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Mythen der Arbeit Ohne Leiharbeit wäre die Welt besser - stimmt's?

Zeitarbeiter bei Airbus: Lohnsenkung gesetzlich verhindern
REUTERS

Zeitarbeiter bei Airbus: Lohnsenkung gesetzlich verhindern

Leiharbeit kostet feste Jobs und gehört deshalb verboten - eine verbreitete Meinung. Doch das Vermieten von Arbeitnehmern ist besser als sein Ruf, sagt Arbeitsforscher Joachim Möller. Für Berufseinsteiger wäre ihre Abschaffung eine schlechte Nachricht.

Leiharbeit hat einen schlechten Ruf. Leiharbeit gehört verboten, sagt Sahra Wagenknecht und ist damit alles andere als allein - nicht nur bei den Linken. Wäre unsere Welt wirklich eine bessere, würde ihr Wille Gesetz?

In den vergangenen 20 Jahren ist der Anteil der Leiharbeitnehmer an allen Erwerbstätigen stark gestiegen. Während im Jahr 1991 weniger als ein halbes Prozent aller Erwerbstätigen in der Arbeitnehmerüberlassungsbranche tätig waren, betrug dieser Anteil im Jahr 2011 mehr als zwei Prozent. In absoluten Zahlen entspricht das etwa 130.000 im Jahr 1991 und rund 880.000 im Jahr 2011. Zahlreiche Lockerungen der gesetzlichen Bestimmungen förderten das starke Wachstum der Zeitarbeit.

Mit der Liberalisierung des Arbeitnehmerüberlassungsrechts waren von Seiten der Befürworter viele Erwartungen verbunden. Nachfrageschwankungen sollten dadurch weniger mit Hilfe von Überstunden ausgeglichen werden, sondern verstärkt über Zeitarbeit. Über diesen Weg, so die Hoffnung vieler Reformer, würde für Unternehmen ein Anreiz entstehen, zunächst zeitlich begrenzte Arbeitsplätze zu schaffen, die später - wenn es die Auftragslage zulässt - in reguläre Jobs umgewandelt werden können. Zeitarbeit sollte so vor allem neue Arbeitsplätze schaffen.

Die Kritiker betonen dagegen die Schattenseiten der Zeitarbeit: Leiharbeiter erhalten im Schnitt weniger Lohn als vergleichbare regulär Beschäftigte und haben häufig nur kurze Beschäftigungsverhältnisse.

Etwa die Hälfte der Zeitarbeit ist zusätzlich

Stellt man nur diese Kritik in den Vordergrund, so mag die Forderung nahe liegen, die Leiharbeit einfach zu verbieten. Was aber wären die Konsequenzen? Eine aktuelle IAB-Studie zeigt: Etwa die Hälfte der Zeitarbeit ist zusätzlich, die andere Hälfte verdrängt reguläre Beschäftigung. Das heißt, ohne Zeitarbeit hätten wir zwar mehr Normalarbeitsverhältnisse, zugleich aber einige Hunderttausend Arbeitslose mehr. Betrachtet man beispielsweise einen Anstieg der Zahl der Leiharbeiter um 200.000 wie in den Boomjahren 2006 oder 2010, so hat er in etwa 100.000 Jobs außerhalb des Zeitarbeitssektors verdrängt, aber gleichzeitig insgesamt 100.000 zusätzliche Beschäftigungsverhältnisse geschaffen. Auch wenn die Beschäftigungsgewinne der Zeitarbeit zu 50 Prozent auf Kosten der regulären Beschäftigung gehen: Unterm Strich ist mit dem Einsatz von Leiharbeitskräften tatsächlich ein Beschäftigungsaufbau verbunden.

Zusätzliche Beschäftigung ist arbeitsmarktpolitisch sehr hoch zu gewichten. Zeitarbeiter verdienen zwar weniger und fühlen sich auch weniger in die Gesellschaft integriert als regulär Beschäftigte. Arbeitslose verfügen aber über noch weniger Geld und fühlen sich noch weniger integriert. Gegenüber Langzeitarbeitslosigkeit ist ein Zeitarbeitsverhältnis in jedem Fall zu bevorzugen.

Von einer Abschaffung der Zeitarbeit wären zwei Gruppen besonders betroffen: Arbeitslose und Berufseinsteiger. Zwei Drittel aller Neuzugänge, die bei Zeitarbeitsfirmen anfangen, waren unmittelbar vorher nicht beschäftigt. Betrachtet man einen Zweijahreszeitraum vor der Zeitarbeit, zeigt sich: Rund ein Viertel der Leiharbeiter war mindestens die Hälfte der Zeit arbeitslos. Im Zweijahreszeitraum nach der Zeitarbeit liegt der entsprechende Anteil dagegen bei 17 Prozent. Zeitarbeit ist zwar keine breite Brücke, aber doch zumindest ein schmaler Steg in nachhaltige Beschäftigung.

Bessere Regeln für saubere Zeitarbeit

Unter dem Strich hätte die Gesellschaft einen hohen Preis zu zahlen, wenn man die Zeitarbeit abschaffen würde. Die bessere Alternative ist, sie so zu regulieren, dass bestimmte Auswüchse und Ungerechtigkeiten abgebaut werden, ohne negative Beschäftigungseffekte zu riskieren. Die Zeitarbeit ist dort kritisch zu sehen, wo ihr Einsatz in Betrieben nicht nur Nachfragespitzen ausgleicht, sondern zur Dauereinrichtung wird. Oft stehen Lohnsenkungsmotive dahinter. Hier gilt es gegenzusteuern. Die von den Tarifparteien jüngst ausgehandelten Vereinbarungen zur schrittweisen Angleichung der Bezahlung an die der Stammarbeitskräfte weisen in die richtige Richtung.

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insgesamt 106 Beiträge
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1.
Tschirio 14.02.2013
"Von einer Abschaffung der Zeitarbeit wären zwei Gruppen besonders betroffen: Arbeitslose und Berufseinsteiger. Zwei Drittel aller Neuzugänge, die bei Zeitarbeitsfirmen anfangen, waren unmittelbar vorher nicht beschäftigt." Ist klar. Dementsprechend hätten vor Einführung der Zeitarbeit die meisten Berufseinsteiger niemals einen Job bekommen... was ist denn das für eine Begründung? Entscheidend ist: Früher konnten die Firmen konjunkturbedingt die Mitarbeiter nicht vor die Tür setzen. Die Unternehmen waren durch den Kündigungsschutz gezwungen verantwortlich mit ihren Mitarbeitern umzugehen. Das Freisetzen von Zeitarbeitern dient, zusammen mit der jahrelangen geringeren entlohnung nur der Gewinnmaximierung. Ursprünglich waren Zeitarbeiter Spezialisten die nicht viel günstiger waren als normale Mitarbeiter. Im Prinzip nichts anderes als eine der üblichen Consulting Firmen. Durch die Freigabe der Tarifbindung wurde dadurch nur eine perspektivlose Gesellschaftsgruppe aufgebaut. Ein Bekannter schleppt sich seid mehreren Jahren von einer Verlängerun in die Nächste... sorry... aber der kann seine Zukunft nicht wirklich planen. Klar besser als Arbeitslosigkeit... aber ernsthaft... so banalisierend wie in dem Artikel dargestellt... das tut schon weh und ist sehr realitätsfremd....
2. Leiharbeit
kdshp 14.02.2013
Zitat von sysopREUTERSLeiharbeit kostet feste Jobs und gehört deshalb verboten - eine verbreitete Meinung. Doch das Vermieten von Arbeitnehmern ist besser als sein Ruf, sagt Arbeitsforscher Joachim Möller. Für Berufseinsteiger wäre ihre Abschaffung eine schlechte Nachricht. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/arbeits-mythos-ohne-leiharbeit-waere-die-welt-besser-stimmt-s-a-883238.html
Recht wiedersprüchlich das ganze! Warum sollten unterehmen keine neuen leute einstellen wenn es keine zeitarbeit gäbe? Wenn diese nur in spitzenzeiten abgefragt werden, also die unternehmen viel verdienen, warum sind dann die löhne der leiharbeiter viel neidriger als die der festangestellten? Wer würde die arbeit machen wenn es die leiharbeit nicht gäbe bezogen darauf das das angeblich mehr arbeitslos wären? Würden die unternehmen die arbeit liegen lassen und auf gewinn verzichten? Wir sollten die zeitarbeit pro unternehmen begrenzen und dann auch nur zulsassen wenn die leiharbeite rmehr verdienen als der festangestellte.
3.
jenzer 14.02.2013
Zitat von sysopREUTERSLeiharbeit kostet feste Jobs und gehört deshalb verboten - eine verbreitete Meinung. Doch das Vermieten von Arbeitnehmern ist besser als sein Ruf, sagt Arbeitsforscher Joachim Möller. Für Berufseinsteiger wäre ihre Abschaffung eine schlechte Nachricht. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/arbeits-mythos-ohne-leiharbeit-waere-die-welt-besser-stimmt-s-a-883238.html
Das ist jedoch in den meisten Fällen mittlerweile der Standard. Als doppelt betroffener (meine Frau und ich sind beide als Akademiker über Zeitarbeit bzw ANÜ beschäftigt) kann ich sagen, dass Unternehmen diese Situation mittlerweile schamlos ausnutzen. Seit 7 Jahren bin ich für ein Unternehmen tätig, eine Perspektive auf eine reguläre Anstellung gibt es nicht, da dies vom Unternehmen nicht gewünscht wird. Immer wieder werden Management-Fehler durch Abbau von Personal ausgeglichen, da dies bequemer ist und mit sehr wenig Aufwand möglich ist. Das ist mittlerweile wie bei den Amerikanern, Hire-and-Fire vom allerfeinsten. Der Einstieg für Berufseinsteiger ist selbst für Akademiker mittlerweile oft nur noch über Zeitarbeit/ANÜ möglich, die jedoch wenig bis keine Perspektive auf Übernahme haben. Die Bemühungen der Gewerkschaften in Ehren, aber sie greifen nicht, denn die Unternehmen, die dies derzeit machen, sind im Auffinden von Alternativen extrem kreativ.
4.
mirrordog 14.02.2013
Das mag ja alles sein, aber letztendlich werden Leiharbeiter gerne eingestellt, während die Stammbelegschaft abgebaut wird! Warum? Weil sie untertariflich bezahlt werden können. Diesen Missbrauch der eigentlich guten Idee der Leiharbeit könnte man verhindern, wenn man Leiharbeiten verpflichtend übertariflich bezahlen müsste. Der höhere Lohn ist ein Ausgleich für die unsicheren Stellen.
5.
Plasmabruzzler 14.02.2013
---Zitat von Artikel--- Von einer Abschaffung der Zeitarbeit wären [...] besonders betroffen: [...] Berufseinsteiger. ---Zitatende--- Das kann man so nicht stehen lassen. Gerade Berufsanfänger können so in einen Strudel langer Zeitarbeit geraten, bevor sie irgendwo feste unterkommen: Auf den „Klebeeffekt“ kommt es an - Zeitarbeit - FOCUS Online - Nachrichten (http://www.focus.de/finanzen/karriere/perspektiven/zeitarbeit/tid-8442/zeitarbeit_aid_231952.html) ---Zitat--- Bewusst oder unbewusst setzen viele Zeitarbeitnehmer auf den sogenannten Klebeeffekt: Davon spricht man, wenn ein Leiharbeiter die Firma so sehr von sich überzeugen konnte, dass er bei ihr fest angestellt wurde. „Allerdings ist der Klebeeffekt bei Zeitarbeit nicht so hoch, wie häufig behauptet wird“, räumt Dombre ein. ---Zitatende--- Selbst der Spiegel schrieb darüber: Erste Hilfe Karriere: Zurzeit nur Zeitarbeit - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/erste-hilfe-karriere-zurzeit-nur-zeitarbeit-a-767454.html) ---Zitat--- Das Killerargument pro Zeitarbeit: Die lose geknüpften Arbeitsverhältnisse wirken wie Leimruten. Ein Teil der Interimsmitarbeiter bleibt hängen. 14 Prozent der Zeitarbeitnehmer sollen von diesem Klebeeffekt profitieren. Heißt aber auch: 86 Prozent können ein Lied singen vom Jobpech, das hartnäckig an einem klebt, und von schofeligen Arbeitgebern, denen man eine kleben möchte. ---Zitatende---
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Zum Autor
Der Volkswirt Joachim Möller (Jahrgang 1953) ist seit 2007 Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg. Die Forschungsstelle gehört zur Bundesagentur für Arbeit. In seiner regelmäßigen Kolumne auf KarriereSPIEGEL rückt er falsche Gewissheiten über die Arbeitswelt zurecht.
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