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14. Februar 2013, 11:22 Uhr

Mythen der Arbeit

Ohne Leiharbeit wäre die Welt besser - stimmt's?

Leiharbeit kostet feste Jobs und gehört deshalb verboten - eine verbreitete Meinung. Doch das Vermieten von Arbeitnehmern ist besser als sein Ruf, sagt Arbeitsforscher Joachim Möller. Für Berufseinsteiger wäre ihre Abschaffung eine schlechte Nachricht.

Leiharbeit hat einen schlechten Ruf. Leiharbeit gehört verboten, sagt Sahra Wagenknecht und ist damit alles andere als allein - nicht nur bei den Linken. Wäre unsere Welt wirklich eine bessere, würde ihr Wille Gesetz?

In den vergangenen 20 Jahren ist der Anteil der Leiharbeitnehmer an allen Erwerbstätigen stark gestiegen. Während im Jahr 1991 weniger als ein halbes Prozent aller Erwerbstätigen in der Arbeitnehmerüberlassungsbranche tätig waren, betrug dieser Anteil im Jahr 2011 mehr als zwei Prozent. In absoluten Zahlen entspricht das etwa 130.000 im Jahr 1991 und rund 880.000 im Jahr 2011. Zahlreiche Lockerungen der gesetzlichen Bestimmungen förderten das starke Wachstum der Zeitarbeit.

Mit der Liberalisierung des Arbeitnehmerüberlassungsrechts waren von Seiten der Befürworter viele Erwartungen verbunden. Nachfrageschwankungen sollten dadurch weniger mit Hilfe von Überstunden ausgeglichen werden, sondern verstärkt über Zeitarbeit. Über diesen Weg, so die Hoffnung vieler Reformer, würde für Unternehmen ein Anreiz entstehen, zunächst zeitlich begrenzte Arbeitsplätze zu schaffen, die später - wenn es die Auftragslage zulässt - in reguläre Jobs umgewandelt werden können. Zeitarbeit sollte so vor allem neue Arbeitsplätze schaffen.

Die Kritiker betonen dagegen die Schattenseiten der Zeitarbeit: Leiharbeiter erhalten im Schnitt weniger Lohn als vergleichbare regulär Beschäftigte und haben häufig nur kurze Beschäftigungsverhältnisse.

Etwa die Hälfte der Zeitarbeit ist zusätzlich

Stellt man nur diese Kritik in den Vordergrund, so mag die Forderung nahe liegen, die Leiharbeit einfach zu verbieten. Was aber wären die Konsequenzen? Eine aktuelle IAB-Studie zeigt: Etwa die Hälfte der Zeitarbeit ist zusätzlich, die andere Hälfte verdrängt reguläre Beschäftigung. Das heißt, ohne Zeitarbeit hätten wir zwar mehr Normalarbeitsverhältnisse, zugleich aber einige Hunderttausend Arbeitslose mehr. Betrachtet man beispielsweise einen Anstieg der Zahl der Leiharbeiter um 200.000 wie in den Boomjahren 2006 oder 2010, so hat er in etwa 100.000 Jobs außerhalb des Zeitarbeitssektors verdrängt, aber gleichzeitig insgesamt 100.000 zusätzliche Beschäftigungsverhältnisse geschaffen. Auch wenn die Beschäftigungsgewinne der Zeitarbeit zu 50 Prozent auf Kosten der regulären Beschäftigung gehen: Unterm Strich ist mit dem Einsatz von Leiharbeitskräften tatsächlich ein Beschäftigungsaufbau verbunden.

Zusätzliche Beschäftigung ist arbeitsmarktpolitisch sehr hoch zu gewichten. Zeitarbeiter verdienen zwar weniger und fühlen sich auch weniger in die Gesellschaft integriert als regulär Beschäftigte. Arbeitslose verfügen aber über noch weniger Geld und fühlen sich noch weniger integriert. Gegenüber Langzeitarbeitslosigkeit ist ein Zeitarbeitsverhältnis in jedem Fall zu bevorzugen.

Von einer Abschaffung der Zeitarbeit wären zwei Gruppen besonders betroffen: Arbeitslose und Berufseinsteiger. Zwei Drittel aller Neuzugänge, die bei Zeitarbeitsfirmen anfangen, waren unmittelbar vorher nicht beschäftigt. Betrachtet man einen Zweijahreszeitraum vor der Zeitarbeit, zeigt sich: Rund ein Viertel der Leiharbeiter war mindestens die Hälfte der Zeit arbeitslos. Im Zweijahreszeitraum nach der Zeitarbeit liegt der entsprechende Anteil dagegen bei 17 Prozent. Zeitarbeit ist zwar keine breite Brücke, aber doch zumindest ein schmaler Steg in nachhaltige Beschäftigung.

Bessere Regeln für saubere Zeitarbeit

Unter dem Strich hätte die Gesellschaft einen hohen Preis zu zahlen, wenn man die Zeitarbeit abschaffen würde. Die bessere Alternative ist, sie so zu regulieren, dass bestimmte Auswüchse und Ungerechtigkeiten abgebaut werden, ohne negative Beschäftigungseffekte zu riskieren. Die Zeitarbeit ist dort kritisch zu sehen, wo ihr Einsatz in Betrieben nicht nur Nachfragespitzen ausgleicht, sondern zur Dauereinrichtung wird. Oft stehen Lohnsenkungsmotive dahinter. Hier gilt es gegenzusteuern. Die von den Tarifparteien jüngst ausgehandelten Vereinbarungen zur schrittweisen Angleichung der Bezahlung an die der Stammarbeitskräfte weisen in die richtige Richtung.

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