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Arbeit im Urlaub Der Stress fliegt mit

Endlich Urlaub: Abschalten! Fotos
Corbis

Wer in den Urlaub geht, will eigentlich alles hinter sich lassen - weg von der Arbeit, vom Chef, vom Druck. Doch viele Berufstätige bekommen das nicht hin. Jeder Zweite hat schon mal im Urlaub gearbeitet. Vor allem Führungskräfte tun sich schwer, einen Gang herunterzuschalten.

Egal, ob der Vorgesetzte noch dringend etwas wissen muss oder ein Büromitarbeiter eine Frage hat - viele deutsche Angestellte rechnen auch im Urlaub mit Dienstanrufen. Für 41 Prozent der Berufstätigen ist es üblich, dass sich der Chef oder die Kollegen auch in der Ferienzeit mit ihren Anliegen bei ihnen melden. Das hat eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes YouGov ergeben.

Jeder Zweite in Deutschland hat schon mal im Urlaub gearbeitet. Als besonders pflichtbewusst und arbeitsam erweisen sich dabei die Männer. 57 Prozent von ihnen haben auch dann schon berufliche Dinge erledigt, wenn sie eigentlich entspannen wollten und außer Dienst waren. Bei den Frauen waren es 48 Prozent.

Wenn wichtige Projekte ins Rutschen kommen können, Deadlines gehalten werden müssen oder hohe Summen auf dem Spiel stehen, dann wird es mit dem Entspannen schwierig. Denn muss nicht einer die Verantwortung tragen? Gerade auf der mittleren Generation der Manager laste ein "gewaltiger Druck", sagt Falk Al-Omary, Vorsitzender des Deutschen Managerverbandes. Dieser Druck sorge dafür, dass ihnen das Abschalten im Urlaub schwer falle. Die Angst, dass die Manager am Ende doch ihren Kopf hinhalten müssten, sei groß.

"Dann macht man's doch lieber selbst..."

"Die Firmen haben oft gar nicht so viele Häuptlinge, wie viele immer denken", so Falk Al-Omary, "viele Dinge lassen sich daher schlecht oder gar nicht delegieren. Delegieren kostet zudem Zeit, die Kollegen müssen eingearbeitet und kontrolliert werden. Und dann macht man's doch lieber selbst - notfalls im Urlaub."

Gesund ist so ein Verhalten sicher nicht, auf Dauer drohen Berufstätige auszubrennen. "Regenerationsphasen sind sehr wichtig", sagt Arbeitspsychologe Tim Hagemann von der Fachhochschule der Diakonie in Bielefeld. "Wenn die in der Freizeit und Urlaubszeit nicht mehr gegeben sind, sehe ich ganz klar die Gefahr, dass Formen von stressbedingten Krankheiten zunehmen - zum Beispiel Bluthochdruck, Burnout oder Depressionen."

Zu den wenigen Konzernen, die auf strikte Einhaltung von "Ruhezeiten" außerhalb der Arbeitszeit drängen, gehört in Deutschland die Telekom in Bonn. In einer Selbstverpflichtung hat sich der IT-Konzern eine ganze Reihe Maßnahmen auferlegt, die die mentale und physische Gesundheit fördern sollen. Denn "psychosoziale Schieflagen betreffen selten nur den einzelnen Mitarbeiter, sie können gravierende Auswirkungen in ganzen Teams, ganzen Bereichen haben", so Thomas Sattelberger, Personalvorstand der Deutschen Telekom, kürzlich in der SPIEGEL-Titelgeschichte "Neustart - Wege aus der Burnout-Falle".

So wurde beim rosa Riesen festgelegt, dass außerhalb der üblichen Arbeitszeiten und am Wochenende ein "Smartphone-Verbot" gilt. E-Mails und Anrufe müssen nicht mehr beantwortet werden, niemand hat Konsequenzen zu befürchten, wenn er sich tatsächlich an dieses Gebot hält. "Wir müssen unseren Mitarbeitern die Möglichkeit geben, Beruf und Privatleben auszubalancieren und zu entschleunigen", predigt Sattelberger.

Solche Absichtserklärungen müssen erst noch gelebte Unternehmenskultur werden. Es gibt durchaus Ehepartner von Führungskräften der Telekom, die sagen: "Von einem Smartphone-Verbot merke ich nichts." Und es gibt Unternehmensberater, die erzählen, dass von ebenjenen Telekom-Managern, die selbst ihr Handy am Wochenende beiseitelegen, freitags noch Aufträge erteilt werden, die am Montagmorgen erledigt sein müssen.

Niemand hat die Pflicht, im Urlaub seine Mails zu checken

Laut Umfrage von YouGov verweigern sich in der deutschen Wirtschaftswelt nur 13 Prozent der Berufstätigen komplett der Dauerverfügbarkeit und arbeiten "nie" nach Feierabend oder in der Ferienzeit. Fast jeder Vierte tut es jedoch "häufig", 46 Prozent "hin und wieder". Besonders schwer von der Arbeit trennen können sich Berufstätige im Alter zwischen 45 und 54 Jahren. Hier gaben 60 Prozent an, schon mal im Urlaub gearbeitet zu haben. Je höher das Einkommen, desto größer war die Einsatzbereitschaft.

Europaweit ist das Phänomen der "Urlaubsarbeit" nicht weniger verbreitet als unter den Deutschen. Auch eine Umfrage des Karrieredienstes Experteer unter den Mitgliedern kommt zu dem Ergebnis, dass es vor allem Fach- und Führungskräfte sind, die in den privaten Urlaub mit Laptop, Smartphone oder Handy reisen. Häufig bleiben sie per Mail für ihre Teams und Vorgesetzten erreichbar.

So checkt die Hälfte der Franzosen berufliche E-Mails während des Urlaubs jeden Tag. Dagegen reagiert knapp ein Viertel der deutschen Führungskräfte nur in dringenden Fällen auf Arbeitsmails oder fragt diese gar nicht erst an. Am besten abschalten können die Niederländer. Hier checkt mehr als ein Drittel der Spitzenkräfte im Urlaub nie die elektronische Post, jeder Fünfte nur in Ausnahmefällen.

Arbeitsrechtlich gilt jedoch: Wer sich in der Freizeit berufliche Verpflichtungen vom Leibe hält, tut recht. "Während des Urlaubs hat der Arbeitnehmer Urlaub und ist nicht verpflichtet zu arbeiten", sagt Arbeitsrechtler Michael Eckert, der auch im Vorstand des Deutschen Anwaltvereins sitzt. "Er darf sein Handy abschalten, er darf sein Laptop abschalten, er ist nicht verpflichtet, seine E-Mails zu lesen. Das ist der Grundsatz."

Mit Material von dpa

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insgesamt 48 Beiträge
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    Seite 1    
1. Kein Mitleid
Michael Giertz 01.08.2011
Zitat von sysopWer in den Urlaub geht, will eigentlich alles hinter sich lassen - weg von der Arbeit, vom Chef, vom Druck.*Doch viele Berufstätige bekommen das nicht hin.*Jeder Zweite*hat schon mal im Urlaub gearbeitet.*Vor allem Führungskräfte tun sich schwer, einen Gang herunterzuschalten. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,777147,00.html
Die armen, armen Führungskräfte ... *Ironie* Mein Tipp: Handy und Laptop zu Hause lassen. Das Unternehmen läuft auch ohne euch ganz gut, das wird 2, 3 Wochen auf euren Input verzichten können. Ganz ehrlich: wer immer verfügbar sein will, hat's nicht anders verdient und verdient auch kein Mitleid.
2.
willi_der_letzte 01.08.2011
Zitat von sysopWer in den Urlaub geht, will eigentlich alles hinter sich lassen - weg von der Arbeit, vom Chef, vom Druck.*Doch viele Berufstätige bekommen das nicht hin.*Jeder Zweite*hat schon mal im Urlaub gearbeitet.*Vor allem Führungskräfte tun sich schwer, einen Gang herunterzuschalten. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,777147,00.html
Das ist der praktische Beweis, dass diese "Manager" eben doch nicht die hellsten Köpfe sind. Wenn die wirklich glauben das ohne sie der Laden zusammenbricht, dann sind sie unglaublich naiv. Oder sie haben einfach Angst, das jemand merkt, dass es ohne sie genauso oder sogar besser geht.
3. .
Trondesson 01.08.2011
Zitat von willi_der_letzteDas ist der praktische Beweis, dass diese "Manager" eben doch nicht die hellsten Köpfe sind. Wenn die wirklich glauben das ohne sie der Laden zusammenbricht, dann sind sie unglaublich naiv. Oder sie haben einfach Angst, das jemand merkt, dass es ohne sie genauso oder sogar besser geht.
So ist es. Nicht ohne sie sondern mit ihnen wird der Laden irgendwann implodieren. Spätestens wenn sie ihre Abfindung ausgehandelt haben.
4. Führungskräfte?
SACHSENKANDY 01.08.2011
Was der Willi hier schreibt ist doch Blödsinn? Wer sagt denn das Führungskräfte immer "Angestellte" sein müssen? Ich bin Selbstständiger HSL-Ingenieur, so wie ich müssen sich viele Einzelkämpfer Tag für Tag duchschlagen. Und wenn wir nach einer 60-Stunden Woche mal Urlaub haben können wir es uns gar nicht erlauben unser Kommunikationssystem abzuschalten, denn wenn der Auftraggeber ruft mußt du erreichbar sein, sonst war es der letzte Auftrag. Aber das versteht so ein kleiner Arbeitnehmer wie Willi ja nicht.
5. Fleissiges Sägen
doc.nemo 01.08.2011
Viele sind wohl auch, nicht zu unrecht, der Überzeugung, dass fleissig an ihrem Stuhl gesägt wird, wenn sie nicht drauf sitzen. Mitleid habe ich trotzdem nicht. Wer sich in solche Höhen vorgekämpft hat, soll ruhig auch leiden, wenn ihm die Luft knapp wird.
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