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Arbeiten an Weihnachten "Liebe Einsame, ihr seid nicht allein"

Sie schieben Gänse für Tausende Gäste in die Röhre, verhökern Kuscheldecken oder blinzeln in die Polarsonne: Rund 1,3 Millionen Deutsche malochen regelmäßig an Sonn- und Feiertagen. Sechs Weihnachtsarbeiter mit besonderen Jobs erzählen, was bei ihnen Heiligabend los ist.

Arbeiten, wenn andere Geschenke auspacken, die Weihnachtsgans anschneiden oder den geschmückten Tannenbaum bewundern - keine schöne Vorstellung. Aber für viele Alltag. Sie operieren, löschen oder kochen, verkaufen, moderieren oder forschen, damit andere in Ruhe feiern können.

Wie viele Menschen diesmal auch Heiligabend ran müssen, kann man nur schätzen. Das Statistische Bundesamt weiß: Rund 1,3 Millionen Menschen in Deutschland arbeiten "ständig" an Sonn- und Feiertagen, weitere vier Millionen "regelmäßig". Jeder dritte Erwerbstätige dürfte ein potentieller Kandidat für Weihnachtsdienste sein.

Manche von ihnen haben ganz besondere Arbeitsplätze. Wie sie das Fest ohne Freunde und Familie (manchmal auch ohne Kollegen) verbringen, erzählen sechs Menschen: in einer Antarktis-Forschungsstation, im Kraftwerk, beim Teleshopping, Winterdienst, Radio. Und auf einem Kreuzfahrtschiff.

600 Kilo Gans, 2000 Passagiere, 600 Crewmitglieder - Rainer Stier, 40, feiert als Kreuzfahrt-Chefkoch Weihnachten gern auf der "AIDAdiva"

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Weihnachten auf hoher See: Festmahl für 2600 Menschen

"An Heiligabend werden wir in Ho-Chi-Minh-Stadt in Vietnam sein. Davon werde ich aber nicht viel mitbekommen: Auf der 'AIDAdiva' ist wie in jedem Hotel an Weihnachten Vollgas angesagt. Für das Festessen ist die Weihnachtsgans das Wichtigste. Die darf nicht ausgehen! Ich habe deshalb vorsichtshalber hundert Kilogramm mehr bestellt.

Insgesamt haben wir knapp 600 Kilogramm Gänsefleisch an Bord, am Montag aus Deutschland geliefert. Obst und Gemüse kaufen wir frisch vor Ort, Käse wird extra eingeflogen. Die Weihnachtsgans servieren wir ganz traditionell mit Rotkraut, Maronen und Serviettenknödeln, es gibt aber auch eine asiatische Version und außerdem noch Truthahn, Rinderfilet, Hummer oder Ente.

Das hört sich nach viel Aufwand an, aber letztlich werden wir an Heiligabend nur eine Stunde früher anfangen als sonst - alles eine Sache der Planung. Erst belegen wir alle Öfen mit Gänsen, dann kümmern wir uns um den Rest.

Weihnachten zu Hause? Kaum vorstellbar

Wenn das Essen für die Gäste fertig ist, gibt es eine große Weihnachtsshow mit Mitarbeitern aller Abteilungen, da stehe ich auch auf der Bühne. Wir singen alle zusammen 'Stille Nacht, heilige Nacht', sehr emotional, da kommt richtiges Gänsehaut-Feeling auf. Danach beginnt unsere eigene Weihnachtsfeier.

In der Kombüse arbeiten 128 Leute: Deutsche, Philippiner, Inder und Indonesier. Deshalb gibt es verschiedene Festessen. Auf den Philippinen ist zum Beispiel Spanferkel und Schweinenacken ein typisches Weihnachtsessen, das bereitet der philippinische Crew-Koch zu. Wir haben für jede Nationalität einen eigenen Koch an Bord. Und für Muslime gibt es natürlich Essen ohne Schweinefleisch.

In der Crew-Messe haben wir einen Weihnachtsbaum stehen. Insgesamt gibt es 22 Weihnachtsbäume an Bord. Zwischen den Abteilungen gibt es einen Wettstreit, welche Tanne am schönsten geschmückt ist. Ich feiere Weihnachten schon zum zwölften Mal auf See und melde mich dafür immer freiwillig - ich bin nicht verheiratet und habe keine Kinder. Ich glaube, ich hätte eher ein Problem damit, Weihnachten zu Hause zu feiern! Auf dem Kreuzfahrtschiff gibt es so ein Familiengefühl, viele Mitarbeiter kenne ich schon seit Jahren, wir beschenken uns auch gegenseitig. Und Möglichkeiten zum Geschenkekaufen gibt es unterwegs reichlich.

Nur Pakete und Briefe aus Deutschland kriegen wir manchmal zu spät. Wir fahren hier eine Rundreise, Post wird in den Hafen von Singapur geliefert. Ist sie nicht rechtzeitig da, muss man zwei Wochen warten, bis wir das nächste Mal anlegen.

Jeder Passagier legt zwei Kilogramm zu

An Bord haben wir alles, was zu Weihnachten gehört: Stollen und Plätzchen, alles ist weihnachtlich geschmückt, am 6. Dezember verteilt ein Nikolaus Geschenke an die Kinder, die Passagiere treffen sich zum Adventssingen. Und dazu ist es schön warm. Im Moment 28 Grad - perfekt!

Mir gefällt auch der Arbeitsrhythmus sehr gut. Ich verbringe immer vier bis sechs Monate auf See und habe dann sechs bis acht Wochen Urlaub. Fünf Tage arbeiten, zwei Tage frei - das könnte ich mir gar nicht mehr vorstellen. Nur bei der Auswahl der Urlaubsziele wird es langsam schwierig, weil ich fast schon überall war. Wenn ich in Deutschland bin, freue ich mich immer über alltägliche Sachen wie Autofahren oder ins Kino gehen.

Natürlich ist Weihnachten für mich als Chefkoch ein heißes Ding, da darf wirklich nichts schiefgehen. Wir kontrollieren aber alles mehrfach. Ich habe schon mal erlebt, dass im Hotel eine Gans verbrannt ist, aber auf dem Schiff ist mir das noch nie passiert.

Die Gäste wollten mir höchstens an den Kragen, weil sie bei der Reise zugenommen haben. Im Durchschnitt legt jeder Passagier zwei Kilo pro Reise zu, heißt es. Es ist auch wirklich schwer, den kulinarischen Versuchungen zu widerstehen - mir geht das genauso." (vet)

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insgesamt 13 Beiträge
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1. ????
fiutare 24.12.2011
"Sie schieben Gänse für Tausende Gäste in die Röhre, verhökern Kuscheldecken oder blinzeln in die Polarsonne: Rund 1,3 Millionen Deutsche malochen regelmäßig an Sonn- und Feiertagen." Ach, was für eine Neuigkeit! Hat jemand "Krankenhaus" gesagt? Dort wird an Weihnachten sogar nachts gearbeitet, wenn die Gänse gefressen und für Kuscheldecken irgendwelche blöde Käufer gefunden sind. Dort wurde sogar schon gearbeitet, als es diesen ganzen Überfluss noch nicht gab.
2.
Narn 24.12.2011
Zitat von sysopSie schieben Gänse für 2000 Gäste in die Röhre, verhökern Kuscheldecken oder blinzeln in die Polarsonne:*Sechs Weihnachtsarbeiter mit besonderen Jobs erzählen, was bei ihnen Heiligabend los ist - und wie Loriots "Familie Hoppenstedt"*in die Antarktis fand. Arbeiten an Weihnachten: "Liebe Einsame,*ihr seid nicht allein" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - KarriereSPIEGEL (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,805175,00.html)
"Arbeiten, wenn andere Geschenke auspacken, die Weihnachtsgans anschneiden oder den geschmückten Tannenbaum bewundern - keine schöne Vorstellung." Ganz ehrlich: DOCH! Diesem ganzen Firlefanz und diesem Theater mit der simplen Begründung, Arbeiten zu müssen, entkommen. Ein Traum. Aber wenigstens Familie Hoppenstedt steht mir bei. Cheers
3. Angst vorm Alleinsein
stanislaus2 24.12.2011
haben nur die, die nicht mit sich selbst allein sein können.
4. Was soll dieser Artikel?
moin8smann 25.12.2011
Was soll dieser Artikel? Warum schreiben Sie nicht über Leute im Pflegedienst, die auch Heiligabend zu ihren "Kunden" müssen und da als Familienersatz dienen? Oder über Krankenschwestern? Not-Apothekern? Leuten bei McDonalds? Oder Tankstellen? Polizisten oder Feuerwehrleuten? Zu wenig Glamour?
5. Alles Gute
Thomas Mainka 25.12.2011
für die Menschen, die unser Leben möglich machen. Die da sind, wenn wir uns am Heiligen abend den Arm brechen oder es schneit wie verrückt. auch die unsichtbaren, die für Strom, Gas, Wasser usw. sorgen. Ich wünsche diesen Menschen ein Frohes Weihnachten, ein guten Rutsch und sage DANKE. Thomas Mainka
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