ThemaBerufeRSS

Alle Artikel und Hintergründe


  • Drucken
  • Senden
  • Nutzungsrechte
 

Jobvorschlag Arbeitsagentur wollte 19-Jährige an Bordell vermitteln

Prostituierte in Berlin: Arbeitsagentur bietet 19-Jähriger Job an einer heiklen Theke an Zur Großansicht
AP

Prostituierte in Berlin: Arbeitsagentur bietet 19-Jähriger Job an einer heiklen Theke an

Zuerst freute sich die junge Frau, endlich hatte die Arbeitsagentur in Augsburg ein Jobangebot für sie. Dann erschrak sie, ihre Mutter schrie vor Entsetzen auf: Die 19-Jährige sollte als Servicekraft in einem großen Bordell anfangen. Die staatlichen Vermittler sprechen von einem "Versehen".

Wer auf die Website vom Augsburger Colosseum geht, wird mit deutlichen Worten begrüßt: "Welcome to Colosseum FKK-Club", "Sex & Relax auf über 2500 qm", "Girls mit mega Service and more", heißt es dort. Ein großes Bordell mit Whirlpool - und einer Bar, falls die Gäste durstig werden.

An genau diese Theke wollte nun die Augsburger Arbeitsagentur eine arbeitsuchende 19-Jährige stellen. Wie die "Augsburger Allgemeine" berichtet, erhielt die junge Frau am Samstag einen Brief ihrer Arbeitsagentur mit dem Stellenangebot als Servicekraft im Colosseum. Voraussetzung sei ein "ansprechendes Auftreten", heißt es demnach in dem Brief, der der Zeitung vorliegt. 42 Stunden, vor allem nachts und am Wochenende, hätte sie in dem Etablissement Drinks ausschenken sollen.

"Ich war total entsetzt. Meine Mutter hat sogar geschrien, als sie den Brief gesehen hat", zitiert das Blatt die junge Frau. Seit November sucht die gelernte Hauswirtschafterin einen Job - als Hauswirtschafterin und "nicht an einer Theke in einem Bordell", wie sie selbst sagt.

Geschäftsführer der Arbeitsagentur: "Es tut mir leid"

Die Arbeitsagentur bedauert inzwischen das wenig moralische Angebot: Der Brief sei ein Versehen gewesen, sagte Geschäftsführer Roland Fürst gegenüber der "Augsburger Allgemeinen". Bei einer Stelle im Rotlichtmilieu hätte die Frau eigentlich vor dem Schreiben gefragt werden müssen, ob sie überhaupt Interesse hat. "Es tut mir leid. Hier ist uns ein Fehler unterlaufen. Die zuständige Vermittlerin hat das Gespräch nicht geführt und den Brief am Freitag verschickt."

Der Vorfall sei unangenehm, sagte Fürst. "Es entsteht der Eindruck, dass wir hier ungefiltert Vermittlungsvorschläge raushauen." Die Agentur werde künftig noch genauer hinschauen, ob eine Stelle zum Bewerber passe. "Gerade bei einer Stelle im Rotlichtmilieu muss es passen." Eine Stelle als Prostituierte würde man aber grundsätzlich nicht vermitteln.

Dabei wäre das durchaus denkbar: Mit Einführung der Hartz-Gesetze 2004 ist es generell möglich geworden, dass Arbeitsagenturen Erwerbslose ins horizontale Gewerbe vermitteln. Zwei Jahre zuvor war der Job der Prostituierten legalisiert worden, um eine rechtliche Absicherung der Sexarbeiterinnen zu gewährleisten. Seither haben sie etwa die gleichen Rechte bei Renten- und Krankenversicherung wie andere Arbeitnehmer auch.

Wer eine Stelle als Prostituierte ablehnt, darf nicht bestraft werden

Damit stand einer Vermittlung von Arbeitslosen ins Rotlicht juristisch nichts mehr im Wege. Der Gesetzgeber hatte bei der Frage der Zumutbarkeit von Jobs keine Schamgrenzen definiert. Ein zentrales Ziel der Gesetzgebung war es, den Druck auf Arbeitslose erhöhen, damit sie jede beliebige Beschäftigung aufnehmen.

Allerdings war die Rechtslage immer umstritten, wenn eine staatliche Einrichtung Frauen in einer finanziellen Notlage zur Prostitution drängt. Bereits 2004 erlegten sich die Arbeitsagenturen eine Selbstverpflichtung auf. Sie lief in der Praxis darauf hinaus, dass Frauen, die ein Stellenangebot als Prostituierte ablehnen, nicht mit dem Entzug von Unterstützungsgeldern bestraft werden. Trotzdem wurden immer wieder Fälle publik, wo sich Frauen unter Druck gesetzt fühlten.

2009 schaffte das Bundessozialgericht in einem Fall Klarheit, wo ein Bordellbetreiber zweier Etablissements in Speyer und Karlsruhe von einer Arbeitsagentur verlangt hatte, zwölf Stellen für Prostituierte aus Deutschland und der Europäischen Union auszuschreiben. Die Agentur weigerte sich, der Bordellbetreiber klagte. Das Gericht hielt ihm entgegen: "Ein aktives Fördern der Prostitution durch Träger öffentlicher Gewalt lässt sich nicht mit der Wertordnung des Grundgesetzes vereinbaren."

lgr/mamk/dpa

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 150 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. ...
Wolffpack 06.02.2013
Zitat von sysopZuerst freute sich die junge Frau, endlich hatte die Arbeitsagentur in Augsburg ein Jobangebot für sie. Dann erschrak sie, ihre Mutter schrie vor Entsetzen auf: Die 19-Jährige sollte als Servicekraft in einem großen Bordell anfangen. Die staatlichen Vermittler sprechen von einem "Versehen". Arbeitsagentur in Augsburg wollte 19-Jährige an Bordell vermitteln - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/arbeitsagentur-in-augsburg-wollte-19-jaehrige-an-bordell-vermitteln-a-881825.html)
Naja. Ist halt ein Fehler unterlaufen, passiert mal. Außerdem ging es doch um hinter dem Tresen, wenn ich das richtig verstanden habe. Und so erzkonservativ ist man mit 19 Jahren meistens nicht, das man Angst hat, nackte Menschen zu sehen.
2. Vielleicht
CallaYa!com 06.02.2013
... sollte die Vermittlerin diese Stelle annehmen. Scheint für sie ja ein ganz normaler Job zu sein.
3.
Sleeper_in_Metropolis 06.02.2013
Das machen die Arbeitsagenturen aber. Nicht nur bei HartzIV-Empfängern, auch bei Arbeitslosengeld-I-Empfängern wird bei passenden Parametern fast automatisch ein Brief mit Job"angebot" erstellt&versand.
4.
zynik 06.02.2013
Zitat von sysopZuerst freute sich die junge Frau, endlich hatte die Arbeitsagentur in Augsburg ein Jobangebot für sie. Dann erschrak sie, ihre Mutter schrie vor Entsetzen auf: Die 19-Jährige sollte als Servicekraft in einem großen Bordell anfangen. Die staatlichen Vermittler sprechen von einem "Versehen". Arbeitsagentur in Augsburg wollte 19-Jährige an Bordell vermitteln - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/arbeitsagentur-in-augsburg-wollte-19-jaehrige-an-bordell-vermitteln-a-881825.html)
...im Sinne des Hartz4-Systems nur konsequent. Klar muss man political correct jetzt ein bisschen zurückrudern, von einem "Versehen" und einem bedauerlichen Einzelfall reden. Aber vielleicht motviert man die Mutter ja durch die nächste willkürliche Leistungskürzung sich einen Job im Milieu zu suchen, um somit die heilige Statistik zu verschönern.
5. Was ist zumutbar ?
lomert 06.02.2013
Zitat von sysopZuerst freute sich die junge Frau, endlich hatte die Arbeitsagentur in Augsburg ein Jobangebot für sie. Dann erschrak sie, ihre Mutter schrie vor Entsetzen auf: Die 19-Jährige sollte als Servicekraft in einem großen Bordell anfangen. Die staatlichen Vermittler sprechen von einem "Versehen". Arbeitsagentur in Augsburg wollte 19-Jährige an Bordell vermitteln - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/arbeitsagentur-in-augsburg-wollte-19-jaehrige-an-bordell-vermitteln-a-881825.html)
Für Frau ist so manches nicht zumutbar, Frau wird zu leicht Opfer ! "Einen jungen Mann dürfte man wohl eher in eine Schwulenbar vermitteln, soll sich mal nicht so anstellen der verklemmte Hetero."
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik KarriereSPIEGEL
RSS
alles aus der Rubrik Berufsleben
RSS
alles zum Thema Berufe
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH