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Arbeitslose Ingenieure "Auch wer spezialisiert ist, kriegt nicht immer einen Job"

Die Anforderungen im Job ändern sich für Ingenieure schnell Zur Großansicht
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Die Anforderungen im Job ändern sich für Ingenieure schnell

Deutschland klagt über Fachkräftemangel. Und doch sind viele Ingenieure arbeitslos. Wie geht das zusammen? "Mismatch" gehöre zum Arbeitsmarkt, sagt Ökonom Thomas Straubhaar. Im Interview spricht er über zu hohe Erwartungen und über Chancen in fachfremden Disziplinen.

KarriereSPIEGEL: Herr Straubhaar, in Deutschland wird ständig über das Thema Fachkräftemangel diskutiert und beklagt, dass es zu wenig Ingenieure gebe. Gleichzeitig sind aber viele tausend Ingenieure in Deutschland arbeitslos. Da stimmt doch etwas nicht.

Straubhaar: Natürlich gibt es arbeitslose Ingenieure, wie in jedem Berufsstand. Wir haben einen Mismatch, einen Passfehler oder unterschiedliche Erwartungen von Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Das gibt es grundsätzlich auf allen Arbeitsmärkten. Die Firmen haben bestimmte Erwartungen an die Bewerber, die vielleicht gerade nicht passen.

KarriereSPIEGEL: Ein Ingenieur ist doch ein Ingenieur - oder?

Straubhaar: Wenn ein Unternehmen einen Bauingenieur sucht, aber ein Maschinenbauer sich anbietet, dann passt das halt nicht. Deutsche Arbeitnehmer sind auch oft sehr regional gebunden. Da kann es sein, dass ein Ingenieur aus Nürnberg nicht auf eine Stelle nach Hamburg wechseln will. Das sind regionale Starrheiten.

KarriereSPIEGEL: Aber gerade aus Süddeutschland muss doch niemand in den Norden wechseln...

Straubhaar: Es kommt hinzu: Wenn Sie Ingenieur gelernt haben, aber zwischenzeitlich im Management waren, haben Sie vielleicht den technischen Anschluss verloren, falls Sie wieder als Ingenieur arbeiten wollen. Der Strukturwandel ist sehr rasch in den MINT-Fächern, also in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Was Sie einmal gelernt haben, ist 20 Jahre später möglicherweise perdu. Beispiel: Wenn Sie früher einmal Plattenspieler hergestellt haben, dann haben Sie heute natürlich ein Problem, wenn Sie in die Medizintechnik wechseln wollen. Die Altersstruktur spielt ebenfalls eine Rolle.

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KarriereSPIEGEL: Inwiefern?

Straubhaar: Internationale Betriebe wollen häufig junge Mitarbeiter, die sie ins Ausland schicken können, zum Beispiel.

KarriereSPIEGEL: Wird die Erfahrung der Älteren nicht immer wichtiger?

Straubhaar: Ja, und das sollten die Unternehmen auch lernen. Wir können nicht immer den Staat für alle Probleme verantwortlich machen.

KarriereSPIEGEL: Ein Arbeitsloser, der 54 ist, kann doch nichts für sein Alter.

Straubhaar: Genau, es ist absolut richtig, dass sich die Wirtschaft und die Arbeitgeber bewegen müssen. Es gibt keinen Grund, einen Ingenieur über 50 nicht einzustellen. Da müssen entsprechende Strukturen geschaffen werden. Das gilt ganz besonders für Frauen. Sie müssen nicht Ingenieurin sein, um einen Ingenieurbetrieb klug zu leiten, das sieht man ja an den männlichen Führungskräften, die auch nicht Stahlkocher sind und dennoch Stahlfirmen leiten.

KarriereSPIEGEL: Ist die deutsche Ingenieursausbildung oder die Berufspraxis ein Problem bei einem Branchenwechsel? Wird zu spezialisiert ausgebildet und gearbeitet?

Straubhaar: Das kann ein Grund sein. Aber alles in allem ist die Ausbildung der Ingenieure in Deutschland im internationalen Vergleich sehr gut. Ich weiß nicht, ob die Einführung des allgemein gehaltenen Bachelors mit dem dann folgenden spezialisierten Master-Abschluss die richtige Maßnahme war, ich bin skeptisch. Der deutsche Diplom-Ingenieur war schon ein sehr guter Abschluss.

KarriereSPIEGEL: Welche Hoffnung gibt es denn für arbeitslose Ingenieure?

Straubhaar: Sie sind in der Regel sehr gut ausgebildet in der abstrakten Analyse und könnten auch in anderen Tätigkeiten bestehen. Als Manager zum Beispiel. Oder anekdotisch: Ich kenne viele MINT-Absolventen, die in sozial- und geisteswissenschaftlicher Tätigkeit erfolgreich sind, weil sie sehr gute analytische Fähigkeiten mitgebracht haben. Bis hin zu Ingenieuren als Unternehmensberater.

KarriereSPIEGEL: Was ist Ihr Vorschlag?

Straubhaar: Mismatch gehört dazu. Er ist eine natürliche Nebenerscheinung auf dem Arbeitsmarkt. Das wird erst dann störend, wenn es systematisch wird, sich die unterschiedlichen Erwartungen zementieren. Aber der Übergang von einem Job in den anderen verläuft nicht immer reibungslos. Das haben wir früher friktionelle Arbeitslosigkeit genannt.

KarriereSPIEGEL: Was kann man tun, um die Übergänge zu erleichtern?

Straubhaar: Ständig sich klarmachen, dass beide, also Arbeitnehmende und Arbeitgebende, offen sein müssen für Neues. Dass der Strukturwandel so schnell ist, dass das Grundwissen des ersten Abschlusses vielleicht noch ein paar Jahre reicht, aber nicht mehr ein ganzes Leben lang. In den Firmen beschäftigen sich die Ingenieure ja immer wieder mit neuen Dingen und gehen in die Weiterbildung. Ich würde zu mehr Gelassenheit raten.

KarriereSPIEGEL: Arbeitslosigkeit ist für einen Hochqualifizierten aber nicht einfach zu ertragen.

Straubhaar: Das hat mit Erwartungen zu tun. Es ist ein Fehler zu glauben, nur weil Sie hoch spezialisiert sind, werden Sie immer einen Job finden, bei dem Sie noch mehr verdienen und mehr Verantwortung übernehmen können.

KarriereSPIEGEL: War das aber nicht das Versprechen des deutschen Wirtschaftswunders?

Straubhaar: Erforderlich ist eben im 21. Jahrhundert eine Anpassung an die Lebenswirklichkeit. Ungebrochene Biografien beim selben Betrieb mit einem permanenten Aufstieg vom Lehrling zum Vorstandsvorsitzenden sind unrealistisch geworden.

Das Interview führte Harald Schultz, freier Journalist in Berlin und Mitarbeiter von manager magazin online.

Zur Person
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    Thomas Straubhaar (Jahrgang 1957) ist Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI) und Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Hamburg.

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insgesamt 118 Beiträge
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1. ein Kommilitone von mir
kielerin78@icqmail.com 16.10.2013
war Mitte 40, Dr. Biologie und saß wieder im Bachelor Informatik. Er hatte statt im Bio-Bereich im IT-Bereich gearbeitet, dann ging aber die Firma Pleite. Warum aber muss man dann wieder in den Bachelor Informatik? Es muss viel mehr Kurzstudiengänge und Kombinationen geben - z.B. auch mehr nichtkonsekutive Master, wo man sich in eine andere Richtung weiterqualifizieren kann, wenn man merkt, das man mit dem vorherigen Abschluss nichts findet. Im Ausland kann man auch leichter Lehrer werden -- es reicht ein Bachelor und dann bekommt man im Master Pädagogik und Zweitfach mit. In DE hingegen fängt man im Zweitfach bei Null an und muss dann neu bis zum STEX durchstudieren. Ich finde es in DE doch Recht unflexibel. Man muss sich schneller anpassen können, in dem man z.B. auch mehr Kurzstudiengänge anbietet - graduate Diploma und Co. Da kann dann das Neueste komprimiert mit rein. Aber in DE sind ältere Arbeitnehmer auch nicht wohlgelitten - in Norwegen und Dänemark akzeptiert man auch Ältere, auch wenn diese arbeitslos waren. In DE aber nicht.
2. Kommt in die Schweiz!
onkendonk 16.10.2013
Dort ist man für hervorragend ausgebildete und engagierte Leute (man nimmt längst nicht jeden) dankbar, egal welchen Alters sie sind. Hier stellt man 60 jährige ein, wohl wissend das sie in spätenstens 3-5 Jahren in Pension gehen (ja, das kann man hier ab 60), nur deswegen damit sie wärend dieser Zeit ihre Erfahrungen weitergeben. Und man schüttelt den Kopf über die dämlichen Deutschen, die nur wegen des Alters dieses Potential ungenutzt lassen. Ist doch schön wenn man qualifizierte Leute bekommt, für deren Ausbildung man keinen Rappen investieren musste. Und bei dem Lohn- und Lebensniveau hier geht kaum einer wieder weg der erst mal da ist. En guetä!
3. ja da passt was nicht
0815_student 16.10.2013
die Aussage des Ingenieursmangel macht mich sehr stutzig. In Erster Linie rechteftertigen deutsche Unternehmen damit, dass sie Ausländische Ingenieure anstellen. Und warum tun Sie das...weil Sie günstiger sind. Noch zu DIplomzeiten waren Studiendauern (je nach Uni) von über 11 Semstern keine seltenheit. Das will der Student auchentsprechend entlohnt haben wenn er beginnt. Leider ist das heute aber nicht mehr gefragt weil so viele Bachelorstudenten den Markt überschwemmen und gerne für ein geringeres Einstiegsgehalt angestellt werden (+ befristeter Vertrag naürlich). FUndierte Kenntnisse sind nicht mehr gefragt, sondern ein "erweitertes technisches Wissen" reicht aus um zu "schaffen". Aber Arbeitslos muss tatsächlich kein Ingenieur bleiben. Es gibt ja da noch die Ingenieursdienstleister, die sich eine goldenen Nase damit verdienen Ihre für geringe Gehälter angestellten Ingenieure völlig unverbindlich an die Firmen zu verleihen. Warum, weil die Firmen nicht mehr bereit sind sich Ihren Angestellten gegenüber zu verpflichten. Und ich denke damit versteht man realtiv schnell warum trotz Mangel viele arbeitlose Ingenierue in Deutschland rumgeistern. Wofür studieren diese 5 Jahre wenn Sie am Ende unterbezahlt bei einem Dienstleister anfangen dürfen. Da lässt man sich dann auch gerne mal Zeit mit der Arbeitssuche. Das wird früher oder später dazuführen, dass immer mehr Deutsche ins Ausland gehen. Hier wird die Arbeit geschätzt und adequat bezahlt!
4. Quatsch mit Soße
Leser161 16.10.2013
---Zitat--- Es kommt hinzu: Wenn Sie Ingenieur gelernt haben, aber zwischenzeitlich im Management waren, haben Sie vielleicht den technischen Anschluss verloren, falls Sie wieder als Ingenieur arbeiten wollen ---Zitatende--- Das wird zwar immer wieder gesagt, ist aber einfach Quatsch. Wir reden hier von einer wissenschaftlichen Ausbildung, da geht es nicht darum eine Handvoll Verfahren auswendigzulernen und immer wieder runterzuballern. Für einen vernünftigen Ingenieur ist sowas ein einfach Werkzeug, wenn das Werkzeug, dass er vor 20 Jahren verwendet hat nicht mehr aktuell ist, verwendet er halt das Aktuelle.
5.
scribbles 16.10.2013
Das mit dem Fachkräftemangel ist ein bisschen so, als würden die Arbeitgeber auf einem Sack Kartoffeln sitzen und Hungernot schreien, weil kein Reis mehr da ist. Aber der Vergleich hinkt natürlich: Gegen Fachkräftemangel können die Unternehmen etwas tun indem sie die ausreichend verfügbaren Arbeitskräfte schulen und fördern. Kartoffeln in Reis zu verwandeln ist da schon schwieriger.
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