• Drucken
  • Senden
  • Nutzungsrechte
 

Arbeitsrecht Ich Chef? Was darf ich jetzt noch tun?

Frischgebackener Chef: Aufstieg schön und gut, aber wie bestimmt man jetzt die Richtung? Zur Großansicht
Corbis

Frischgebackener Chef: Aufstieg schön und gut, aber wie bestimmt man jetzt die Richtung?

Wer plötzlich Chef wird, muss von einem Tag auf den anderen neue Regeln beherrschen. Während sich Betriebsräte bis zu vier Wochen lang im Arbeitsrecht schulen lassen dürfen, verlassen sich viele Führungskräfte auf ihren Instinkt. Das ist riskant und kann sehr teuer werden.

Jeder wird so lange befördert, bis das Niveau seiner Inkompetenz maximal ist. Diese Erkenntnis, 1969 von dem kanadischen Psychologen Laurence J. Peter formuliert, taugt heute oft nur noch für einen abgedroschenen Spruch auf einem Kühlschrankmagneten. Dabei ist das Peter-Prinzip bis heute oft genug zu beobachten. Es sollte jedem Arbeitnehmer, der frisch zur Führungskraft befördert wird, furchteinflößende Warnung sein.

Seine neue Führungsrolle im Unternehmen hat sich ein Mitarbeiter normalerweise durch seine fachliche Leistung erarbeitet: Er programmiert gut, verkauft gut, betreut Kunden gut. Weil er so gut ist, ereilt ihn irgendwann - geradezu unvermeidlich - die Anforderung, durch die Übernahme einer Führungsaufgabe andere von seiner exzellenten Arbeitsweise profitieren zu lassen. Doch in der neu erreichten Führungsposition wird er mit Aufgaben konfrontiert, mit denen er sich noch nicht vertraut gemacht hat.

Auch rein arbeitsrechtlich warten ungekannte Herausforderungen. Welche Arbeitsanweisungen sind eigentlich rechtmäßig? Und was ist zu tun, wenn ein Arbeitnehmer sich verweigert? Führung ist Überzeugungskraft und Fähigkeit zur Motivation im Team. Wo diese Fähigkeiten nicht mehr reichen, sind aber Grundkenntnisse von Direktionsrecht (Was darf ich anweisen?), Abmahnung (Was darf der Arbeitnehmer nicht?) und schlimmstenfalls sogar Kündigung (Was muss sich kein Arbeitgeber gefallen lassen?) gefragt, die der neuen Führungskraft nicht mit der Inthronisierung in den Schoß fallen.

Noch jemand ohne Krankenschein?

Auch die einfache Arbeitsorganisation in der Abteilung stellt die neue Leiterin oder den neuen Leiter vor unerwartete neue Herausforderungen. Was tun mit dem eingereichten Urlaubsantrag? Wie gehe ich mit den Beschwerden der Leute aus dem Südflügel des Gebäudes um, die sich plötzlich ganz nachhaltig darüber beklagen, die Sonne würde sich immer so in ihren Computermonitoren spiegeln und man könne da nachmittags gar nichts erkennen? Wohin mit der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung des erkrankten Kollegen? Wo ist überhaupt der Kollege, wenn er sich nicht ordnungsgemäß arbeitsunfähig gemeldet hat? Was bedeutet der Brief der Kollegin, die seit einem halben Jahr nicht mehr im Betrieb war - da war doch was? - und jetzt schriftlich nach "Teilzeit während der Elternzeit" fragt? Was ist mit den vier Kollegen und deren Anträgen auf Bildungsurlaub ("Spanisch lernen", iberische Halbinsel, in den Herbstferien, feine Sache)?

Fotostrecke

56  Bilder
Arbeitsrechts-Urteile: Abgemahnt, gefeuert, geklagt
Und wieso möchte die Hälfte der neu unterstellten Abteilung ein Zwischenzeugnis nach dem Vorgesetztenwechsel? Sind die bald alle weg?

Zur gleichen Zeit ist die neu aufgerückte Führungskraft immer noch Arbeitnehmer und hat Erwartungen ihrer Vorgesetzten zu erfüllen: Vielleicht arbeitet die Abteilung nicht effizient genug. Die Fehlzeiten sollen halbiert werden. Das Team ist angeblich drei Stellen zu groß und die Lohnkosten müssen runter. Oder es müssen ganz im Gegensatz dazu zwei neue Kräfte eingestellt werden, da möchte der Vorgesetzte aber bitte "Vollzeitkräfte, nicht zu alt, die universell einsetzbar sind."

Wohl dem, der in dieser Situation auf eine funktionsfähige Personalabteilung mit kompetenten Leuten zurückgreifen kann. Wer die nicht hat, der wird feststellen, dass er bei seiner früheren Tätigkeit - wir erinnern uns: programmieren, verkaufen, Kunden betreuen - auf sein neues Schicksal nicht vorbereitet worden ist.

Chefs müssen Chefs überzeugen

Um Grundkenntnisse zu diesen Fragen zu erwerben, wird die neue Führungskraft entsprechende Schulungen besuchen müssen. Leider ist es noch viel zu wenig üblich, dass in Unternehmen neuen Führungskräften auch die Gelegenheit dazu gegeben wird. Das ist erstaunlich, denn dieselben Unternehmen müssen ihren Betriebsratsmitgliedern innerhalb einer vierjährigen Amtszeit drei Wochen Schulung ermöglichen, und wenn sie erstmalig Betriebsrat sind, sogar vier. Einen solchen gesetzlich verankerten Anspruch hat eine neue Führungskraft nicht.

Da gilt es, im Unternehmen gegenüber den eigenen Vorgesetzten Überzeugungsarbeit zu leisten. Schon ein oder zwei Tage einer Schulung zum Thema "Arbeitsrecht für Führungskräfte und mittleres Management" können bewirken, dass alle groben Fehler die jede ungeschulte Führungskraft sonst mit erheblicher Wahrscheinlichkeit begehen wird, nun nicht mehr macht.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 5 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Quatsch
ekel-alfred 20.09.2012
Zitat von sysopWer plötzlich Chef wird, muss von einem Tag auf den anderen neue Regeln beherrschen.
Niemand wacht morgens auf und ist plötzlich Chef. Und wenn das so passieren sollte, dann ist er lang genug im Unternehmen, daß er die neuen Herausforderungen auch meistern kann. Alle anderen werden in Seminaren auf ihre neue Rolle vorbereitet.
2. Machtanspruch............
habnichviel 20.09.2012
In größeren Firmen mit vielen Abteilungen und Arbeitnehmervertretungen haben die Chefs keine Macht im ursprünglichen Sinne mehr. Sie sind Schnittstellenoperatoren, die Anomalitäten im Ablauf der Firmenvorgänge lösen müssen, aufgrund ihrer vorausgesetzten, notwendigen Allgemeinbildung. Und da klemmt es bei so manchem Chef. Denn da ist auf einmal Lesen, Schreiben und rechnen wieder gefragt, welches bei vielen hochspezialisierten Tätigkeiten aus der Mode gekommen ist und bei jungen Leuten, die in Ausbildung sind, schon garnicht mehr in Mode ist. Das ist natürlich branchenabhängig. Und da DE ne Werkbank für Fertigprodukte einerseits und ein Großraumbüro für Ingenieurleistungen andererseits ist, sollte da eigentlich was getan werden. Chefs müssen nicht immer gute Funktionierer sein, sondern ne ganze Menge Kreativität und vor allem Überblick ist gefragt. Leute, die nicht gewohnt sind, in größeren Dimensionen und Zusammenhängen zu denken, sind dafür gänzlich ungeeignet. Habe auch noch nicht gehört, daß der Hochsprung-Weltmeister auch gleichzeitig Weitsprung-Weltmeister ist. Da kommt übrigens bei dieser Gelegenheit die Frage auf, warum manche Chefs soviel verdienen. Möglicherweise taugen nur ganz wenige Leute zum Chef und Mangel wird immer bezahlt. Bei Mercedes gabs mal nen Chef, der hatte sich dort vom Lehrling hochgearbeitet und enwickelte sich dann zur Altlast. Der hat als junger Mensch immer alles richtig gemacht und wurde von allen anderen Richtigmachern hochgelobt. Ohne Fleiß kein Preis, muß nicht immer stimmen.
3. Schulung - Klarstellung
hindukuschistweitweg 20.09.2012
Betriebsräte können sich nach Betriebsverfassungsgesetz ( § 37 Abs. 6 i.V.m. § 37 Abs. 2 und § 40 Abs. 1) nicht nur 4 Wochen, sondern unbegrenzt schulen und fortbilden. Die Maßnahme muss nur für die Ausübung des Amtes 'erforderlich' sein.
4. yoooh
geotie 21.09.2012
Zitat von ekel-alfredNiemand wacht morgens auf und ist plötzlich Chef. Und wenn das so passieren sollte, dann ist er lang genug im Unternehmen, daß er die neuen Herausforderungen auch meistern kann. Alle anderen werden in Seminaren auf ihre neue Rolle vorbereitet.
Ansonsten wird eine Person auch mal nach der Qualifikation ausgesucht und gefördert. Man will doch nicht Geld in eine Person stecken die bald wieder verschwindet.
5. Erstaunlich ...
ralf.dannemeyer 21.09.2012
... ist dass ein Fachanwalt für Arbeitsrecht einen solche Information verbreitet: "Das ist erstaunlich, denn dieselben Unternehmen müssen ihren Betriebsratsmitgliedern innerhalb einer vierjährigen Amtszeit drei Wochen Schulung ermöglichen, und wenn sie erstmalig Betriebsrat sind, sogar vier." Das ist falsch. Betriebsratsmitglieder sind so lange und so oft zu schulen, wie es für die Erfüllung ihrer Aufgaben erforderlich ist - unbegrenzt. Zusätzlich gibt es einen persönlichen Bildungsanspruch für Seminare, die zwar nicht erforderlich, aber doch geeignet sind. Arbeitsrecht ist in der Regel erforderlich, Rhetorik könnte eher geeignet sein. Dafür gibt es dann 3 bzw. 4 Wochen. (§ 37 Abs 6 und 7 des Betriebsverfassungsgesetzes). Ralf Dannemeyer perspektiven - Institut für Betriebsräte, Weimar www.betriebsrat4you.de
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik KarriereSPIEGEL
RSS
alles aus der Rubrik Berufsleben
RSS
alles zum Thema Plötzlich Chef - KarriereSPIEGEL
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Zur Person
  • Martin Krömer ist Fachanwalt für Arbeitsrecht und Partner der Hamburger Kanzlei Ruge Krömer. Er berät und vertritt international tätige Konzerne genauso wie mittelständische Unternehmen im gesamten Bundesgebiet und gibt das "Lexikon Arbeitsrecht im öffentlichen Dienst" heraus.
Verwandte Themen

Die schlimmsten Chef-Sprüche (7)

Zitate starten: Klicken Sie auf den Pfeil


Fotostrecke
Chef-Typologie: Superstars, kreative Chaoten, Nichtskönner


Social Networks