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Experte für Exotensprache Vor 1300 Jahren hätten mich alle verstanden

Exotische Sprachen: Spricht hier jemand Yukatekisch? Fotos
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Niedersorbisch, Yukatekisch oder Altgriechisch helfen im Alltag wenig weiter. Trotzdem lernen Tausende Schüler und Studenten Sprachen, die kaum einer spricht. Ein Erklärungsversuch.

An sein erstes Gespräch auf Yukatekisch kann sich Nikolai Grube noch gut erinnern - es war bedauernswert einseitig. Er saß in einem Bus und fuhr durch die mexikanische Provinz Yukatan. Der Mann neben ihm sah aus, als könne er zum indigenen Volk der Maya gehören, also sortierte Grube ein paar Vokabeln im Kopf und gab sich einen Ruck: "Hach talam u meyhul kool." Die Arbeit auf dem Maisfeld ist sehr schwer. Sein Mitreisender schaute erst irritiert, dann antwortete er. Und Grube verstand kein Wort. In der Uni hatte er koloniales Yukatekisch gelernt.

Etwas mehr als 800.000 Menschen sprechen die Mayasprache heute noch - in einer moderneren Form. 30 Jahre nach seinem ersten Praxisversuch kann sich Grube auf Yukatekisch fehlerfrei unterhalten. Er braucht die Sprache für seine Forschung an der Uni Bonn, wo er Professor für Altamerikanistik ist. Grube gilt als einer der weltweit führenden Experten bei der Entzifferung der Hieroglyphenschrift der Maya.

"Sprachen sind ein wichtiges Bindeglied zwischen Menschen und ihrer Umwelt", sagt er. "Wenn wir diese Ausdrucksweisen verlieren, verlieren wir den Zugang zu einer Kultur." Ohne Sprache könne man sich etwa Kunst oder Literatur nicht mehr erschließen.

Wenn der 52-Jährige über Mayasprachen redet, schwingt Begeisterung mit. Yukatekisch sei viel konkreter und präziser als Deutsch: "Wir verwenden meist das Präsens, dort muss aber genau beschrieben werden, ob Dinge in der Vergangenheit beginnen, und wann sie enden."

Seinen Enthusiasmus teilen derzeit nur 120 Studenten. Und eine Frage haben sie wohl alle schon gehört: "Und was machst du später damit?" Angehende Altorientalisten lernen Assyrisch, Ägyptologen pauken Altägyptisch. Bei der Sorabistik stehen Ober- und Niedersorbisch auf dem Lehrplan; bei der Afrikanistik können Amharisch, Hausa oder Swahili erlernt werden. Die meisten Sprachspezialisten arbeiten später in der Forschung und Lehre. Andere Jobs gibt es kaum.

"Alle diese Sprachen haben ihr Recht, gelehrt zu werden", sagt Grube. Er mag den Begriff Exot oder Orchideenfach im Zusammenhang mit seinem Job nicht. Zwar sei die Altamerikanistik ein kleines Fach, aber "mit einer großen Berechtigung". Schließlich haben die Maya in Mittelamerika eine der bedeutendsten Hochkulturen der Antike geschaffen.

Dennoch stehen Fächer wie Altamerikanistik unter großem Rechtfertigungsdruck. In Hamburg wurde das Fach ganz abgeschafft, in Berlin sind nur einzelne Vorlesungen übrig geblieben. "Wir leben unter starkem ökonomischem Zwang. Das führt aber zu stromlinienförmigen Studiengängen, mit denen am Ende an jeder Universität das gleiche Programm unterrichtet wird", sagt Grube. "Das halte ich für einen dramatischen Fehler."

Die Altamerikanistik in Bonn könne nur durch Drittmittel überhaupt aufrechterhalten werden. Im berühmten Elfenbeinturm zu verschwinden, könne er sich gar nicht leisten, sagt Grube: "Das wird oft unterstellt, aber das stimmt nicht. Wir kommunizieren sehr stark nach außen und müssen das auch."

"Da muten wir den Kindern viel zu"

Die Debatte um Exotik und Relevanz einer Sprache tobt schon auf jedem altsprachlichen Gymnasium. Florian Faber, 41, unterrichtet Altgriechisch am Hamburger Christianeum. Wenn er vor den Sprachwahlen in der achten Klasse den Schülern sein Fach vorstellt, braucht er starke Argumente. "Gegen Spanisch hätte ich keine Chance", sagt er. An seiner Schule steht nur Griechisch oder Russisch zur Wahl. Jeder zweite Schüler entscheidet sich für Fabers Fach. Als "Troja" mit Brad Pitt im Kino lief, waren es ein paar mehr.

"Die Antike fasziniert die Menschen, immer wieder laufen Filme dazu in den Kinos. Das nutzte ich im Unterricht", sagt Faber. Mit den Schülern diskutiere er zum Beispiel die Verfremdungen der Originaltexte.

Knapp 12.800 Schüler haben 2013 in Deutschland Altgriechisch gelernt - 3000 weniger als fünf Jahre zuvor. Für ein Auslaufmodell hält Faber sein Fach aber nicht. In den Texten des alten Griechenlands gehe es viel um Gerechtigkeit, Ethik, Moral oder Liebe - Themen, die ewig aktuell sein werden. Außerdem schule die Sprache den Blick für Präzision. Und: "Wer Griechisch kann, der weiß, wie wichtig es ist, die Originalquellen zu lesen."

Faber gibt allerdings zu, dass die Sprache mühsam zu erlernen ist. "Die Progression ist gerade am Anfang sehr langsam, da muten wir den Kindern viel zu." Die Puzzlearbeit bei der Übersetzung sei anstrengend. "In unserer schnelllebigen Zeit will man sehr schnell Ergebnisse produzieren, da ist Griechisch vielleicht etwas altmodisch."

  • Jörg Römer (Jahrgang 1974) ist freier Journalist in Hamburg. Er schreibt über Gesundheitsthemen, Sport und ist KarriereSPIEGEL-Autor.

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1. Wäre nicht schlecht,
saywer,tom 08.10.2015
wenn Kenntnisse der alten Sprachen etwas mehr verbreitet wären. Dann kämen nicht so viele Menschen in Versuchung, Ajektive, die bereiits den Superlativ bilden, nochmals zu steigern (optimaler, extremer usw.), und Klaustrophobie würde nicht ständig mit Platzangst verwechselt. Vor allen Dingen wäre nicht der Irrtum flächendeckend verbreitet, der Kontrahent sei ein Gegner. Kontrahent hat nämlich nichts mit "contra" (gegen) zu tun, sondern mit con-trahere (zusammen ziehen), siehe auch die Wörter Kontrakt (Vertrag) Kontraktion kontrahieren usw.
2. Eine andere Frage
Friedrich Hattendorf 08.10.2015
stellt sich mir: Gibt es eigentlich - ausser Deutschland/Österreich - einen grösseren Sprachraum in dem fast alle zwei Fremdsprachen lernen müssen, wenn sie studieren möchten?
3.
rational_bleiben 08.10.2015
Kein Forschungsgebiet (welches kein Leid erzeugt) braucht eine Daseinsberechtigung, der Mensch will wissen, auch wenn sich dieses Wissen nicht monetarisieren lässt. Wissenschaft ist per se daseinsberechtigt, weil unser Neocortex das so will. Letztlich kann Herr Grube ein Buch verkaufen, jemanden wird es interessieren, und so kann man selbst damit Geld machen. Ob es nur unsere Galaxie gibt oder 100 Milliarden, das macht für mein Leben keinen Unterschied. Trotzdem möchte ich nicht in dem Glauben sterben, unsere Galaxie sei das gesamte Universum. Ich will es halt wissen.
4. @Hattendorf
muellerthomas 08.10.2015
Von Briten und Amerikanern hab ich im Urlaub schon oft gehört, dasssie es bedauern, überall mit Englisch gut klar zu kommen, so dass überhaupt kein Druck besteht, eine Fremdsprache zu lernen. Auf der anderen Seite gibt es m.W. in den Niederlanden oder Dänemark kein Pflichtfach Deutsch und dennoch sprechen sehr viele Dänen und Niederländer Deutsch. Aber interesante Frage von Ihnen. Muss man denn in Deutschland zwei Sprachen lernen oder gibt es nicht auch Gymnasien, an denen Schüler nur eine Fremdsprache als Pflichtfach belegen müssen?
5. Duden
fabojo 08.10.2015
Zitat von saywer,tomwenn Kenntnisse der alten Sprachen etwas mehr verbreitet wären. Dann kämen nicht so viele Menschen in Versuchung, Ajektive, die bereiits den Superlativ bilden, nochmals zu steigern (optimaler, extremer usw.), und Klaustrophobie würde nicht ständig mit Platzangst verwechselt. Vor allen Dingen wäre nicht der Irrtum flächendeckend verbreitet, der Kontrahent sei ein Gegner. Kontrahent hat nämlich nichts mit "contra" (gegen) zu tun, sondern mit con-trahere (zusammen ziehen), siehe auch die Wörter Kontrakt (Vertrag) Kontraktion kontrahieren usw.
Haben Sie mal im Duden unter dem Stichwort "Kontrahent" nachgeschlagen? Sehr lehrreich, Sie werden staunen.... :-) Mag ja sein, dass das vom Wortstamm her irgendwann mal eine andere Bedeutung hatte, aber der Duden beschreibt einfach die derzeit gängige Bedeutung - damit muss man leben.
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