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Manager statt Rentner Viagra fürs Ego

Altersvorsorge: Lebenslust und Ruhestandsbezüge Fotos
REUTERS

Richard Branson, Warren Buffett, Hasso Plattner: Manche Manager hören im Alter einfach nicht auf zu arbeiten. Den "Silver Workern" bringt das Spaß und noch mehr Geld. Doch in Deutschland freuen sich nicht alle über die erwerbshungrigen Alten.

Vom Sofa in Ben Lipps' Wohnzimmer aus geht der Blick nach draußen durch viel Glas auf den Pool mit Palmen unter der Sonne von Palm Springs. Und auf einen Zitronenbaum, dessen Äste sich auch fünf Tage vor Heiligabend unter schweren Früchten biegen. Wie gemacht für einen Whiskey Sour oder eine Margarita. Doch der 73-Jährige mixt sich fast nie Cocktails. Stattdessen pflückt er ab und zu einen Korb Zitronen und schenkt ihn den Kollegen im Büro.

"Ich fange immer noch fast jeden Tag um vier Uhr früh an zu arbeiten", sagt Lipps. Er, der Wahlkalifornier, will mit den deutschen Kollegen telefonieren, wenn die aus der Mittagspause zurück sind.

Ja, er hat vor einem Jahr den Vorstandsvorsitz beim Dax-Konzern Fresenius Medical Care (FMC) abgegeben, zur Freude seiner Frau. Sie hat auch den Bungalow ausgesucht, der 1963 für die Sängerin und TV-Moderatorin Dinah Shore gebaut wurde. Viel Glas, viel Stahl, sechs Schlafzimmer und ein Tennisplatz, den Lipps kaum betritt. Schräg gegenüber wohnte einst Ronald Reagan. Auch Elvis, Dean Martin, Celine Dion und Arnold Schwarzenegger ließen es sich in der Wüstenstadt gut gehen, Sonny Bono war hier mal Bürgermeister. Viel Prominenz, viel Ehemaliges.

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Gefragte Rentner: Das Know-how der Silberrücken
Aber das beeindruckt Lipps alles nicht, er mag nicht ausruhen. Als Chef von FMC jettete er unermüdlich um die Welt, zwischendurch nahm er Preise für erfolgreiche Unternehmensführung entgegen. Im September 2013, also bald nach seinem Ausstieg beim Dialysekonzern, stieg er wieder ein: als Chef der Berliner Medizintechnikbude Magforce mit gerade einmal 18 Mitarbeitern, aber einer möglicherweise revolutionären Therapie gegen Krebs.

Erst FMC, jetzt Magforce

Die will er jetzt zum Erfolg führen - so wie er es seit den Sechzigern bei der von ihm mitentwickelten Dialyse getan hat. Zudem berät er nach wie vor seinen alten Arbeitgeber: Gerade war der Investor-Relations-Leiter da, mit Unterlagen für eine Roadshow bei Anlegern.

"Ich bin sehr glücklich, wenn ich einen sinnvollen Beitrag leiste", sagt Lipps. Er will auf Spitzenniveau spielen - und in seinem Alter ist das beim Golf oder Tennis nicht mehr zu schaffen. Deshalb macht er lieber das, wo ihm keiner etwas vormacht: medizinische Forschung, Vermarktung, Investorensuche. Und das ab vier Uhr früh, wenn es selbst in Kalifornien noch dunkel ist. "Ich kann jeden Morgen den Sonnenaufgang sehen", sagt Lipps - und grinst.

Lipps ist Überzeugungstäter, und er verkörpert einen Trend: Weil die Menschen länger und gesünder leben, wollen sich vor allem Führungskräfte nicht mehr mit 60 oder 65 ausmustern lassen und nur mehr ihr Handicap beim Golfen optimieren. Die "Silver Worker", wie sie oft genannt werden, wollen weiterarbeiten, produktiv bleiben.

Eine Studie der Großbank UBS mit dem Titel "80 ist das neue 60", für die 2300 wohlhabende Amerikaner befragt wurden, belegt: Jeder Zweite möchte mindestens bis 70, vielleicht sogar bis 75 arbeiten. Danach bleiben in der Tat immer noch einige Jahre für Reisen, Freizeit und Müßiggang. Denn wer heute 60 ist, kann laut Statistik erwarten, deutlich älter als 80 Jahre zu werden.

An Vorbildern fehlt es nicht: Karl Lagerfeld schneidert mit 80 Jahren unverdrossen Couture für Chanel, eine der ersten Adressen in der Modewelt; SAP-Mitgründer Hasso Plattner, 70, verdingt sich als Talentscout im deutschen Digitalbusiness; der ehemalige SPIEGEL-Chefredakteur Stefan Aust, 67, verkaufte erst den Sender N24 an Springer und steht nun vor der Mammutaufgabe, damit als Herausgeber die "Welt" zu retten; Modepatriarch Gerry Weber verlängerte mit damals 71 Jahren seinen Vertrag als Vorstandschef; Richard Branson, 63, greift noch mal nach den Sternen, und Larry Ellison, 69, hält als CEO das Steuer bei Oracle so fest wie das seiner Jacht.

Reich in Rente

Das Phänomen der erwerbshungrigen Alten beschränkt sich nicht allein auf knorrige Unternehmer und Topmanager. Zwischen 2001 und 2011, bilanziert das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), hat sich die Zahl der Erwerbstätigen im Rentenalter glatt verdoppelt. Werden Selbstständige und mithelfende Familienangehörige mitgezählt, arbeiten schon jetzt in Deutschland rund 1,2 Millionen Silver Worker.

Die Gründe sind vielfältig, sagt Jürgen Deller, Professor für Wirtschaftspsychologie an der Universität Lüneburg und Forschungsdirektor des Berliner Silver Workers Research Institute: "Flexibilität, soziale Kontakte und vor allem das Erleben der eigenen Wertschätzung".

Hinzu kommt eine spürbare finanzielle Entlastung. Wer später aufhört zu arbeiten, kann viel unbeschwerter leben und konsumieren. Die Panikmache, ohne intensive Altersvorsorge lasse sich der Lebensstandard nicht halten, zieht bei den Silberschläfen nicht mehr.

Das beweist eine einfache Rechnung: Um im Ruhestand jährlich 60.000 Euro aus Kapitaleinkünften zu erhalten, muss ein heute 40-jähriger Selbstständiger unter realistischen Annahmen bis zum 67. Lebensjahr monatlich 2160 Euro zurücklegen. Arbeitet er jedoch bis zum 72. Lebensjahr, reichen dafür schon 1250 Euro. Angestellte, die einen Teil ihrer Alterseinkünfte aus Staats- und Betriebsrenten erhalten, müssen entsprechend weniger sparen.

Rente mit 67? Hochleister arbeiten einfach weiter

Ein Hochleister wie Lipps verschwendet daran nicht viele Gedanken, für ihn ist Arbeit nicht Qual, sondern Erfüllung. Schon während seiner Jugend im Agrarstädtchen Connersville in Indiana kannte er keine Freizeit. Mit zwölf bestellte er den Nebenerwerbshof der Familie allein, der Vater baute im eigenen Betrieb Autoteile. Abends und am Wochenende säte der kleine Ben Mais und Weizen, versorgte Schweine und Rinder. Mit den Gewinnen der Farm bezahlte er sein Chemiestudium. "Wer hart arbeitet, hat ein gutes Leben", das ist sein Credo.

Für Menschen seines Schlags wird der Beruf zum Wettkampf wie Golf oder Tennis - nur spannender, sinnvoller, lohnender. Lipps: "Keiner von uns kann tun, was wir tun, ohne der Beste sein zu wollen."

Die Praxis, dass Manager spätestens mit 65 in Rente gehen sollen, hält er für überholt: "Warum sollte man nicht arbeiten und seinen Beitrag leisten, bis man 80 ist, wenn man gesund ist?"

Das sieht Wolfgang Reitzle ähnlich. Im Frühjahr gibt er den CEO-Posten bei Linde ab, ordnungsgemäß mit 65. Doch deswegen hört er noch lange nicht auf. "Im Ferienhäuschen aufs Meer blicken", sagte er einmal bei Phoenix, "das würde ich keine zwei Tage aushalten."

Drum hat Reitzle seine zweite Karriere vorbereitet: Gerade ist er in den Aufsichtsrat der Medical Park AG eingezogen, ein Tochterunternehmen der Freiberger-Gruppe, bei dem er sich selbst mit 10 Prozent beteiligt hat. Für den mit Fertigpizza reich gewordenen Ernst Freiberger soll er zudem das auf rund 800 Millionen Euro geschätzte Vermögen behüten und mehren. Selbst für einen Dax-Konzernchef ein verlockend lukratives Angebot. Und wer den engen Vertrauten von Maria-Elisabeth Schaeffler kennt, weiß: Da warten noch mehr Jobs.

Very Senior Experts

Eher widerwillig unterwirft sich Reitzle den Regeln der Corporate Governance - denn länger arbeiten ist in Deutschland schwieriger, als viele denken. "Noch immer gilt als Unmensch, wer das Thema anspricht", klagt Alternsexpertin Ursula Staudinger, Gründungsdirektorin des Columbia Aging Centers in New York. Dabei gehe es nicht um Zwang, "doch es sollten zumindest die entsprechenden Möglichkeiten geschaffen werden, dass länger arbeiten kann, wer es möchte. Etwa in einer Art Treppenmodell, in dem die Arbeit stufenweise heruntergefahren wird, statt von hundert auf null abzubremsen."

Mini-MBAs als Update in Managementwissen, effizienter Wissenstransfer, Coaching von Vorständen - Wege, die Erfahrung Älterer zu nutzen und auszubauen, gäbe es reichlich. Doch nur wenige Unternehmen beschreiten diese mit System. Und noch weniger aus Überzeugung, so wie der Bosch-Konzern, der schon 1999 die Bosch Management Support GmbH (BMS) ins Leben rief.

Pensionäre arbeiten dort zeitlich befristet als Experten, ihr Honorar orientiert sich am früheren Gehalt. 2012 waren rund 670 der sehr senioren Experten an gut 60.000 Arbeitstagen weltweit im Einsatz. Einer von ihnen ist Hans-Peter Rauschert, 70, studierter Nachrichtentechniker, Halbleiterexperte, 40 Jahre bei Bosch, davon 25 als Abteilungsleiter.

Im Juli 2007, er war 63, war Rauscherts offizielles Berufsleben zu Ende. Er räumte die Garage auf, baute eine neue Heizung ein, trimmte die Hecken - dann langweilte er sich. "Ich wollte gefragt sein und auf dem Laufenden bleiben."

Rente spielt kaum eine Rolle

Seither arbeitet er wieder als Qualitätsmanager, rund drei Monate im Jahr, kürzlich hat er die Fertigungsprozesse in einem Werk bei Budapest durchleuchtet. "Ich weiß sofort, mit wem ich sprechen muss, und kenne die Abläufe - externe Berater nicht", sagt er selbstbewusst. "Lösungsstolz" nennen Psychologen den Motivationsschub. Und die Gattin ist "auch nicht böse, wenn ich ein, zwei Tage in der Woche nicht daheim bin".

Rauschert bezieht seine staatliche Rente, dazu eine Firmenrente. Mit dem Honorar von BMS liegt sein Einkommen beinahe so hoch wie vorher. Was seine Entscheidung kaum beeinflusst hat: "Mir macht die Arbeit einfach Spaß."

Wer schließlich aufhört zu arbeiten, sollte mindestens 60 Prozent des Erwerbseinkommens zur Verfügung haben, rät Vermögensverwalter Paul. Das reiche meist, denn im Ruhestand sind die Steuern niedriger. Zudem wohnen viele Ruheständler im abbezahlten Eigenheim und zahlen keine Miete.

Wie viel Kapital nötig ist, um den gewünschten Lebensstandard zu finanzieren, hängt stark vom Tag des Rentenbeginns ab. Wer für die Rente 80.000 Euro jährlich an heutiger Kaufkraft aus Kapitaleinkünften einplant, muss bei einer jährlichen Inflation von 2 Prozent bis zum 67. Geburtstag rund 1,8 Millionen Euro ansparen. Wer fünf Jahre länger arbeitet, dem genügen beim Erreichen des 72. Geburtstags schon 1,4 Millionen Euro Sparkapital.

Wer länger arbeitet, ist happy

Noch sind die Power-Oldies Pioniere, und wenn es nach der Politik geht, bleiben sie es auch. Die von der Großen Koalition vereinbarte abschlagsfreie Rente mit 63 (nach 45 Beitragsjahren) bereitet den Boden für die nächste Frühverrentungsorgie. "Das hat mich doch sehr überrascht", sagt Expertin Staudinger. "Für ältere Arbeitnehmer, die heute ein Leben mit körperlich harter Arbeit hinter sich haben, mag das im Moment angemessen sein. Doch es ist keine zukunftsfeste Lösung für das Land."

Und für den Einzelnen auch nicht. Denn, so Staudinger, "immer wieder neue Herausforderungen zu bewältigen hält uns geistig fit". Ein wöchentlicher Bridgeabend unter Pensionären reicht aber nicht.

"Arbeit ist kognitive Stimulation, vor allem wegen der sozialen Kontakte", sagt Axel Börsch-Supan, Direktor des Munich Center for the Economics of Aging. Der Effekt funktioniere in beide Richtungen, erklärt der Forscher: "Wer glücklich im Job ist, arbeitet gern länger. Und wer länger arbeitet, ist glücklicher." Heißt: Frührentner altern schneller und sind unzufriedener.

Ulrich Zwygart, 60, hat das erkannt: "Ich versuche, mein Gehirn immer wieder neu herauszufordern. Es ist lernfähig, aber dazu braucht es stets neue Ziele." Anfang 2013 begann Zwygart die zweite Station seiner dritten Karriere: als Chief Learning Officer der Versicherungsgruppe Zurich.

Diligence statt Drill

Zwygart startete als Rechtsanwalt. Doch das machte ihn nicht glücklich, und so ging der Schweizer mit 31 Jahren zum Militär - und entdeckte seine Passion für das Thema Führung. Der Berufsoffizier stieg schnell auf, vom Hauptmann bei den Panzertruppen bis zum Brigadegeneral und Inspekteur für die Kampftruppen. Eine schöne, geradlinige Karriere, und Zwygart hätte nur noch wenige Jahre durchhalten müssen bis zur sehr großzügigen Pension.

Stattdessen wurde er "der erste General seit dem Zweiten Weltkrieg, der vor der Rente die Armee verlässt". Denn seine Offizierskollegen Hugo Bänziger und Josef Ackermann holten ihn zur Deutschen Bank , als Weiterbildungschef. Konferenzen statt Kanonen, Diligence statt Drill, eine andere Welt. "Genau das, was ich suchte", sagt Zwygart, "eine neue, herausfordernde Aufgabe."

Vor einem Jahr dann der Wechsel zu Zurich. Daneben ist Zwygart Honorarprofessor an der Universität St. Gallen und mehrfacher Buchautor. Aufhören mit 65? Niemals. Seine Professur würde er gern ausbauen, sein Kopf ist voller Buchideen, immer wieder winkt ein Aufsichtsratsmandat. Aber was sind schon Pläne? "Oft kommt es ohnehin anders, als man geplant hat", sagt Zwygart.

Retire like a rockstar

Retire like a rockstar, das entspannt und öffnet so manchem überhaupt erst den Blick für die fröhlichen Seiten des Broterwerbs. Selbst Investorenlegende Warren Buffett, 83, einer der reichsten Menschen der Welt, geht noch immer jeden Morgen in sein Büro. Warum? Sein Unternehmen Berkshire Hathaway gebe ihm das Gefühl, "ein Michelangelo zu sein, auch wenn es für andere wie ein Klecks aussehen mag". Er gibt auch zu: "Ich will Applaus. Ich mag es, wenn Menschen mein Werk loben." Ein bisschen Viagra fürs Ego.

Titus Dittmann formuliert direkter: "Ich hatte immer schon ein unbegrenztes Bedürfnis nach Anerkennung. Denn so viel Kohle kann es gar nicht geben, dass du dir nur dafür den Arsch so aufreißt." Der Pionier der deutschen Skateboardszene und dutzendfach ausgezeichnete Unternehmer trägt standesgemäß Mütze, Fünf-Tage-Bart und Kapuzenpulli. An der Jeans baumelt eine schwere Kette, auf der Nase sitzt die Lesebrille. Vor wenigen Wochen ist er 65 geworden, aber das zu feiern wäre uncool. Nicht wegen des Alters, wegen der Konvention. Lieber plant Dittmann "die größte Party des Jahrhunderts" für Mitte 2015: Dann wird er 66,666 Jahre alt.

Die Titus GmbH, die alles rund ums Skateboard verkauft, führt mittlerweile sein Sohn. Trotzdem wuselt der Senior weiter im Büro wie ein Kugelblitz auf Speed, die Tage sind voll, die Taktung ist eng und der Ton, nun ja, entspannt: "Knall mir hier bitte schnell 'nen coolen Spruch drauf, dann schick ich's weg."

Neben diversen Preisverleihungen und Rednerauftritten frisst besonders Skate-Aid Zeit, seine 2009 gegründete Initiative für humanitäre Kinder- und Jugendprojekte. Dass die Welt besser macht, wer Teenager aufs Skateboard stellt, daran glaubte außer Dittmann keiner - bis Skate-Aid 2009 im afghanischen Karokh eine Sportanlage für 7000 Schulkinder aufbaute. "Ich zieh immer mein eigenes Ding durch - und freu mich, wenn es andere gut finden."

Das eigene Ding, keiner quatscht rein - es ist nebenbei auch Dittmanns Anti-Aging-Strategie. "Die Frage ist doch: Wie können Menschen, die ihr Leben lang geil unterwegs waren, ihr Geilsein bewahren?" Antwort: mit Begeisterung, dem Dünger fürs Gehirn.

Und so hat Dittmann stets emsig gegen Konventionen geschossen, oft mit großer Freude, zuweilen mit hohem Risiko. Eine Stelle als verbeamteter Lehrer gab er auf, um Skateboards und Streetwear aus den USA zu importieren, da war gerade sein Sohn geboren. In den Jahren 2002 bis 2007 geriet die Firma ins Rutschen, ein Börsengang platzte - und Dittmann löste seine Lebensversicherungen auf, um das Unternehmen liquide zu halten. "Ab Januar krieg ich satte 463 Euro Rente vom Staat, aber hey, ich hab ja einen Sohn, der arbeitet", lacht er. "Und wenn ich Unternehmer bin, dann richtig, mit Begeisterung und Risiko."

Querdenken, immer Neues ausprobieren, begeisterungsfähig bleiben - auf diesen Nenner lassen sich die Strategien der Silver Worker bringen. Sie sind gelassener in Krisen, unabhängiger und keine Konkurrenz mehr für die aufstrebende Jugend: lebensklug statt karrieregeil.

Die Anti-Retirement-Gesellschaft

Rezepte sind das, die nicht nur der einzelnen Führungskraft, sondern der Wirtschaft insgesamt gut zu Gesicht stünden. "Wir werden es uns bald schlicht nicht mehr leisten können, gute Manager mit 65 Jahren in den Ruhestand zu schicken", sagt Wirtschaftspsychologe Deller.

Die Zeit drängt, die Jugendeuphorie wird der demografischen Entwicklung nicht mehr lange standhalten. Die Zahl der Erwerbspersonen wird bis 2030 von 44 Millionen auf 39 Millionen sinken - schon die Erhöhung des Rentenalters um ein Jahr brächte wieder eine Million Menschen zurück.

"In einer freien Gesellschaft darf es keine Zwangspensionierung geben. Jeder soll so lange arbeiten können, wie er will", fordert der Soziologe Peter Gross, 72. In seinem aktuellen Buch ("Wir werden älter. Vielen Dank. Aber wozu?") zeichnet er ein positives Bild des Alterns als zivilisatorische Leistung.

Am Ende könnte eine Anti-Retirement-Gesellschaft stehen, die sich ihrer selbst stärker bewusst ist, weniger atemlos, weniger Burnout-geplagt, reflektierter und doch bereit, Risiken einzugehen. Gross hat für sein Buch in vielen Ländern recherchiert, und wenn er Inder oder Brasilianer fragte, welche Bevölkerungsstruktur sie bevorzugen, war die Antwort: eine wie in Europa. "Jetzt müssen wir zeigen, dass das eine Erfolgsgeschichte ist", sagt Gross, "das Alter könnte der nächste Exportschlager des Westens werden."

Für viele Menschen, für Führungskräfte ohnehin, ist schon jetzt klar, wohin die Reise geht: Statt abrupter Vollbremsung mit Mitte 60 eine gleitende Mixtur aus Arbeit und Freizeit, die sich stetig Richtung Freizeit verschiebt.

Ben Lipps möchte bis 2018 weiterarbeiten als Chef des Krebstherapiespezialisten Magforce. Er will dieses Ding in fünf Jahren zum Laufen bringen. Dann wäre er 78, noch ein Start-up möchte er da nicht mehr führen. Er werde dann Palm Springs genießen und "endlich mehr Golf und Tennis spielen." Der Platz wartet schon.

Mark Böschen und Klaus Werle sind Redakteure beim manager magazin. Dort erschien dieser Artikel zuerst.

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insgesamt 82 Beiträge
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1. Grundsätzlich...
damp2012 02.03.2014
... ganz toll; wenn nur alle Ü50 hier in Deutschland überhaupt noch einen Job bekommen würden!!!
2. Gott sei Dank!
andy9258 02.03.2014
Wie gut dass ich es jetzt weiss, dass ich "nur" 1,4 Mio. Euro ansparen muss, wenn ich bis 72 meine Dächer decke, jetzt bin ich echt beruhigt :-)
3. Arbeiten kann auch zu Sucht werden
troubador 02.03.2014
Ob das viele Arbeiten im Rentenalter wirklich glücklich macht, möchte ich mal bezweifeln. Wer allerdings sein Selbstwertgefühl schon früher ausschließlich durch seine Arbeit definiert hat, ist dieser Arbeitssucht auch weiterhin ausgeliefert. Ich erlebe viele dieser Mitmenschen als Getriebene, die sich immer wieder durch hektischen Aktionismus vor sich selbst und anderen beweisen müssen. Ob das innere Freiheit oder ein lustvolles Leben ohne die vorher bestandenen Zwänge durch die Berufstätigkeit ist, möchte ich allerdings bezweifeln. "Loslassen" ist jedenfalls etwas Anderes!
4. Silver Worker
caecilia_metella 02.03.2014
Ein Name, der graugewordenen Schreibtischarbeitern schmeichelt. Man kann aber auch an den bandscheibengeplagten Kofferträger mit Zeitarbeitsvertrag denken. Ob er wirklich Wertschätzung erlebt, wenn er nicht schnell genug ist? Oder gar die alte Dame am Fließband. Sind graue Schläfen überhaupt logisch, wenn sie wie ein brünstiger Hirsch wirken soll?
5. wie man es auch betrachtet
quaki 02.03.2014
es ist peinlich: -weil man sich anscheinend nicht anders beschäftigen kann - was sagt der Partner dazu?? -weil man die Übergabe an die Jugend verpasst hat... -weil man anscheinend nicht genug bekommen kann... (Macht, Anerkennung, Publicity...) -anscheinlich noch nicht Geld genug gerafft hat... Wenn man nicht weiß wann genug ist - muss man sich halt blamieren... So wird man doch als unverbesserlicher Raffke, der nichts mehr von der Realität schnallt entlarvt. Aber jeder wie er es braucht...
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