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Schöne neue Arbeitswelt Na, schon Feierabend?

Hurra, heute können wir überall arbeiten! Selbst im Biergarten. Zur Großansicht
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Hurra, heute können wir überall arbeiten! Selbst im Biergarten.

Dienstschluss um 17 Uhr? So Achtziger! Trennung von Arbeit und Privatleben? Nur was für Spießer. Konzerne predigen die ständige Erreichbarkeit. Nur im Sinne der Arbeitnehmer, versteht sich.

Kennen Sie den schon? Treffen sich fünf Workaholics und reden über "Work-Life-Balance". Mua-haha!

Kein Witz: So ähnlich muss man sich die Expertenrunde vorstellen, zu der eine Computerfirma vor kurzem geladen hat. Im Vorfeld hatte sie einen Bestseller-Autor gebeten, ein "Manifest für ein neues Arbeiten" zu schreiben und dazu gleich "33 Regeln erfolgreicher digitaler Pioniere" zu liefern. Und ein Telekommunikationskonzern hat - Überraschung! - jüngst auch ein paar Spitzenideen in den Raum geworfen, wie wir es schaffen, besser zusammenzuarbeiten. Weil diese Unternehmen natürlich gerne behilflich sind, neue, unverzichtbare Produkte für Rundum-Erreichbarkeit unter die Leute zu bringen. Und weil ja bislang wirklich niemand über flexible Arbeitszeiten und die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf geredet hat.

Frauen, die de facto immer noch die Karriere-Loser-Karte ziehen, wenn sie Kinder bekommen, waren bei der einen Manifest-Veranstaltung übrigens gar nicht für die Expertenrunde eingeplant. Ok, man setzte dann doch noch schnell eine 30-jährige Bloggerin, die über ihr Leben schreibt (und sich gefallen lassen musste, von den Herren "Wirbelwind" genannt zu werden) neben die High-Performer. Aber sonst gibt es ja keine Frauen in Top-Positionen der freien Wirtschaft oder der Wissenschaft, die irgendetwas über neue Arbeitsmodelle zu sagen hätten.

KarriereSPIEGEL hat sich ein paar dieser nigelnagelneuen Ideen aus dem Manifest angeschaut, die unsere Arbeitswelt bald zum Besseren revolutionieren sollen:

  • "Früher fand Arbeit im Büro statt. Heute arbeiten wir überall."

Hach, es klingt so schön: "Was spricht dagegen, Arbeit und Freizeit, Freizeit und Arbeit miteinander zu mischen und dann produktiv, kreativ und rekreativ zu sein, wenn es möglich oder nötig ist?" Mit dem Tablet im Sandkasten, dem Smartphone am Strand, nachts, wenn die Kinder im Bett sind, noch eben E-Mails checken, vielleicht hat der Chef sich ja gemeldet. Die Arbeit kriecht dank der Mobiltechnik in alle Ritzen unseres Lebens, rund um die Uhr. Ein Traum! Von wegen. Dass die ständige Erreichbarkeit krank macht, ist Fakt - und Work-Life-Balance nur ein Euphemismus für die Fortführung der albernen Präsenzkultur im virtuellen Raum.

  • "Früher war das Unternehmens-Handy ein Statussymbol. Heute ist es die Erlaubnis, sein eigenes Smartphone und Tablet benutzen zu dürfen (bring your own device)."

Yay, und für diese "Work-Life-Balance" dürfen wir nun endlich unseren eigenen Kram benutzen! Meine Firma muss mir nicht mehr die Arbeitsgeräte zur Verfügung stellen, die ich brauche, um für sie nonstop zur Verfügung zu stehen. Um am Wochenende Präsentationen zu basteln und berufliche Gespräche zu führen, also mehr Arbeitszeit zu investieren. Geräte, für die ich sicher auch noch extra Software anschaffe, um meinen Job zu machen - da freut sich der Computerkonzern. Mein Arbeitgeber holt also mehr aus seinem Humankapital raus - und bekommt das dann auch noch billiger. Spitzenidee.

  • "Früher dominierte der klassische 9to5-Arbeitstag. Heute machen flexible Arbeitszeiten produktiv und effizient."

Ja klar. Weil ja niemand gerne Feierabend hat um 17 Uhr. Pff, wie oldschool! Das ist nur was für verbeamtete Sesselpupser aus der Generation Wirtschaftswunder. Nein, wir freuen uns, wenn uns unsere Firma eine Arbeitsumgebung baut, die uns kreativ sein lässt. Idealerweise mit saugemütlichen Wohnzimmerlandschaften, Bandproberaum, Sportstudio, Waschservice, so dass wir uns wie zu Hause fühlen können. Also in der Firma. Und gar nicht mehr wegwollen, weil: Es ist echt viel cooler im Büro-Spielplatz als daheim. Der Slogan, den sich das Software-Unternehmen für das Manifest ausgedacht hat, passt dazu: "Sie nannten es Arbeit - für uns ist es unser Leben." Eine Anspielung auf einen acht Jahre alten Bestseller übers kreative Prekariat. Und sie schieben dann total #Yolo-mäßig noch hinterher: "#einfachmachen". Das ist wirklich nicht visionär. Das ist zynisch.

  • KarriereSPIEGEL-Autorin Anne Haeming (Jahrgang 1978) ist freie Journalistin in Berlin.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 69 Beiträge
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1. optional
Hesekiel 16.05.2014
Die technischen Möglichkeiten entwickeln sich nunmal weiter. Der AG hätte gern eine weitgehende Erreichbarkeit rund um die Uhr, mail checken am Wochenende und Vertragsanbahnungen per whatsapp - der AN hätte dafür gern sein Jahressalär von xy. Früher war Reisewilligkeit in vielen Branchen notwendige Voraussetzung für Karriere, heut halt online Affinität und hohe Erreichbarkeit. Man muss sich halt damals wie heute entscheiden, ob Karriere einem die dafür notwendigen Opfer wert ist oder man lieber nur 9to5 arbeitet und halt den eigenen Ehrgeiz etwas zügelt..
2. Präsenzkultur
midastouch 16.05.2014
Eine Bemerkung zur Präsenzkultur, die die Autorin als albern bezeichnet: es geht nicht darum, einfach lange im Büro zu sein und nichts zu tun (wie etwa in Japan, ich habe da gearbeitet). Nein, es geht darum, auch mehr zu leisten als andere. Das berechtigt, dann auch die Gehaltserhöhung und den Aufstieg. Wer das nicht möchte, kann ja um 17 Uhr nach Hause gehen. Aber was mir auf die Nerven geht, sind die Frühnachhausegeher, die dann ebenfalls mehr Geld und Karriere wollen, obwohl sie de facto weniger leisten als ihre Kollegen. Das ist einfach nur frech. Im übrigen gebe ich "Hesekiel" recht, für Arbeit gibt es einen entsprechenden Lohn. Wer ein 6-stelliges Jahresgehalt will, muss eben mehr leisten, als um 17 Uhr nach Hause zu gehen.
3.
Olaf 16.05.2014
Zitat von sysopDPADienstschluss um 17 Uhr? So Achtziger! Trennung von Arbeit und Privatleben? Nur was für Spießer. Konzerne predigen die ständige Erreichbarkeit. Nur im Sinne der Arbeitnehmer, versteht sich. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/arbeit-in-konzernen-unternehmen-wollen-debatte-ueber-work-life-balance-a-969403.html
In den achtzigern schlossen die Geschäfte aber auch alle um 18:00 Uhr und am Samstag um 13:00 Uhr. Das will heute aber auch keiner mehr, obwohl es damals schwer umkämpft war. Will sagen: Die Ansprüche der Firmen an die Erreichbarkeit ihrer Mitarbeiter haben sich auch geändert, weil sich die Ansprüche der Kunden an die Erreichbarkeit der Firmen geändert haben. Und Kunden sind wir ja auch alle mal.
4. optional
bubbadiop 16.05.2014
über die ganzen möchtegern Manager mit ihren Iphones wenn se wichtig am Fluhafen oder auf Meetings immer auf das Ding starren lach ich nur. Hatte selber 5 Jahre einen BlackBerry und das Gerät brachte mich fast zum Wahnsinn. Man hat keine freie Minute mehr. Hab jetzt die Firma gewechselt und gleich beim Einstellungsgespräch gesagt das ich so ein Teil nicht mehr haben will. Jetzt ist ruhe und ich kann den Feierabend wieder mit meiner Familie genießen.
5.
Dromedar 16.05.2014
Also, keine Ahnung, worüber sicher der Artikel aufregt Ich habe extra die Arbeit gewechselt um eben mehr, aber dafür auch zu meinen Zeiten zu arbeiten.Arbeitsschluss 17:00 ist in der Software-Entwicklung wirklich surreal, aber dafür fängt man halt hauch erst 10:00 oder 10:30 an. Dafür suche ich mir jetzt auch eine Wohnung nahe der Arbeit, was vermutlich auf knapp 18€/m^2 hinausläuft, Szenebezirk halt. Soll ich jetzt permanent 1h+ pendeln, ist auch nicht das ware. Soll ich mich entschuldigen, weil ich keine Familie habe, noch will? Nö, ich schaffe Werte und bin stolz darauf. Ich verstehe nicht im geringsten was so toll sein soll sich um Kindergartenplätze früh um 7:00 zu prügeln und so weiter. Das man erreichbar ist für den Arbeitgeber ist selbsverständlich, aber genauso auch, dass man darauf pfeifen kann. Zumindestens als Software-Entwicköer bekommt man ohne Probleme einen mindestens genauso guten Jub, wie man ihn im Moment hat. Also, der Arbeitgeber hat im Normalfall nahe Null Druckpotential. Bloss warum soll man seine Smartphones und Tablets nicht nutzen. Und wozu soll man bitte Urlaub machen?? Ich suche mir lieber eine Arbeit, die ich gerne mache als eine von der ich Urlaub machen müsste. Und wenn Sie jetzt einwenden, dass das nicht jeder kann: Bildung ist jedenfalls in Deutschland kostenlos. Dass das nicht jeder Moldawier hinkriegt ist nicht unser Problem, aber wer in Deutschland einen miesen Job macht (machen muss), sollte sich mal an der eigenen Nasenspitze fassen.
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