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Anwalt an der Autobahn Der Trucker-Advokat

Anwalt an der Autobahn: Der Trucker-Advokat Fotos
dapd

Der Juristenberuf ist arg überlaufen. Wer als Anwalt trotzdem Erfolg haben will, sucht sich eine Nische. Peter Möller hat seine gefunden - er betreibt Deutschlands einzige Autobahn-Kanzlei und hat schon sechs Filialen eröffnet, denn bei Fernfahrern spricht sich das Angebot herum.

Morgens um sieben ist es noch still auf dem Autohof Berg-Bad Steben an der Autobahn 9. Nebel zieht über das betonierte Areal im bergigen Dreiländereck von Bayern, Sachsen und Thüringen, nur gelegentlich trottet ein Lkw-Fahrer mit Kulturbeutel unter dem Arm in Richtung Sanitäranlagen.

In der Autobahn-Kanzlei von Peter Möller am Rande des Autohofes herrscht dagegen bereits Betriebsamkeit. Ein Fahrer aus dem Sauerland steht mit sorgenvoller Miene im Büro, mit einem saftigen Bußgeldbescheid. "Ich hab' die Lenkzeit überzogen, weil es keinen Parkplatz mehr gab", sagt der 47-Jährige. "Nun soll ich ein paar hundert Euro bezahlen, die ich gar nicht habe."

Der Fall sei ein Klassiker, sagt Rechtsanwalt Peter Möller, Chef von Deutschlands erster Autobahnkanzlei, nach der Beratung. Vorgeworfen würden den Fahrern meist Verstöße gegen die Lenkzeitvorschriften, zu geringer Sicherheitsabstand und Geschwindigkeitsübertretungen. Und ohne die Kanzlei auf dem Autohof haben die Trucker oft keine Chance, sich gegen die Anzeigen zu wehren. "Ich komme meist erst Freitagnachmittag von der Tour nach Hause und kann dann meine Post lesen. Und am Montag, wenn ich zum Anwalt müsste, sitze ich schon wieder auf dem Bock", sagt der Brummifahrer aus dem Sauerland.

Sperrholzplatte als Schreibtisch

Genau in diese Lücke ist Möller, 53, vor zwei Jahren mit seiner Idee einer Autobahn-Kanzlei gestoßen. Der Spezialist für Verkehrsrecht trifft seine Mandanten dort, wo sie arbeiten - auf der Straße. "Die meisten meiner Kollegen haben ihre Kanzleien in Innenstädten, dort kommen die Fahrer mit ihren 40-Tonnern aber gar nicht rein. Meine Idee war es also, zu den Leuten zu gehen", so Möller.

Aufgegeben hat der Rechtsanwalt, der gleich nach der Wende aus dem Ruhrgebiet nach Weimar in Thüringen übersiedelte, dafür die Vorzüge einer gewöhnlichen Kanzlei. Statt in einem gediegenen Altbau in der Weimarer Innenstadt arbeitet Möller nun täglich fast zwölf Stunden in einem improvisierten Container abseits des Autohofs. Briefe verfasst er auf einer Sperrholzplatte, die ihm als Schreibtisch dient. "Es ist etwas ganz anderes. Aber es hat seinen Reiz", sagt er über seinen ungewöhnlichen Arbeitsplatz.

Viele Rechtsanwälte müssen sich eine Nische suchen, weil der Anwaltsberuf überlaufen ist. Vor allem junge Anwälte schlagen sich oft mehr schlecht als recht mit einer Wohnzimmerkanzlei durch und brauchen Jahre, um für ihren Lebensunterhalt genug zu verdienen. Spezialisierung kann einen Ausweg bieten - sofern es gelingt, eine Lücke zu entdecken und die Kundschaft zu überzeugen.

"Ich mag diese Fernfahrerromantik"

Möller ist das gelungen, mit seinem Konzept hat er mittlerweile auch wirtschaftlichen Erfolg. Denn die Kanzlei wird von den Fernfahrern gut angenommen, bis zu 30 Fälle landen täglich in den Vorgangsordnern. Mit seinem Team kümmere er sich ernsthaft um die Sorgen der Lkw-Fahrer, sagt Möller: "Wir bearbeiten die Fälle nicht nur am Schreibtisch, sondern gehen raus und recherchieren die Umstände."

So hat der findige Anwalt den Beruf des Messstellenüberprüfers erfunden und dafür mehrere Mitarbeiter eingestellt, die auf Fehlersuche bei der Polizei sind. "Wenn man genauer hinschaut, finden sich fast immer etwas: nicht richtig kalibrierte Blitzer, an falschen Stellen platzierte Abstandsmesser und so weiter", erklärt Möller. Ein Mitarbeiter ist zuständig für die Punkte-Kartei in Flensburg, "durchforstet die Daten nach verjährten Delikten und versucht, den Punktestand unserer Mandanten zu drücken".

Unter Truckern hat sich das besondere Angebot längst herumgesprochen, Möller konnte unlängst expandieren. Derzeit beschäftigt er elf Anwälte in sechs Niederlassungen in Bayern, Thüringen und Sachsen-Anhalt. Und sehnt sich nicht nach einer "normalen" Kanzlei: "Ich mag diese Fernfahrerromantik, weil das das echtere Leben ist."

Michael Klug, dapd/jol

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