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Anwalt als Traumjob "Juristendeutsch kann so schön sein"

Anwälte unter sich: Kannst du mir noch mal den schönen Paragrafen vorlesen? Zur Großansicht
Corbis

Anwälte unter sich: Kannst du mir noch mal den schönen Paragrafen vorlesen?

Wenn es Georg M. Oswald nach Poesie dürstet, greift er zum Urteil des Bundesverfassungsgerichts. Im Interview erzählt der Jurist und Schriftsteller, warum schlichte Büros gut sind fürs Geschäft, Paragrafen nicht für Briefköpfe taugen und die Deutschnote fürs Jurastudium zählt.

KarriereSPIEGEL: Herr Oswald, ich rufe zwei Minuten zu spät an. Noch pünktlich genug für Anwälte?

Oswald: Bei mir schon, bei Gericht wäre eine Entschuldigung fällig. Der Richter ist in der Regel genau zum Termin da.

KarriereSPIEGEL: Und was sagt man da? Hohes Gericht...?

Oswald: Na, "Entschuldigung". Wenn man sich einfach hinsetzt, erntet man mindestens eine hochgezogene Augenbraue.

KarriereSPIEGEL: In Ihrem Buch machen Sie klar, wie wichtig es für Anwälte ist, Termine exakt einzuhalten. Ist eine Ader für Pünktlichkeit Voraussetzung?

Oswald: Ich weiß nicht, ob das eine Eigenschaft ist oder nur Übung. Notorische Zuspätkommer oder Prokrastinierer haben es in dem Beruf aber schwer. Fristen zu versäumen, führt unter Umständen dazu, dass man Prozesse verliert, es kann gravierende Folgen haben.

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KarriereSPIEGEL: Im Sinne von: "Mein Mandant von heute ist mein Prozessgegner von morgen", wie Sie Ihren alten Professor zitieren?

Oswald: Der Satz klingt zwar etwas feindselig, meint aber, dass man die volle Verantwortung für seine Mandanten übernehmen muss. Es ist gut, sich klar zu machen, dass es zwischen Mandant und Anwalt ein Vertragsverhältnis gibt. Wenn etwas schief läuft, können daraus Schadensersatzansprüche entstehen. Das heißt nicht, dass man alles selbst machen muss, etwa die Fristenverwaltung. Aber man muss dafür geradestehen.

KarriereSPIEGEL: Was muss man sonst noch mitbringen für den Job?

Oswald: Man muss rhetorisch gut sein, strukturiert denken und verhandeln können. Ein Jura-Gen gibt es nicht. Doch wenn man in Deutsch gut war, ist das schon mal ein gutes Indiz, weil man sprachlich gewandt sein und logisch denken können muss.

KarriereSPIEGEL: Sprachgewandt? Verzeihung, dass ich lache, Sie sind zwar auch Romanautor, aber wenn etwas komplett unverständlich ist, dann doch Juristendeutsch.

Oswald: Schon, aber damit kommunizieren Juristen ja untereinander. Bei Medizinern bemerkt man Fachterminologie sofort. Juristen benutzen allgemeinverständliche Begriffe und weisen ihnen abweichende Bedeutungen zu. Nehmen Sie "Besitz" und "Eigentum" - im Alltag wird das synonym benutzt. Für uns ist der Eigentümer der, dem zum Beispiel eine Wohnung gehört, der Besitzer ist der Mieter. Aber klar: Für Nicht-Juristen klingt Juristendeutsch oft seltsam. Dabei kann es sogar schön sein. Ich denke da etwa an manche Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts.

KarriereSPIEGEL: Für Sie ist das Jurapoesie?

Oswald: Sagen wir so: Man kann das als Anwalt genießen. Es ist sehr, sehr kunstfähig, gedanklich sehr präzise. Wie ein philosophischer Aufsatz. Aber es ist natürlich unsere Aufgabe, den Mandanten zu erklären, worum es geht.

KarriereSPIEGEL: Hat sich das Image Ihres Berufstands geändert, seit Sie damals anfingen?

Oswald: Anwälte hatten, glaube ich, schon immer einen zwiespältigen Ruf. Viele Menschen halten es auch heute noch für ehrenrührig, mit den Gerichten zu tun zu haben. Seit den neunziger Jahren hat sich unser Anwaltsbild stark amerikanisiert. Es wurden internationale Großkanzleien gegründet, regelrechte Fabriken, in denen viele hundert Anwälte sitzen. Ihre Tätigkeit ist eher die von juristischen Unternehmensberatern. Die klassischen anwaltlichen Tätigkeiten, etwa die Prozessführung, spielt bei vielen von ihnen kaum noch eine Rolle.

KarriereSPIEGEL: Heißt amerikanisiertes Image, dass sie Sammelschadensersatzklagen organisieren wegen zu heißen Kaffees?

Oswald: Nein, ich meine damit: Das klassische Bild des Anwalts in Deutschland wurde vielleicht am besten durch Figuren wie "Liebling Kreuzberg" verkörpert. Und das amerikanische etwa durch die Anwälte in den Romanen von John Grisham: Dort steht den aalglatten Bösewichten in den teuren Anzügen immer ein idealistischer Junganwalt gegenüber, der es mit ihnen aufnimmt.

KarriereSPIEGEL: Und was für einen Ruf haben Verteidiger wie die von Beate Zschäpe, die sich im NSU-Prozesses kleinlich wirkende Gefechte mit den anderen Anwälten und dem Richter liefern?

Oswald: Es ist nicht ungewöhnlich, dass Konfliktverteidiger alle Register der Strafprozessordnung ziehen und Befangenheitsanträge stellen. Das sieht absurder aus, als es ist. Das Ziel ist, das Gericht zu Fehlern zu verleiten, die sein Urteil anfechtbar machen. Ob das der Sache immer angemessen ist, steht auf einem anderen Blatt.

KarriereSPIEGEL: In der deutschen Serie "Danni Lowinski" schlägt eine Anwältin aus Not ihren Klapptisch im Einkaufszentrum auf. Wie sind die Aussichten in der Realität?

Oswald: Sicher, man kann auch anfangen, Anwalt zu werden, indem man ein Schild an die Tür schraubt. Mit einer Einzelkanzlei anzufangen, ist im Regelfall schwierig, aber es bietet auch ein großes Maß an Freiheiten.

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KarriereSPIEGEL: Welche Spezialisierung ist besonders lukrativ - Insolvenzrecht?

Oswald: Das lässt sich nicht pauschal sagen. Mit Gesellschaftsrecht in einer großen Kanzlei lässt sich aber wohl mehr Geld verdienen als mit der Regulierung von Verkehrsunfällen als Einzelkämpfer. Und was das Insolvenzrecht betrifft: Es soll auch schon Insolvenzverwalter gegeben haben, die selbst Insolvenz anmelden mussten.

KarriereSPIEGEL: Sie sind Gesellschaftsrechtler. Wieso?

Oswald: Anders als zum Beispiel Ärzte werden Juristen noch immer zu Generalisten ausgebildet. Es greifen ja auch viele Rechtsgebiete ineinander. Wenn ich zum Beispiel eine Familiengesellschaft berate, muss ich mich neben den Gesellschaftsverträgen auch um Eheverträge, Testamente und deren steuerliche Auswirkungen kümmern. Da geht es dann in ein- und demselben Fall um Gesellschafts-, Familien-, Erb- und Steuerrecht.

KarriereSPIEGEL: Sie sagen, für Erfolg kommt's auf die Lage der Kanzlei und den Briefkopf an. Sie residieren in der Münchner Altstadt, nicht schlecht. Und wie sieht Ihr Logo aus?

Oswald: Eine gute Lage ist angenehm, aber man darf das auch nicht überschätzen. Ich persönlich schätze schlichte Briefköpfe, also ganz ohne Prägedruck, gekreuzte Klingen, Justitia und Paragrafen. Wir haben ein schönes Büro, aber keines, bei dem die Mandanten gleich denken: Meine Güte, das müssen wir alles mitbezahlen. Ich muss auch sagen, als Mandant wäre mir ein toller Anwalt in einem schlichten Büro lieber als umgekehrt.

KarriereSPIEGEL: Haben Sie eigentlich einen Lieblingsparagrafen?

Oswald: Ja. Artikel 1 des Grundgesetzes.

Das Interview führte Anne Haeming.

Zur Person
  • Marin Fengel
    Georg M. Oswald (Jahrgang 1963) ist Rechtsanwalt und Schriftsteller. Sein letzter Roman "Unter Feinden" wurde vom ZDF verfilmt. Gerade ist sein Buch "55 Gründe Rechtsanwalt zu werden" erschienen. Er lebt in München.

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insgesamt 41 Beiträge
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    Seite 1    
1. oy vey
roflem 25.07.2013
noch mehr Schwarzkittel? Haben wir nicht schon genug am Hungertuch nagende Armwälte, die mit Abmahnungen die Republik überrollen?
2. Wie bitte ?
Friedrich der Streitbare 25.07.2013
"Anders als zum Beispiel Ärzte werden Juristen noch immer zu Generalisten ausgebildet." Selbstverständlich werden Ärzte zu Generalisten ausgebildet. Nach der Ausbildung spezialisieren sie sich dann auf ein Fachgebiet. Ich sehe da absolut keinen Unterschied zu Juristen. p.s. bin weder Arzt noch Jurist.
3. komisch,
bluemke 25.07.2013
die einzigen "Anwälte", mit denen ich je zu tun hatte, waren die Abmahnspezis und Eintreiber von unberechtigten Forderungen von Pleiteunternehmen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieser Beruf Freude macht.
4. Ach Gottchen
arac 25.07.2013
G. M. Oswald: "[Die juristische Sprache] ist sehr, sehr kunstfähig, gedanklich sehr präzise. Wie ein philosophischer Aufsatz." Die Philosophie basiert auf Vernunft. Jura basiert auf der Auslegung und Interpretation von Menschen geschaffener Gesetze. Das spielt nicht mehr nur in unterschiedlichen Ligen, das sind völlig verschiedene Sportarten.
5. typisch Jurist:
Just4fun 25.07.2013
antwortet auf die Frage nach "Terminen" mit "Fristen", und wer sich nur bei Gericht entschuldigt, wenn er zu spät kommt ....
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