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Analphabeten Wenn die Beförderung zum Horror wird

Analphabetismus: Wenn Wörter meine Sprache wären Fotos
TMN

Mehr Verantwortung im Job wünschen sich viele. Nicht Uwe Boldt. Weil er kaum lesen und schreiben kann. Eine Beförderung hätte den Hafenarbeiter fast ins berufliche Aus geschickt - fortan sollte er auch Papierkram erledigen. Jetzt paukt Boldt zweimal die Woche in einem Kurs.

Mit der Beförderung wurden Uwe Boldts schlimmsten Befürchtungen wahr. Er sollte die Schiffe im Hamburger Hafen jetzt nicht mehr nur be- und entladen, sondern bei Gefahrguttransporten auch den Papierkram übernehmen. Für Boldt, 52, eine unlösbare Aufgabe.

Lesen und schreiben hat er in der Schule nie richtig gelernt. Obwohl er mit den Wörtern an der Tafel oder in den Schulbüchern kaum etwas anfangen konnte, blieb er nicht ein einziges Mal sitzen. "In Klassenarbeiten hatte ich immer eine Sechs, aber mündlich habe ich einiges wieder rausgerissen", sagt Boldt. Und die Lehrer hätten ihn wohl auch deshalb immer versetzt, weil keiner die Zeit und die Motivation hatte, um das Problem wirklich anzupacken.

Nach einer Studie der Universität Hamburg können 7,5 Millionen Menschen zwischen 18 und 64 Jahren in Deutschland so schlecht lesen und schreiben, dass sie als funktionale Analphabeten gelten. Das sind 14 Prozent der Bevölkerung. Und dass sie mit Buchstaben, Wörtern, Sätzen kämpfen, ist für viele ein Tabuthema.

Noch größer ist die Gruppe derjenigen, die zwar lesen und schreiben können - aber allenfalls auf Grundschulniveau. "Diese Menschen können vielleicht eine Boulevard-Zeitung lesen. Sie drücken sich aber so weit wie möglich darum, irgendetwas schreiben zu müssen", erklärt Ute Koopmann, Vorsitzende des Arbeitskreises Grundbildung beim Deutschen Volkshochschul-Verband.

Nur wenige Berufe kommen ohne Lesen und Schreiben aus

"Früher konnte man auch mit geringer Lese- und Schreibkompetenz durchaus seinen Platz in der Arbeitswelt finden - aber das wird immer schwieriger", sagt Peter Hubertus, Geschäftsführer des Bundesverbands Alphabetisierung in Münster. Bei den meisten Betroffenen gebe es irgendein einschneidendes Ereignis, nach dem sie sich für einen Lese- und Schreibkurs anmelden.

Bei Uwe Boldt war es die neue Herausforderung im Beruf: "Mir war klar, so geht es nicht mehr weiter." Boldt suchte sich einen Kurs an der Volkshochschule. Zweimal pro Woche paukt er jetzt Lesen und Schreiben - seit neun Jahren. "Es geht halt nicht schnell", sagt Boldt. "Es wird aber langsam was. Das Schreiben geht eher noch kleckerweise, aber lesen klappt schon so gut, dass man durchs Leben kommen kann."

Meist sei es eine Kombination aus niedriger Lernfähigkeit und fehlender individueller Förderung in der Schule, durch die Menschen nicht richtig lesen und schreiben lernen, so Peter Hubertus. Die Hürde, als Erwachsener in einen Kurs zu gehen, sei dann extrem hoch: "Schließlich verbinden die meisten mit dem Lesen und Schreiben nur negative Erinnerungen." Nicht selten müssten deshalb erst einmal Blockaden gelöst werden.

Individuelle Kurse - aber nur wenige gehen hin

Die Kurse sind klein, damit eine individuelle Betreuung möglich ist. Meist wird nach Niveau unterschieden: Totale Analphabeten hätten oft schon Probleme, überhaupt eine Beziehung zwischen dem gehörten und dem geschriebenen Wort herzustellen, sagt Hubertus. "Für manche fängt München beim Hören nicht mit einem M an, Emmentaler aber schon. Und andere können sich kaum vorstellen, dass das Wort Kuh viel kürzer ist als das Wort Tausendfüßler - schließlich ist die Kuh ja viel größer."

Die meisten Betroffenen sind deutlich über diesem Niveau, können jedoch nur mit Mühe einen Einkaufszettel schreiben oder ihren Mietvertrag lesen. Den Schritt in den Unterricht wagen aber nur wenige: Von 7,5 Millionen funktionalen Analphabeten besuchen nur rund 20.000 einen Leselern-Kurs.

"Die Menschen haben auch häufig so viele Probleme mit Geld, Gesundheit oder Familie, da ist das Lesen und Schreiben das Geringste", sagt Ute Koopmann vom Volkshochschul-Verband. Für manche seien auch die Kurskosten ein Problem: Obwohl rund die Hälfte der Betroffenen arbeitslos ist, bezahle die Arbeitsagentur häufig keine Lese- und Schreibkurse.

Für viele sei das ein zusätzlicher Schlag vor den Kopf, weiß auch Uwe Boldt: "Wir sind ja nicht dumm. Wir können und wollen ja arbeiten. Aber ohne Unterstützung stehen wir ziemlich allein vor der großen weiten Welt."

Marc Herwig, dpa/vet

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