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Kuriose Flugzeugmöbel Triebwerk als Tresen, Trolley als Minibar 

Möbel aus alten Flugzeugteilen: Schöner Schrott Fotos

Was tun mit ausrangierten Fliegern? Clevere Firmengründer gestalten daraus Designer-Schätze. Sie machen Flugzeugsitze zu Bürostühlen, Trolleys zu Badezimmerschränkchen oder Konferenztische aus dem Seitenruder eines Rosinenbombers. Auch für Airlines ist das ein prima Geschäft.

Die Karriere als Unternehmer begann mit einem Blick aus dem Flugzeugfenster. Mitten über dem Atlantik kam Alexander Geis, 38, die Idee, dass eine Tragfläche ein prima Bürotisch wäre. In England fand er einen Flieger, der auf die Verschrottung wartete. Er tüftelte und schweißte, dann war der Schreibtisch fertig - und Kollegen, Freunde und Bekannte reagierten begeistert.

2006 gründeten Geis und seine Frau die Firma "Private Wing": Sie fertigen Tische aus Tragflächen oder Turbinenschaufelrädern, Jackenständer aus Propellerblättern, Tresen aus Triebwerken. Das Seitenruder der als Rosinenbomber bekannten Douglas DC-3 gibt's als Konferenztisch mit Aluminiumbeinen und Glasplatte für 6950 Euro; die günstigsten Stücke sind Bilderrahmen aus Flugzeug-Außenhaut für 399 Euro.

In der Werkstatt in Bessenbach bei Aschaffenburg hantieren inzwischen 20 Angestellte mit Sandstrahlern, Poliermaschinen und Schweißgeräten. Acht Wochen brauchen sie, um eine Tragfläche in Tische zu verwandeln.

Triebwerksabdeckung wird zu Whirlpool

"Zu Hause haben wir einen Couchtisch aus einer B-52, einen Esszimmertisch aus einer Beechcraft 18, eine Bar aus einer DC-6, eine Garderobe aus einer C-130, dazu etliche Trolleys und Propellerskulpturen", zählt Geis auf. Die bisher außergewöhnlichsten Stücke: ein auf Hochglanz polierter Torbogen und ein Whirlpool aus der Triebwerksabdeckung einer Boeing 747. Beide wurden verkauft, "für einen hohen vierstelligen Betrag".

Besonders beliebt sind Möbelstücke aus historischen Fliegern der dreißiger bis fünfziger Jahre. Alexander Geis sammelt sie auf drei Kontinenten, in seiner Freizeit. Hauptberuflich ist er Geschäftsführer eines Automobilzulieferers, Sabine Geis kümmert sich Vollzeit um "Private Wing".

Die beiden haben mit Flugzeughändlern auf der ganzen Welt Exklusivverträge. Sobald irgendwo ein antiker Flieger auftaucht, erhalten sie Nachricht per E-Mail. "Das ist natürlich ein kleiner Markt, aber wir haben uns ein sehr gutes Netzwerk aufbauen können", sagt Sabine Geis.

Betteln für den Firmenstart

Eine ähnliche Erfolgsgeschichte können Valentin Hartmann, 32, und Stephan Boltz, 33, erzählen. Vor sieben Jahren wurden sie noch ausgelacht: Was wollt ihr kaufen, alte Flugzeugtrolleys? Ihr habt ja noch nicht mal 'ne Stewardess als Freundin! "Die Fluggesellschaften haben uns einfach nicht ernst genommen", sagt Hartmann.

Nur ein Zwischenhändler hörte den Möbelfachschülern zu: dass sie in ihrer Freizeit mit Kinosesseln, Stahlspinden und einer Telefonzelle experimentiert hatten, dass der abgewrackte Trolley, den sie von einem Autohändler ersteigert hatten, bei ihren Freunden sofort zum Renner geworden war. 270 verbeulte Trolleys verkaufte der Händler den beiden schließlich.

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11  Bilder
Flugbegleiter-Ausbildung: Verbrannte Brötchen auf dem Monitor
Sie reinigten die Schubladen, reparierten die Bremsen, schliffen, spachtelten und laminierten. Wochenlang. Pünktlich zur Kölner Möbelmesse waren sie fertig. Und hatten einen Monat später alle Trolleys mit Gewinn verkauft.

Heute beschäftigen Hartmann und Boltz fünf Angestellte. Sie erreichten mit ihrer Kölner Firma "Bordbar" 2011 einen Umsatz von 1,5 Millionen Euro. 130 Trolleys liefern sie jeden Monat aus - bis nach China, Mexiko oder Venezuela, Saudi-Arabien, Singapur oder Korea.

Kratzer und Beulen? Dann erst recht

Auf ihrer Homepage posieren glückliche Kunden neben ihren Trolleys, darunter ein Apotheker aus Lüdenscheid, ein Friseur aus Dresden. Die Wägelchen dienen als Bar, als Nachttisch oder Badezimmerschränkchen. Ein Trolley steht in einer Sauna, ein anderer im Tourbus von Borussia-Mönchengladbach-Fans. "Unsere Trolleys sind wahnsinnig stabil und lösen Emotionen aus, weil sie schon durch die Welt gereist sind", so Hartmann. "Sie haben Kratzer und Beulen, manche stören sich daran, aber für viele macht das auch erst den Wert aus."

979 Euro kostet ein gebrauchter "Bordbar"-Trolley, Schubladen und Böden muss man extra kaufen. 16 Designs stehen zur Auswahl, vom Schweizer Kreuz bis zur Schmetterlingssilhouette. Wer will, kann eigene Bilder aufdrucken lassen. Für ihre Idee wurden Hartmann und Boltz mit dem renommierten Red Dot Design Award ausgezeichnet.

Längst haben auch die Fluggesellschaften das Potential der Firma erkannt, der Trolley-Nachschub ist kein Problem mehr. Seit einem Jahr läuft sogar die Produktion eigener Wagen, 450 sind schon auf Air-Berlin-Flügen im Einsatz. "Unsere Modelle sind leichter, das spart Kerosin", sagt Hartmann. Vom Geschäft profitieren sie doppelt: Ausrangierte Trolleys der Fluglinie, die durch ihre neuen ersetzt werden, kaufen sie flugs auf.

Auch der FC Bayern München setzt auf Designmöbel aus alten Flugzeugteilen - die Ersatzspieler im Stadion nehmen auf umgebauten Lufthansa-Sitzen Platz. Für den Verkauf ist bei der Airline ein Ex-Pilot zuständig: Jürgen Rumstig, 62, musste das Fliegen aus gesundheitlichen Gründen aufgeben. Mit dem Sitzverkauf erzielt er nun eine Rendite, die prozentual über der des gesamten Unternehmens liegt. "Die Fliegerei war wunderschön, aber hier bin ich selbständig und habe die größtmögliche Freiheit", so Rumstig. "Ich würde nicht mehr tauschen wollen."

Ein Lager mit 27.000 Sitzen

27.000 Sitze kamen allein in den letzten zwölf Monaten ins Lager im hessischen Babenhausen; die Lufthansa hat 2011 ihre komplette Europaflotte mit neuen Sitzen ausgestattet. 70 Kfz-Mechaniker, Metaller und Lackierer einer externen Firma bereiten die Sitze auf. Sie montieren neue Armlehnen, reparieren Klapptischchen, färben Lederbezüge. "So, wie die Sitze bei uns reinkommen, kann man die nicht verkaufen", sagt Rumstig.

Flugzeugsitze werden in Kategorien eingeteilt: Ein neuer Sitz entspricht Zustand 1, ein ausgebauter Zustand 3. Der Gesetzgeber schreibt vor, dass nur aufbereitete Sitze in Zustand 2 erneut in Flugzeuge eingebaut werden dürfen - und 95 Prozent der Lufthansa-Sitze sollen wieder in die Luft. Besonders gefragt sind sie in Osteuropa, Afrika und Nahost, auf entlegenen Strecken fliegen manche Airlines sogar mit den Lufthansa-Sitzbezügen.

Die anderen fünf Prozent der gebrauchten Sessel kaufen Firmen oder Privatleute. Rumstigs kurioseste Anfrage bisher: Ein Kalibergwerk orderte Dreierbänke aus dem Jumbo-Jet Boeing 747, um sie auf Pritschenwagen unter Tage zu montieren.

Rumstig selbst hat einen Flugzeugsitz als Drehstuhl zu Hause. Das erste Modell, von ihm selbst zusammengeschraubt, war allerdings kaum zu gebrauchen. Also holte er sich professionelle Hilfe: Einer seiner Mitarbeiter schraubt nun die Sitze auf eigens in Italien gefertigte Rollen. 750 Euro kostet so ein Bürostuhl. Flugzeugsitze ohne Rollen gibt es ab 250 Euro.

Eine noch spektakulärere Idee hatte der holländische Touristikunternehmer Ben Thijssen: Er baute eine alte DDR-Regierungsmaschine, eine Iljuschin 18, zum Luxushotel um. Angeblich düste mit ihr früher Erich Honecker durch die Gegend, jetzt wurde sie aufgerüstet mit Whirlpool, Infrarotsauna, drei Flachbild-Fernsehern - und einem Doppelbett.

  • Autorin Verena Töpper (Jahrgang 1982) ist KarriereSPIEGEL-Redakteurin.

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insgesamt 10 Beiträge
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1.
reever_de 29.03.2012
Zitat von sysopWas tun mit ausrangierten Fliegern? Clevere Firmengründer gestalten daraus Designer-Schätze. Sie machen Flugzeugsitze zu Bürostühlen, Trolleys zu Badezimmerschränkchen oder Konferenztische aus dem Seitenruder eines Rosinenbombers. Auch für Airlines ist das ein prima Geschäft. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,824072,00.html
Aha, selten und deshalb so teuer? Wikipedia nennt eine Bauzeit von 1947-1958 und eine Stückzahl von 888 Flugzeugen. Die genannten 74 Maschinen sind eindeutig eine Falschinformation , allein von der Version KC-97G wurden allein fast 600 Exemplare gefertigt. Was die mit "Leinen bezogenen Stabilisatoren" angeht; die C-97 ist ein Ganzmetall-Flugzeug, das mit Druckkabine für fast 11.000 Meter Flughöhe ausgelegt ist und aus dem B-29 Bomber entwickelt wurde ... vielleicht weiss jemand hier mehr??
2.
HorstBlond 29.03.2012
Zitat von sysopWas tun mit ausrangierten Fliegern? Clevere Firmengründer gestalten daraus Designer-Schätze. Sie machen Flugzeugsitze zu Bürostühlen, Trolleys zu Badezimmerschränkchen oder Konferenztische aus dem Seitenruder eines Rosinenbombers. Auch für Airlines ist das ein prima Geschäft. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,824072,00.html
Tolle Werbung. Dafür sollte sich SpOn wirklich zu schade sein, auch wenn der Hipster sich angeregt fühlen dürfte und Lifestyle wittern dürfte. Zudem wartet die brav verlinkte Website mit horrenden Preisen auf. Ich meine vor nicht all zu langer Zeit im Flughafe Zürich einen Verkaufsstand gesehen zu haben, der diverse "Möbel" für weniger in CHF anbot (und das bei dem immensen Kaufkraftunterschied € zu CHF)
3.
ctrlaltdel 29.03.2012
Zitat von HorstBlondTolle Werbung. Dafür sollte sich SpOn wirklich zu schade sein, auch wenn der Hipster sich angeregt fühlen dürfte und Lifestyle wittern dürfte. Zudem wartet die brav verlinkte Website mit horrenden Preisen auf. Ich meine vor nicht all zu langer Zeit im Flughafe Zürich einen Verkaufsstand gesehen zu haben, der diverse "Möbel" für weniger in CHF anbot (und das bei dem immensen Kaufkraftunterschied € zu CHF)
die Teile gehören an einen Flieger, der sich durch die Luft bewegt. Eine Schande, diese technischen Meisterwerke derart zu Möbel zu verwursten
4. Nun ja
felisconcolor 29.03.2012
Zitat von sysopWas tun mit ausrangierten Fliegern? Clevere Firmengründer gestalten daraus Designer-Schätze. Sie machen Flugzeugsitze zu Bürostühlen, Trolleys zu Badezimmerschränkchen oder Konferenztische aus dem Seitenruder eines Rosinenbombers. Auch für Airlines ist das ein prima Geschäft. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,824072,00.html
die Idee ist top und ein jeder der es schafft seine Firma zum Laufen zu kriegen, Glückwunsch. Bei den Preisen habe ich allerdings auch geschluckt. Nun ja es sind exclusive Einzelstücke. Aber ich denk im Einkauf gibt es das Zeug zum Kilopreis. Aber auch die Idee muss bezahlt werden. und... egal ist mal echt was anderes. Und Werbung? Mein Gott es gibt soviel unnütze Werbung. Da ist dieses schon erfrischend gut.
5.
snigger 29.03.2012
Zitat von felisconcolordie Idee ist top und ein jeder der es schafft seine Firma zum Laufen zu kriegen, Glückwunsch. Bei den Preisen habe ich allerdings auch geschluckt. Nun ja es sind exclusive Einzelstücke. Aber ich denk im Einkauf gibt es das Zeug zum Kilopreis. Aber auch die Idee muss bezahlt werden. und... egal ist mal echt was anderes. Und Werbung? Mein Gott es gibt soviel unnütze Werbung. Da ist dieses schon erfrischend gut.
naja ... nicht nur weil es limitierte stücke sind. fragt mal die hersteller, was die teile im original kosten. so eine triebwerksschauefel (aus titan) kann bis in die kleinwagenklasse reinreichen. vergesst nicht, mit welchem aufwand die flugzeugteile hergestellt werden: jedes (noch so kleine) schräubchen braucht eine zulassung vom Luftfahrtbundesamt. da kostet die kleine M6 Schraube durchaus mal (je nach ausführung) 20-25EURO ... ich erinnere mich noch daran, wie die heeresflieger aus alten rotorblätterteilen der UH-1D Uhren gebaut haben. leider kann ich hier kein bild davon posten, aber ich versichere euch ... da hängen auch mehrere tausender an der wand :-)
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