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IG-Metall-Vorstoß Für immer Schluss mit Arbeitsstress

Den Schalter umlegen: Gewerkschafter wollen Mitarbeiter vor Chefs stärker schützen Zur Großansicht
dapd

Den Schalter umlegen: Gewerkschafter wollen Mitarbeiter vor Chefs stärker schützen

Am Arbeitsplatz ist fast alles gesetzlich geregelt: Wie laut darf es sein, wie hell oder dunkel? Der IG Metall reicht das nicht. Sie will eine "Allianz gegen Stress in der Arbeitswelt" und verbindliche Regeln. Einen Entwurf hat die Gewerkschaft jetzt vorgelegt.

Telefonanrufe vom Chef nach Feierabend, E-Mails, die schon vor Arbeitsbeginn beantwortet werden müssen und Projekte, die nur in Überschall oder mit Überstunden zu schaffen sind - das soll nach Willen der IG Metall in Zukunft als Ordnungswidrigkeit gelten, in besonders schweren Fällen sogar als Straftat. Die Gewerkschaft hat Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) einen Entwurf für eine Anti-Stress-Verordnung vorgelegt, die das Arbeitsschutz-Gesetz ergänzen soll.

"Anders als bei Gefahrstoffen, Lärm oder mangelnder Beleuchtung fehlen ausgerechnet bei psychischen Belastungen klare Anforderungen an die Arbeitgeber", sagte IG-Metall-Vorstandsmitglied Hans-Jürgen Urban bei der Vorstellung des Papiers. "Gute Arbeit braucht klare Regeln" - das müsse auch beim Schutz vor Gefährdungen durch psychische Belastungen in der Arbeitswelt gelten, der "neuen Volkskrankheit des 21. Jahrhunderts".

Nach Auffassung der IG Metall belasten ständige Erreichbarkeit, befristete Arbeitsverträge und wachsender Druck Arbeitnehmer stark. Dem Bundesarbeitsministerium zufolge gab es 2011 deutschlandweit rund 34 Millionen Fehltage wegen psychischer Störungen. 2010 waren es schon 54 Millionen - wobei die Zahlen nicht klar verraten, ob wirklich die Zahl solcher Erkrankungen so stark geklettert ist oder ob es sich teils auch um eine Diagnosewelle handelt.

Laut einer Studie des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) müssen 60 Prozent der Arbeitnehmer auch in ihrer Freizeit erreichbar sein, 33 Prozent sogar oft oder sehr oft. Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen hatte kürzlich gesagt, es müsse festgelegt werden, zu welchen Uhrzeiten ein Mitarbeiter erreichbar sein müsse und wann er dafür einen Ruheausgleich bekomme. Leyen setzt allerdings nicht auf neue gesetzliche Regelungen, sondern auf freiwillige Vereinbarungen in Betrieben. So boxte beispielsweise der VW-Betriebsrat Ende vergangenen Jahres eine "Blackberry-Pause" nach Feierabend durch.

Wollen Angestellte immer, was Gewerkschafter wollen?

Der DGB und die IG Metall sehen das anders. Gewerkschafter Urban warf der Ministerin vor, dem Appell keine Taten folgen zu lassen: Sie habe den Problemen Burnout und Belastung durch Stress am Arbeitsplatz "öffentlichkeitswirksam den Kampf angesagt", es aber bisher weitgehend bei Appellen und dem Verweis auf bestehende Gesetze belassen.

Der Entwurf der Gewerkschaft sieht unter anderem eine Überprüfung der Arbeitsplätze auf Stressfaktoren vor: Sind die Taktzeiten in Fabriken zu kurz, ist die Arbeit zu monoton? Wie ist die Schichtarbeit geregelt? Gibt es ausreichend freie Wochenenden? Ist das Projektziel ohne Überstunden zu schaffen? Nach den Plänen der IG Metall soll die neue Verordnung für alle Firmen gelten, die dem Arbeitsschutzgesetz unterliegen - und das trifft auf so gut wie alle Unternehmen in Deutschland zu.

Die Gewerkschaft verspricht sich von der "Anti-Stress-Verordnung" mehr Verbindlichkeit und Rechtssicherheit. Dass die erhofften neuen Regeln "auf einem relativ abstrakten Niveau beschrieben sind", räumen die Autoren in der Einleitung selbst ein. In der Tat: "Fähigkeiten und Fertigkeiten erhalten und erweitern", "Qualifikationen fordern und fördern", "den Wandel der Leistungsfähigkeit älterer Beschäftigter berücksichtigen" - was das konkret bedeutet, dürften Arbeitgeber ganz anders definieren und deuten als Arbeitnehmer.

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Ob eine weitere Reglementierung der Arbeit Unternehmensangestellte wirklich glücklicher macht, ist eine weitere Frage. Beispiel vermeintlicher "Handy-Terror": Natürlich gibt es Chefs, die ihre Mitarbeiter auch am Samstagabend mit Lappalien behelligen. Aber viele Firmen haben sich inzwischen auch deutlich vom einst starren Arbeitstakt gelöst und setzen auf flexible Modelle, von Arbeitszeitkonten bis zur "Vertrauensarbeitszeit". In Metallunternehmen mag das seltener vorkommen, in anderen Branchen häufiger. Dann erhalten Angestellte erhebliche Freiräume, arbeiten auch zu ungewöhnlichen Zeiten, räumen vielleicht mal nachts E-Mails ab oder feilen frühmorgens an einem Konzept - weil sie selbst es so wollen.

Für "klare Regeln" würden sich solche Arbeitnehmer schön bedanken. Und ein generelles, gesetzliches Anruf- oder E-Mail-Verbot für alle Angestellten zu bestimmten Zeiten ist ohnehin ein absurder Gedanke: Dafür sind weder Ursula von der Leyen noch Angela Merkel oder der Deutsche Bundestag zuständig. Das müssten bei den Arbeitgebern schon die Arbeitnehmer selbst durchsetzen, sofern sie davon überzeugt sind.

vet/jol

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insgesamt 8 Beiträge
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1. .weil Sie es so wollen....
alangasi 27.06.2012
ist so sicherlich nicht ganz richtig. Richtiger wäre: Weil Arbeitgeber heute in anderen Branche längst gelernt haben anders aus Ihre MA die Leistung herauszuholen. Unklare Aufgaben, noch unklarere Ziel sorgen dafür das niemand mehr weiß wann viel und wann gute Arbeit gemacht wurde. Learning by doing ist ein weitere Arbeitsaspekt der extreme Arbeitsbelastungen hervorrufen kann. Im Endeffekt verkommt die Arbeit zum Dauerdrama von Projekt zu Projekt mit immer höherem Drang zu Selbstvermarktung, mit immer mehr digitalen Werkzeugen mit immer mehr Meetings und immer weniger inhaltlicher Kompetenz. So werden massenweise Arbeitszobies produziert.
2. nicht schlecht, aber...
Paul Panda 27.06.2012
Zitat von sysopAm Arbeitsplatz ist fast alles gesetzlich geregelt: Wie laut darf es sein, wie hell oder dunkel? Der IG Metall reicht das nicht. Sie will eine "Allianz gegen Stress in der Arbeitswelt" und verbindliche Regeln. Einen Entwurf hat die Gewerkschaft jetzt vorgelegt. Anti-Stress-Verordnung der IG Metall regelt Belastung am Arbeitsplatz - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,841270,00.html)
Obwohl mir die deutsche Regulierungswut seit langem auf die Nerven geht: Im Ansatz nicht schlecht, aber viel wichtiger wäre es, zu verhindern, dass Vorgesetzte durch gezielten Psychoterror in ihrem Verhalten ihre Untergebenen psychisch krank machen. Das kann vom demonstrativen Nichtbeachten oder "Vorführen" vor versammelter Mannschaft bis zum ständigen, unberechtigten Kritisieren oder bis zu diffusen Drohungen reichen. Ich habe sowas vor vielen Jahren selbst erlebt und konnte mich letztlich nur durch Wechsel zu einem Arbeitgeber mit besserem Betriebsklima vor'm krank werden schützen. Doch leider sind solche subtilen Methoden nur schwer zu beweisen, so dass viele Opfer dann nicht selten als "Sensibelchen" zusätzlich diffamiert werden.
3. angeblicher Arbeitnehmerschutz durch die IGM
itknecht 27.06.2012
Zitat von sysopAm Arbeitsplatz ist fast alles gesetzlich geregelt: Wie laut darf es sein, wie hell oder dunkel? Der IG Metall reicht das nicht. Sie will eine "Allianz gegen Stress in der Arbeitswelt" und verbindliche Regeln. Einen Entwurf hat die Gewerkschaft jetzt vorgelegt. Anti-Stress-Verordnung der IG Metall regelt Belastung am Arbeitsplatz - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,841270,00.html)
Ich kann mich noch über die freudigen Artikel des Herrn Urban von der IGM in der Presse erinnern, als 2010 die ASR6 (ArbeitsStättenRichtlinie) durch die ASR3.5 abgelöst wurde: endlich soll es nun klare Regeln für Temperaturen z.B. auch in Büros geben. Konkret heisst es nach der ASR3.5, dass bei Aussentemperaturen von weniger als 26°C die Bürotemperatur nicht höher als 26°C sein "soll"! "Soll" ist aber kein "muss" sagt mein Arbeitgeber, und so haben wir z.B. auch im Winter bei Aussenminusgraden in unserem Grossraumbüro des öfteren Temperaturen von bis zu 29°C! Und unser IGM-Betriebsrat sagt: da kann man nichts machen! Sind die Aussentemperaturen höher als 26°C, darf nach der ASR3.5 die Bürotemperatur sogar bis zu 35°C erreichen! Man könnte jetzt auch statt für "Wärme" im Büro die Arbeitsschutzgestze für Lärm, Luftfeuchtigkeit, u.s.w. anschauen, mit dem gleichen Ergebnis: der Angestellte im Büro hat keinen Schutz durch sie! Was geschützt wird, ist, wie der Name dieser Gesetze schon sagt, die "Arbeit", die unter nahezu allen Bedingungen vom Angestellten ausgeführt werden muss (wenn man seinen Arbeitsplatz behalten möchte). Ist nun diese von der IGM vorgestellte neue "Stressverordnung" von der gleichen Qualität wie die anderen Schutzgesetze, frage ich mich, worum geht es der IGM eigentlich? Ich denke, um Macht und Einfluss unter dem Deckmäntelchen des angeblichen Arbeitnehmerschutzes.
4. Stressverordnung und Regulierungswut gehen Hand in Hand ..
Hagen_von_Tronege 28.06.2012
Zitat von itknecht... Ist nun diese von der IGM vorgestellte neue "Stressverordnung" von der gleichen Qualität wie die anderen Schutzgesetze, frage ich mich, worum geht es der IGM eigentlich? Ich denke, um Macht und Einfluss unter dem Deckmäntelchen des angeblichen Arbeitnehmerschutzes.
... und dienen nur der Einfluss-Sicherung der Gewerkschaft. Die Bereitschaft der Deutschen zu Regulieren was eigentlich von alleine laufen sollte, wird hier auf eine harte Probe gestellt. Wir sollten hier von den Amerikanern lernen, die für Jobs im kreativen Projektmanagement - das sind normalerweise nicht die am schlechtesten bezahlten - die deutsche schwarz-weiß-Trennung Arbeitszeit vs Freizeit schon lange aufgehoben haben. Das Ergebnis zählt - und das wird bei der amerikanischen Variante besser. Gute Leute im Außendienst mit einer gelebten Service-Orientierung und Kundenkontakt haben ohnehin eine Lösung für das Problem gefunden. Ohne Gewerkschaft.
5. optional
prizma 28.06.2012
... Blackberry Pause nach Arbeitsende? Dann nimmt man halt das IPhone her ;-)
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Für flexible Arbeitszeiten gibt es eine Reihe von unterschiedlichen Modellen. Manche werden in vielen Unternehmen, andere nur ausnahmsweise praktiziert. Insgesamt arbeiten gut 40 Prozent der Beschäftigten in Deutschland mit einem solchen Stundenplan. Ein kleines Glossar der modernen Welt der Arbeitszeiten.
Reduzierte Tagesarbeitszeit
Der Klassiker, der kaum Freiräume ermöglicht. Ein Angestellter arbeitet zum Beispiel nur vormittags oder nachmittags. Die Zeitfenster ändern sich nicht.
Reduzierte Wochenarbeitszeit
Eine fast ebenso gängige Variante: Drei- oder Viertagewoche, die übrigen Tage sind frei, und Teilzeitmitarbeiter bestimmen in Absprache mit ihrem Team den freien Tag oft selbst.
Reduzierte Monatsarbeitszeit
Wenig verbreitet: Man verteilt ein Zeitbudget beliebig auf den Kalendermonat. Drei Wochen am Stück arbeiten, eine Woche frei - das geht.
Gleitzeit
Auch "gleitende Arbeitszeit" genannt, bedeutet, dass Beginn, Ende und Dauer der täglichen oder wöchentlichen Arbeitszeit nicht festgelegt sind, sondern zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern verabredet werden. Man unterscheidet "einfache" und "qualifizierte" Gleitzeit. Bei der "einfachen" Gleitzeit wird eine feste "Kernarbeitszeit" und ein "Gleitzeitrahmen" festgelegt, z.B. 7-20 Uhr Gleitzeitrahmen / 10-17 Uhr Kernarbeitszeit. Bei der "qualifizierten" Gleitzeit wird die "Kernarbeitszeit" noch einmal reduziert oder ganz abgeschafft. Vereinbart wird meist eine bestimmte Stundenzahl in der Woche, im Monat oder im Jahr. Die weitere Planung der Arbeitszeit übernimmt der Arbeitnehmer in eigener Verantwortung.
Arbeitszeitkonten
Viele Unternehmen haben mittlerweile Konten eingeführt, auf welchen die Arbeitszeit laut Vertrag, Tarif oder Vereinbarung mit der tatsächlich geleisteten Arbeit verrechnet wird. Besonders bei Modellen wie Gleitzeit oder bei Schichtarbeit werden sie eingesetzt; zudem gibt es meist Vereinbarungen, wie viel "Guthaben" oder "Schulden" auf einem solchen Konto angesammelt werden dürfen.
Sabbatical
Im Sabbatjahr ließen die Bauern Israels, so erzählt das Alte Testament, die Felder ruhen und alle Schulden wurden erlassen. In der Arbeitswelt können Beschäftigte in regelmäßigen Zeiträumen ein bezahltes Sabbatjahr nehmen, wenn sie zum Beispiel Arbeitszeit angespart oder eine Zeitlang Vollzeit für das halbe Gehalt gearbeitet haben.
Jahresarbeitszeit
Streng genommen eine Variante der Gleizeit: Arbeitgeber und Angestellte verteilen in Absprache das Arbeitszeitvolumen eines Betriebs nicht gleichmäßig, sondern flexibel über ein Jahr. Dieses Modell bietet sich dann an, wenn es vorhersehbare saisonale Schwankungen im Arbeitsaufkommen gibt.
Job-Sharing
Ein recht seltenes Modell: Ein, zwei oder auch drei Kollegen teilen sich eine Vollzeitstelle. Wer wann im Büro sitzt, machen sie unter sich aus. Jeder Jobpartner ist im Prinzip für sich selbst verantwortlich. Eine weitere Variante ist das "Job-Pairing", bei dem mehrere Kollegen ein Team bilden, das die Verantwortung, meist für ein weit gestecktes Arbeitsziel oder Projekt, gemeinsam trägt.
Vertrauensarbeitszeit
Dieses Arbeitszeitmodell hat kaum noch mit dem genauen Zeitraum zu tun, der für Arbeit aufgewandt werden muss. Es orientiert sich eher an einem bestimmten Arbeitsziel, einem Produkt zum Beispiel, das bis zu einem bestimmten Zeitpunkt fertig sein soll. Bei der Vertrauensarbeitszeit liegt es weitgehend in der Verantwortung des Arbeitnehmers, seine Zeit und seine Arbeit zu organisieren. Überstunden gibt es bei diesem Modell nicht, dafür auch kein Zuspätkommen. Eine vertraglich festgelegte Arbeitszeit aber sehr wohl, sie wird jedoch meist nicht kontrolliert.

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