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Anwalts-Marketing kurios Der Erbrechtler im Leichenwagen

Kanzleimarketing: Tatütata, der Anwalt ist da Fotos
Kanzlei Geilke & Schütze

Rechtsanwälte müssen sich auf einem überlaufenen Arbeitsmarkt behaupten. Da zählt vor allem: gesehen werden. "Legal Tribune ONLINE" entdeckte sehr spezielles Guerilla-Marketing - manche Juristen brausen in umgebauten Polizeiwannen, Feuerwehr- oder Leichenwagen durch die Stadt.

Wenn Strafverteidiger Carsten Hoenig durch die Straßen Berlins fährt, dann ordnet sich der Verkehr rings um ihn: Niemand überschreitet mehr das Tempolimit, bei Gelb wird brav gebremst, ja, andere Autofahrer lassen ihm sogar freiwillig die Vorfahrt.

Das liegt nicht daran, dass Hoenig Anwalt ist, sondern an seinem Fahrzeug, das auf den ersten Blick genau wie ein in die Jahre gekommener Polizeibus aussieht. Erst beim zweiten Hinsehen fällt auf, dass der Schriftzug "POLIZEI" durch "KANZLEI" ersetzt wurde und auch die Blaulichtanlage nicht mehr ganz dem Original entspricht.

"Die Verwechslungsmöglichkeit ist definitiv vorhanden und auch gewollt. Im ersten Augenblick denken die Leute, dass sie es mit einem echten Polizeifahrzeug zu tun hätten, dann fällt ihnen auf, dass sie gefoppt wurden, und sie müssen lachen", erzählt Rechtsanwalt Hoenig. "Schön zu beobachten war dies zum Beispiel, als ich eines Freitagabends mit der Wanne im Kreuzberger Wrangelkiez unterwegs war und mir eine Gruppe Punks entgegenkam. Die machten grimmige Gesichter und die ersten bückten sich schon, um ein paar Steine aufzulesen - als sie dann erkannten, um was für ein Gefährt es sich handelt und wer da hinter dem Steuer sitzt, gab es eine fröhliche Begrüßung und ein paar freundliche Klapse auf's Blech."

Hoher Wiedererkennungswert durch Überraschungseffekt

Doch solche Verwechslungen sind nicht nur für den gelegentlichen Lacher gut: Sie sollen vor allem einen Aha-Effekt erzeugen, der sich ins Gedächtnis brennt und dort wesentlich besser haften bleibt als normale Werbemaßnahmen. "Einen gewöhnlichen Werbeaufdruck haben mittlerweile doch so viele Fahrzeuge, dass er kaum jemandem mehr auffällt", stimmt Rechtsanwalt Ludger Felbecker von Nierenz & Felbecker zu, der für seine Kanzlei nach dem Vorbild des Kollegen Hoenig im Jahre 2009 ebenfalls einen Polizeibus ersteigert hat.

Auf einem überlaufenen Anwaltsmarkt sind die Mandate heiß umkämpft. Viele Rechtsanwälte arbeiten für Hungerlöhne und müssen noch nach Jahren ums finanzielle Überleben kämpfen. Die Suche nach einer Marktnische kann helfen, etwa durch eine Spezialkanzlei für Autobahn-Trucker - oder ausgefuchstes Marketing.

Wer sich behaupten will, muss es schaffen, die Aufmerksamkeit der künftigen Kunden früh auf die eigene Kanzlei zu lenken. Beide Anwälte bestätigen übereinstimmend, dass das ungewöhnliche Gefährt viel Aufmerksamkeit auf sich zieht und ihnen eine Reihe neuer Mandanten eingebracht hat. "Aber das allein reicht nicht", meint Ludger Felbecker, der ebenfalls auf Strafrecht spezialisiert ist. "Man muss das Fahrzeug in ein Gesamtkonzept einbinden, dazu gehören auch Aufkleber, ein Blog und natürlich mediale Berichterstattung."

Über einen Mangel an Medienberichten können sich beide nicht beklagen: Die "Wanne" von Rechtsanwalt Hoenig hat es in diverse lokale Medien ebenso geschafft wie in ein Musikvideo zum Song "Tanz deine Revolution", und sogar in einem Buch spielt sie eine tragende Rolle. Der Bus von Anwaltskollege Felbecker hatte seinen bisher wohl prominentesten Auftritt im Zuge eines Prozesses vor dem Verwaltungsgericht Arnsberg, nachdem der Kreis Siegen-Wittgenstein eine Unterlassungsverfügung wegen angeblicher Verwechslungsgefahr erlassen hatte.

"Das können wir denen niemals danken", sagt Felbecker heute amüsiert. "Die Sache endete letztlich mit einem Vergleich, aber durch den Prozess wurden die Medien auf uns aufmerksam, was zu mehreren Berichten und einer breiten öffentlichen Wahrnehmung geführt hat."

Dass diese Wahrnehmung nicht immer positiv ist, musste indes Thomas Geilke von Geilke, Schütze & Kutsche feststellen. Als Spezialist im Erbrecht fand der ebenfalls aus Berlin stammende Anwalt es nur passend, sich für seine Berufsfahrten einen Leichenwagen - oder, wie es vornehmer heißt, ein Bestattungsfahrzeug - anzuschaffen. Die öffentliche Empörung ließ nicht lange auf sich warten: Schon bald war ein kritischer Artikel im "Tagesspiegel" zu lesen, ein Mitbürger legte sogar Beschwerde bei der Anwaltskammer ein.

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