb im Gewährleistungsfall noch da?

Probleme gebe es gelegentlich bei der Gewährleistung: "Sie sind noch nicht lange am Markt, und der Betrieb ist vielleicht in zwei, drei Jahren nicht mehr da." Auch die Qualität lasse manchmal zu wünschen übrig. Andererseits gibt es auch unter traditionellen Handwerksbetrieben immer wieder solche, die durch regelmäßige Insolvenzen und Neugründungen ihren Gewährleistungspflichten entgehen wollen.

Viele Solo-Selbstständige bieten gleich mehrere Gewerke an, ersetzen erst die gebrochene Fliese und tauschen dann noch die Dichtungen am Wasserhahn. Allein 120.000 dieser mobilen Generalisten zählte im vergangenen Jahr eine Studie für die Hagebau-Märkte, 50.000 mehr als 2005. Geschätzter Jahresumsatz: 14,7 Milliarden Euro. Die Auftraggeber der Studie freute es: Viele dieser Handwerker kaufen nicht im Großhandel, sondern im Baumarkt.

Doch Fachleute erwarten, dass die Zahl der Solo-Selbstständigen künftig eher sinkt als steigt. Denn seit dem vergangenen Sommer müssen sie in die Sozialkassen Umlagen für die Ausbildung entrichten. 900 Euro sind das im Jahr. Das ist viel Geld für die Kleinverdiener, die häufig nicht mal Umsatzsteuer bezahlen müssen, weil so wenig bei ihnen zusammenkommt.

Kampf gegen Scheinselbstständigkeit

"Die Ausbildung wird solidarisch durch alle Betriebe finanziert, auch durch die, die nicht ausbilden", erklärt Harald Schröer, der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands Deutsches Baugewerbe. Mit der Neuregelung werde eine "absolute Ungerechtigkeit" beseitigt.

"Viele werden das nicht zahlen können", heißt es beim Institut für Mittelstand und Handwerk. "Aber das war nicht Sinn und Zweck der Änderung", betont Schröer. Es gehe auch darum, Scheinselbstständigkeit zu bekämpfen. Immer mehr Unternehmer machten es sich zum Geschäftsmodell, Solo-Selbstständige zu beschäftigen - zu geringen Löhnen und ohne ausreichende soziale Absicherung.

Und Handwerksexperte Müller sieht noch einen weiteren Grund, warum der Boom der Werkstattlosen seinen Zenit überschritten haben könnte: "Es ist zu vermuten, dass bei der guten Arbeitsmarktlage nun häufiger eine abhängige Beschäftigung gewählt wird."

Für Sergej kommt das nicht in Frage: "Ich bin mein eigener Chef und kann gut davon leben. Warum sollte ich das ändern?"

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Burkhard Fraune, dpa/mamk

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insgesamt 99 Beiträge
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1. Mangelnde Qualität ist jedenfalls kein Argument.
bobrecht 10.02.2016
Die Qualität ist auch bei grösseren Betrieben nicht besser. Letztlich wird also nur die Schwarzarbeit wieder zunehmen.
2. Wie im Mittelalter.
gekreuzigt 10.02.2016
Gilden vernichten mit Hilfe der Obrigkeit die Existenz von Konkurrenten.
3. ...
jujo 10.02.2016
Das läuft doch genau wie bei einem Handwerksbetrieb über Reverenzen. Schludert der Einmannbetrieb beim Nachbarn, kann er Folgeaufträge vergessen. Bei mir kommt schon seit Jahrzehnten kein Handwerker in die Wohnung, jetzt Haus, über den ich mich nicht vorher erkundigt habe. Das ist zwar keine Garantie, bis jetzt bin ich aber gut damit gefahren.
4. Entkopplung
christiewarwel 10.02.2016
Sozialleistungen vom Lohn entkoppeln und durch Steuern finanzieren. Jede Art von Einkommen gleich besteuern. Dieses und etliche andere Probleme gelöst.
5. Qualität...
MartinB. 10.02.2016
Ein guter Bekannter hat sich als solch ein "Allrounder" selbstständig gemacht, weil er den ständigen, von oben befohlenen Pfusch am Bau nicht mehr mitmachen wollte: "Lass das mal mit dem Grundieren, das sieht hinterher eh keiner, wir schreiben das einfach mit auf die Rechnung". Großes Unternehmen schützt vor Pfusch nicht. Und je größer das Unternehmen, um so eher steht man im Garantiefall blöd da, weil die Firma darauf setzt, dass man es lieber auf sich beruhen lässt als sich mit der Rechtsabteilung anzulegen.
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