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Arbeiten an Weihnachten "Liebe Einsame, ihr seid nicht allein"

4. Teil: "Einsamster DJ der Welt" - Mike Litt, 44, ist der Radio-Weihnachtsmann

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Mike Litt

Mike Litt sitzt seit 15 Jahren an Heiligabend im Studio von Eins Live, dem Jugendsender des WDR

"Ich weiß nicht mehr genau, in welchem Jahr ich zum ersten Mal an Heiligabend moderiert habe, es muss 1997 oder 1998 gewesen sein. Der Sender Eins Live war damals noch ganz neu, der Musikchef überlegte, was man an Weihnachten anders machen könnte als andere Sender: Es müsste jemand live moderieren. Aber da wird ja keiner arbeiten wollen, sagte er.

Ich stand zufällig dabei - und weil ich mich gerade von meiner Freundin getrennt hatte und sowieso nichts Besonderes vorhatte, meldete ich mich. Das war natürlich auch eine tolle Chance für mich, denn eine profilierte Sendung hatte ich damals noch nicht. Das Ganze hat extrem gut funktioniert.

Mittlerweile bekomme ich so viele E-Mails, dass ich gar nicht alle während der Sendung lesen kann - und die ist immerhin sieben Stunden lang. Die ersten Hörer haben mir diesmal schon im November geschrieben. Im Gästebuch zur Sendung sind in drei Stunden mehr als 1000 Postings eingegangen. Ich versuche natürlich, so viele E-Mails zu lesen und Musikwünsche zu erfüllen wie möglich. Einen ganzen Stapel Zuschriften nehme ich nach der Sendung mit nach Hause, lese sie am nächsten Tag und hefte sie ab. Ich finde es cool, dass sich so viele Leute die Mühe machen, mir zu schreiben.

Im ersten Jahr der Sendung konnten wir nicht einschätzen, ob da nur frustrierte oder einsame Menschen anrufen würden. Ich wollte jedenfalls Domian keine Konkurrenz machen. So haben wir damals beschlossen, keine Telefonzentrale aufzumachen, sondern nur Zuschriften zu beantworten - passt ja auch zur Weihnachtspost. Die Sendung ist auch ein Spiegel der technischen Entwicklung: Zu Beginn schickten die meisten Leute Faxe. Das machen jetzt nur noch Kinder, wenn sie selbstgemalte Bilder senden wollen.

Von der einsamen Kreatur zum Familienvater

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir die E-Mail einer jungen Frau, die zum ersten Mal mit ihrem Freund in der neuen Wohnung Weihnachten feierte. Sie schrieb, dass sie immer mit ihren Eltern meine Sendung gehört hat - und dass ihr Kind auch damit aufwachsen soll. Da merkt man dann, wie der Zahn der Zeit an einem selbst nagt.

Generell ist es schon eine surreale Situation: Ich, der ich seit 15 Jahren Heiligabend immer allein verbringe, versuche mir vorzustellen, wie das Fest bei anderen ist - um das dann in der Sendung abzubilden. Klingt wie eine Bankrotterklärung für mein Verhältnis zum Weihnachtsfest. Aber ich mag Weihnachten ja. Gerade in diesem Jahr habe ich lange überlegt, ob ich das noch machen will. Ich habe die Sendung als einsame Kreatur angefangen, mittlerweile bin ich verheiratet - und seit September Vater von Zwillingen. Aber ich bin zum Entschluss gekommen, dass ich die Sendung trotzdem machen kann.

Wir machen die Bescherung und das Festessen am ersten Weihnachtsfeiertag. An Heiligabend bin ich halt als Radiostimme bei meiner Familie. Sie ins Studio mitzunehmen, kann ich mir nicht vorstellen, ich bin bei der Arbeit eher Autist. Vielleicht sende ich irgendwann von zu Hause aus, das könnte ich mir eher vorstellen. Technisch wäre es zumindest schon möglich.

Im Moment kann ich mir noch nicht vorstellen, die Heiligabend-Sendung aufzugeben. Das ist ja schließlich auch ein prägnanter Punkt in meiner Berufsvita - und ich bekomme so viel positives Feedback von den Zuhörern. Um 24 Uhr spiele ich immer 'Silent Night' in einer herzzerreißenden Version. Einige haben mir geschrieben, dass sie darauf den ganzen Abend warten und sich dann weinend in den Armen liegen." (vet)

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insgesamt 13 Beiträge
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1. ????
fiutare 24.12.2011
"Sie schieben Gänse für Tausende Gäste in die Röhre, verhökern Kuscheldecken oder blinzeln in die Polarsonne: Rund 1,3 Millionen Deutsche malochen regelmäßig an Sonn- und Feiertagen." Ach, was für eine Neuigkeit! Hat jemand "Krankenhaus" gesagt? Dort wird an Weihnachten sogar nachts gearbeitet, wenn die Gänse gefressen und für Kuscheldecken irgendwelche blöde Käufer gefunden sind. Dort wurde sogar schon gearbeitet, als es diesen ganzen Überfluss noch nicht gab.
2.
Narn 24.12.2011
Zitat von sysopSie schieben Gänse für 2000 Gäste in die Röhre, verhökern Kuscheldecken oder blinzeln in die Polarsonne:*Sechs Weihnachtsarbeiter mit besonderen Jobs erzählen, was bei ihnen Heiligabend los ist - und wie Loriots "Familie Hoppenstedt"*in die Antarktis fand. Arbeiten an Weihnachten: "Liebe Einsame,*ihr seid nicht allein" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - KarriereSPIEGEL (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,805175,00.html)
"Arbeiten, wenn andere Geschenke auspacken, die Weihnachtsgans anschneiden oder den geschmückten Tannenbaum bewundern - keine schöne Vorstellung." Ganz ehrlich: DOCH! Diesem ganzen Firlefanz und diesem Theater mit der simplen Begründung, Arbeiten zu müssen, entkommen. Ein Traum. Aber wenigstens Familie Hoppenstedt steht mir bei. Cheers
3. Angst vorm Alleinsein
stanislaus2 24.12.2011
haben nur die, die nicht mit sich selbst allein sein können.
4. Was soll dieser Artikel?
moin8smann 25.12.2011
Was soll dieser Artikel? Warum schreiben Sie nicht über Leute im Pflegedienst, die auch Heiligabend zu ihren "Kunden" müssen und da als Familienersatz dienen? Oder über Krankenschwestern? Not-Apothekern? Leuten bei McDonalds? Oder Tankstellen? Polizisten oder Feuerwehrleuten? Zu wenig Glamour?
5. Alles Gute
Thomas Mainka 25.12.2011
für die Menschen, die unser Leben möglich machen. Die da sind, wenn wir uns am Heiligen abend den Arm brechen oder es schneit wie verrückt. auch die unsichtbaren, die für Strom, Gas, Wasser usw. sorgen. Ich wünsche diesen Menschen ein Frohes Weihnachten, ein guten Rutsch und sage DANKE. Thomas Mainka
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