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Informatiker "Unser Wissen ist in 18 Monaten nichts mehr wert"

Mit 35 zu alt für die IT-Welt? Quatsch! Deutsche Software-Spezialisten sehen sich auch jenseits der 40 noch als gefragte Fachleute. Vier Informatiker berichten, wie sie sich gegen jüngere Kollegen behaupten.

Mit 35 Jahren als alt verspottet werden, das ist bitter. "Die Haltbarkeitsdauer eines Software-Entwicklers ist nicht länger als die eines Kricketspielers - ungefähr 15 Jahre. Die 20-jährigen Typen bringen mir für den Unternehmenserfolg mehr als die 35-Jährigen." Diese Sätze des indischen SAP-Managers Velloparampil Rasheed Ferose ließen IT-Leute weltweit aufschreien. In Deutschland war die Aufregung besonders groß, denn zwei Drittel aller deutschen Informatiker haben den 35. Geburtstag schon hinter sich.

KarriereSPIEGEL hat mit IT-Spezialisten über lebenslanges Lernen, den Wert von Erfahrung und die Zusammenarbeit mit jungen Kollegen gesprochen.

  • Silvio Dubiel, 49: "Unsere Branche kann auf die Älteren gar nicht verzichten"

"Es hat echt nichts mit dem Alter zu tun, wie gut man ist: Ich hatte vor drei Jahren einen Praktikanten, 21 Jahre alt. Er hatte eine Aufgabe, aber war einfach nicht lösungsorientiert. Er hatte nicht den Willen, alles hat ihn lange aufgehalten. Am Schluss ist das ganze Projekt gestorben.

Es gab schon einige Leute, denen ich gesagt habe: Ihr schafft das nicht! Die sind nach Hause gegangen und haben den Fernseher eingeschaltet. Ich gehe nach Hause und schalte den Computer an. Probleme mit jungen Kollegen an sich habe ich nicht: Ich arbeite seit Jahren den ganzen Tag mit meinem Partner zusammen, der ist 29 und könnte mein Sohn sein.

Mich hat noch nie einer nach dem Alter gefragt. Ich habe vor zwölf Jahren in der IT angefangen, als Quereinsteiger, wie die meisten damals. Ich war Elektromechaniker, davor bin ich fünf Jahre Lkw gefahren. Das Alter ist egal, mein Name ist mein Kapital. In der Branche geht es nur darum: Was hast du schon gemacht, und was kannst du?

Wir können es uns gar nicht leisten, die Älteren einfach abzuschreiben. So viel Nachwuchs gibt es hier nicht. Klar, man spricht viel von Outsourcing, auch nach Indien, aber oft wird dann am Schluss doch in Deutschland programmiert."

  • Joachim von Manger, 53: "Jeder braucht IT-Kräfte, keiner will sie"

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Torsten Zimmermann/ ICT

"Ich bin vor drei Jahren ausgestiegen: Raus aus der IT, rein in die Beratung. Hier wird Erfahrung einfach höher angerechnet, finanziell, aber vor allem persönlich. Ich hatte die Schnauze voll, immer gegen die gleiche Mauer zu rennen. Jeder braucht die Leute aus der IT, aber keiner will sie. Die Arbeit der IT-Kräfte ragt ja immer in Fachbereiche anderer Kollegen hinein. Man darf nicht richtig mitspielen, aber wenn es am Ende schief geht, ist man schuld. Wenn Sie da über die Seite der Beratung kommen, haben Sie andere Chancen.

Außerdem: In der IT lässt sich heute nicht mehr so viel Geld verdienen wie noch vor ein paar Jahren. Manche Firmen setzen vor allem auf junge Leute, weil sie die Erfahrung der Älteren nicht bezahlen wollen. Das ist aber die falsche Strategie: 'If you pay peanuts, you get monkeys.'

In einem Projekt war ich mit zehn Jahren Abstand der Älteste, und irgendwann habe ich gemerkt: Freunde, ihr könnt mir nicht das Wasser reichen. Erfahrung kann man nicht lernen. Wir haben vor 30 Jahren Fehler gemacht, und jetzt machen die Jungen die gleichen Fehler wieder.

Zum Glück schätzen die meisten jungen Kollegen die Erfahrung, und die Zusammenarbeit funktioniert. Manchmal trifft man aber auch auf die Einstellung: 'Ich kann eine Maus bedienen, ich kann HTML, ich war an einer tollen Uni, ich kann alles.' Aber auch für solche Kollegen gilt: Neues Wissen ist in 18 Monaten nichts mehr wert. Das ist die Halbwertszeit. IT ist schon immer eine Sache des Geistes und nicht des Alters gewesen. Wer nicht bereit ist, dazuzulernen, hat in der IT nichts verloren."

  • Kurt Dillenberger, 60: "Mir werden jedes Jahr zwei neue Stellen angeboten"

"Dass jüngere Leute generell begehrter und erfolgreicher wären, kann ich aus meiner Erfahrung überhaupt nicht bestätigen. Ganz im Gegenteil: Wir sind total gefragt und müssen uns dafür überhaupt nicht abstrampeln, gar nicht! Mir wird zwei- bis dreimal im Jahr eine Stelle angeboten, und ich bin noch ein kleines Licht.

Die meisten Unternehmen wissen Erfahrung zu schätzen. Aus meiner Sicht fängt man mit 35 überhaupt erst an, bei Projekten mitzuarbeiten, die Tragweite haben. Gerade in der IT geht es darum, Muster zu erkennen: Wenn man das einmal kann, verlernt man es nicht. Das ist dann immer wieder alter Wein in neuen Schläuchen. Mehr als die Hälfte der Erfahrung macht die Arbeit mit anderen Menschen aus. Die kann man in jungen Jahren noch gar nicht haben.

Doch es gibt eine absolute Bedingung, um weiterhin gefragt zu sein, gerade weil die Dinge so kurzlebig sind: Wenn man überleben will, braucht man Neugier, man muss sich unbedingt selbständig weiterbilden. Wenn man mal unsicher ist, muss man sich trauen zu sagen: Das weiß ich nicht. Mir ging es zum Beispiel mit Apps so. Aber dann habe ich rumprobiert und nach drei Stunden gewusst, wie man so etwas programmiert. Das hat nichts mit dem Alter zu tun, nein, eigentlich ist es sogar der Job selbst, der mich vom Altern abhält. Ich brauche kein Sudoku, ich habe genug Sudoku."

  • IT-Spezialist, anonym, 43: "Wer nicht weiterlernt, gehört schon mit 30 zum alten Eisen"

"Ob man gut ist, hängt nicht vom Alter ab: Für viele ist das nur ein Job, die sind weder jung noch alt gut, nur als Junger fällt es noch nicht so auf. Das 'Verfallsdatum' mag es geben, aber nicht auf das Alter bezogen. Wer zehn Jahre nichts dazulernt, gehört zum alten Eisen, selbst wenn er erst 30 ist. Den einen Punkt, ein festes Alter, ab dem man zu alt ist, das gibt es definitiv nicht. Wer gut ist, lernt auch mit 60 noch locker dazu. Ich betrachte den Job aus dem Grund gleichzeitig als Hobby, das in meinem Leben mehr als die Arbeitsstunden ausfüllt.

Ich bin in der Schweiz beschäftigt, da ist die Lage ähnlich wie in Deutschland. In Indien ist die Situation eine andere, das wirkt sich aber auch auf die Qualität aus: Die Produkte aus Indien haben Fehler bei Dingen, die man im ersten Semester lernt. Rund 50 Prozent aller angestoßenen IT-Projekte scheitern, nicht zuletzt wegen Outsourcing. Viele Unternehmen schätzen deshalb erfahrene Fachkräfte.

Ein Kunde hat einmal zu mir gesagt: Für den Auftrag muss man graue Haare haben. Trotzdem werden auch hier die Kosten gedrückt. Tatsächlich müssen ältere, mittelmäßige Leute oft gehen. Meiner Erfahrung nach produzieren die schlechtesten Leute nur zehn Prozent von dem, was die besten schaffen.

Die Zusammenarbeit mit jungen Kollegen ist ganz unterschiedlich. Manche fragen gerne nach, andere wissen die Erfahrung der Älteren eher nicht zu schätzen. Sie fangen dann oft irgendwo an. Sie glauben, sie hätten die Welt verstanden."

Protokolle: Maria Huber

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insgesamt 99 Beiträge
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1.
troy-mc-lure 29.04.2013
"Neues Wissen ist in 18 Monaten nichts mehr wert." Tut mir leid aber diese Aussage ist absoluter Blödsinn. Die Dinge entwickeln sich in der IT natürlich immer weiter, oft auch rasant und man muss damit Schritt halten können und wollen aber wie erklärt mir der Herr von Manger, dass viele der gebräuchlisten Programmiersprachen schon wesentlich mehr als 10 Jahre auf dem Buckel haben?
2. @troy-mc-lure: bin kein ITler
ijf 29.04.2013
Sondern muss nur mit deren Ergebnissen arbeiten, aber ich vermute, von Manger sprach von content, nicht von form(at)...
3. Die Leute haben Recht
waldos 29.04.2013
ich kann den vorgestellten Herren nur zustimmen. Ich bin vor 21 Jahren mit 38 in der IT eingestiegen und bin immer neugierig geblieben. Das hat sich voll und ganz ausgezahlt, nicht nur in Geld, sondern auch darin dass auch ich mehrmals im Jahr Anfragen bekomme, ob ich nicht noch Kapazitätet frei hätte. Wenn ich noch 3 mal geklont werden würde, hätte ich immer noch genug zu tun.
4. kann ich
and_over 29.04.2013
soweit bestätigen. Ich bin 48 und habe keine Angst vor Jobverlust. Im Gegenteil, mir geht es wie Herrn Dillenberger, ich bekomme regelmässig Anfragen.
5.
gfaw01 29.04.2013
Zitat von waldosich kann den vorgestellten Herren nur zustimmen. Ich bin vor 21 Jahren mit 38 in der IT eingestiegen und bin immer neugierig geblieben. Das hat sich voll und ganz ausgezahlt, nicht nur in Geld, sondern auch darin dass auch ich mehrmals im Jahr Anfragen bekomme, ob ich nicht noch Kapazitätet frei hätte. Wenn ich noch 3 mal geklont werden würde, hätte ich immer noch genug zu tun.
Dies kann ich als Mitt-Fünfziger nur bestätigen. Es vergeht kaum eine Woche, in der nicht 2-3 mal mein Mobil - Phone klingelt und jemand nach Unterstützung bei einem Problem nachfragt. Wenn man sich dann die Anlegenheit näher betrachtet, hat häufig ein meist jüngerer ITler die Sache der Firma eingebrockt... Besonders im Rechenzentrums - Umfeld mit den komplexen Strukturen sind junge Kolleg(inn)en oft überfordert. Das war ich vor 20 Jahren auch mal ...
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