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30-Stunden-Woche Wie viel wollen wir noch arbeiten?

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Corbis

Neue Arbeitszeitdebatte: Muss die Arbeit wirklich so lange dauern?

35 Wochenstunden, 32 oder 30: In der Malocherrepublik Deutschland ist es keine Schande, weniger Arbeit zu fordern. Und das unabhängig von Kita-Zeiten. Die neue Arbeitszeitdebatte dreht sich um Sinn, Gerechtigkeit und Machtfragen.

Bill Gates entwirft eine düstere Zukunftsvision: "Ein Großteil der Jobs", sagte er im März am American Enterprise Institute, "wird in den kommenden 20 Jahren durch Software ersetzt. Seien es Fahrer, Kellner oder Krankenschwestern", ihre Tätigkeiten übernähmen bald Roboter: "Vielen ist diese Entwicklung heute noch gar nicht bewusst."

Da drängen sich Bilder von Dauerarbeitslosen auf, von frisch entlassenen Familienvätern. Selbst Berufe, an die man vielleicht nicht gleich denkt, könnten ersetzt werden: Schon beginnt die "Los Angeles Times", Zeitungsartikel über Erdbeben automatisiert von einem Computer schreiben zu lassen.

Andererseits - das ist der alte Traum der Industrialisierung: Wir bauen Maschinen, die uns immer mehr Arbeit abnehmen. Damit werden wir immer produktiver, das ermöglicht Wachstum und Gewinne für alle. Oder weniger Arbeit bei gleichem Output, mehr Freiheit, mehr Müßiggang.

"Ich glaube, dass wir gerade einen historischen Entwicklungsschritt vorbereiten", sagt Stephan Krull, 66. Er arbeitet seit den achtziger Jahren bei Volkswagen und neigt nicht zum Pathos. Inzwischen hat er bei Attac die Arbeitsgemeinschaft "Arbeit FairTeilen" gegründet. Ihr Ziel: Die Zahl der Wochenarbeitsstunden soll in Zukunft auf 30 sinken. Für eine Vollzeitstelle.

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Verkürzte Arbeitszeiten: Sechs Stunden bis zum Feierabend
Als Zeitreihe sieht das sogar vielversprechend aus: Noch um 1900 war in Deutschland die 60-Stunden-Woche verbreitet, geschuftet wurde an sechs Tagen. Nach dem Zweiten Weltkrieg war man immerhin schon bei 48 Stunden. Mitte der fünfziger Jahre wurde mit viel Bohei die 5-Tage-Woche mit 40 Stunden eingeführt. In den Neunzigern sank die Arbeitszeit zumindest für die Metall- und Elektroindustrie auf 35 Stunden, andere Bereiche liegen bei 38 oder noch immer 40 Stunden. Jetzt also: Einfach weiter so?

Derzeit wird so viel über Arbeitszeitverkürzung gesprochen wie lange nicht:

  • In Schweden liebäugeln Kommunen mit der Einführung der 30-Stunden-Woche in der Verwaltung, etwa in Göteborg. Einige private Unternehmen machen es vor, darunter die Großmolkerei Tine, die die Arbeitszeit 2007 verkürzte. Die Angestellten bekommen den gleichen Lohn wie vorher, sollen aber auch dieselbe Arbeitsmenge schaffen. Nach Tine-Angaben ist die Effektivität sogar noch stärker gestiegen.
  • Eine Befragung der IG Metall von einer halben Million Beschäftigten - darunter ein Drittel Gewerkschaftsmitglieder - förderte zutage, dass sich viele eine kürzere Arbeitszeit wünschen. Zumindest für Mütter und Väter fordert die Gewerkschaft die 30-Stunden-Woche.
  • Ein "Elterngeld plus" soll laut Koalitionsvertrag Eltern den raschen Wiedereinstieg in den Beruf schmackhaft machen. Für 28 Monate Elternzeit gibt es Geld vom Staat, und zwar am meisten, wenn dabei beide Elternteile in Teilzeit gehen und nicht mehr als 30 Wochenstunden am Arbeitsplatz sind.
  • Die Sozialwissenschaftlerin Jutta Allmendinger fordert eine 32-Stunden-Woche für alle, allerdings als Durchschnittswert über das gesamte Erwerbsleben. Wenn diese Größe zum Standard würde, hätten Männer wie Frauen nicht nur mehr Zeit für Familie und Privatleben, es würde auch der Teilzeitnachteil vieler Frauen eingeebnet. (Mehr dazu im Interview im neuen Magazin SPIEGEL JOB.)
  • Wenn beide Elternteile nach der Geburt eines Kindes ihre Arbeitszeit halbieren, könnte der Staat die Gehaltsdifferenz problemlos ausgleichen - zu diesem Ergebnis kam eine Untersuchung des DIW im September.

Weniger Arbeit wird zunehmend als erstrebenswert betrachtet. Das ist ein Novum in der Malocherrepublik Deutschland, in der der Vorwurf, faul zu sein, immer noch als krachende Beleidigung gilt.

Doch vor allem in den Bürobranchen ist es inzwischen okay, andere Dinge als den Job wichtiger zu finden. Viele Arbeitnehmer fühlen sich gestresst, die Zahl der Burnout-Diagnosen nimmt zu, 75.000 Menschen sind 2013 wegen psychischer Erkrankungen in Frührente gegangen, als Ursache gilt oft das stressige Arbeitsleben. Wer die Plackerei reduziert, gilt als maßvoll und konsequent. Es ist nicht mehr das selbstverständliche Ziel erwachsener Menschen, eine imaginierte Karriereleiter hinaufzukraxeln.

Das passt zum Zeitgeist. Die Finanzkrise hat vorgeführt, wie leicht ein hart erarbeitetes Finanzpolster verpuffen kann. Wozu sich abrackern? Um den Firmeneigentümern das Spielgeld zu verschaffen, mit dem sie am Ende den Betrieb verjubeln? So lange das Geld für einen angenehmen Lebensstandard reicht, scheint vielen die Zeit mit der Familie eine sinnvollere Investition in die Zukunft als der nächste Bonus für Abteilungsleiter oder ein Sparvertrag Marke Lehman.

Die Legebatterien des Kapitalismus

Der vielzitierten Generation Y, also den Leuten, die gerade frisch ins Berufsleben starten, geht es nicht anders. Karriere ist für sie zwar eine nette Idee, aber nicht, wenn ihr Leben dann ausschließlich in den Legebatterien des Kapitalismus stattfindet - in Büros. Lieber ein paar Euro weniger, lieber mehr Zeit mit Freunden.

Damit weitet sich die Debatte. Wir reden nicht mehr nur über die Bedürfnisse von arbeitenden Eltern. Es geht um Selbstbestimmtheit. Der Einfluss des Arbeitgebers auf das eigene Leben soll begrenzt werden. Selbstverwirklichung findet nicht allein im Job statt. Wer ununterbrochen arbeitet, sieht seine Freunde nicht, sieht nichts von der Welt, übersieht, welche Talente sonst in ihm schlummern.

Auch Attac geht es um mehr als ein erweitertes Elterngeld oder die Arbeitszeitverkürzung für Eltern, die die IG Metall fordert - auch wenn das, so Stephan Krull, "ein Schritt in die richtige Richtung" sei. Die Krux sei die Verteilung von Arbeit: "Wer einen Job hat, ackert sich krumm und bucklig, andere haben gar keinen Job." Diese anderen, das seien nicht nur die drei Millionen Arbeitslosen, die in der Statistik stehen, sondern auch die Stille Reserve, Menschen, die sich gar nicht erst erwerbslos melden, aber eigentlich gerne einen Job hätten.

"32 Stunden sind genug"
  • DPA
    Ein ganzes Erwerbsleben 40 Stunden pro Woche arbeiten? Männlein wie Weiblein? "Ich bezweifle, dass eine Gesellschaft auf diese Art überlebensfähig bleibt", sagt die Soziologin Jutta Allmendinger im Interview im neuen Magazin SPIEGEL JOB. Sie findet: "32 Stunden sind genug", und erklärt, wie's gehen soll. Das Magazin gibt es jetzt am Kiosk und ist unter anderem hier bestellbar:
  • SPIEGEL JOB bei Amazon
"Und schließlich geht es um Macht", erläutert Krull. Die Reservearmee der Arbeitslosen sei immer eine stille Drohung, gerichtet an die Jobbesitzer: "Seht her, ihr seid ersetzbar. Werdet mal nicht aufmüpfig."

Klar, dass die Idee einer kürzeren Vollzeit auch auf Widerspruch stößt. "Man sollte solche Forderungen nicht gegen die Arbeitgeber gerichtet aufstellen, man braucht sie mit im Boot", sagt Enzo Weber, 33, Experte beim Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. "Nicht realistisch" sei es, sie für die Lohndifferenz zwischen 40 und 30 Stunden aufkommen zu lassen, wie es Attac vorschlägt.

Außerdem entstehen so neue Probleme. Industrie könnte dahin abwandern, wo die Menschen noch viel arbeiten. Und schon jetzt gibt es zu wenig Ärzte und Pfleger. Was, wenn die nun ihren Job reduzieren? Soll dann ein arbeitsloser Kurierfahrer den Blinddarm rausschneiden?

"Sicher", sagt Weber, "die Zahl der Erwerbspersonen ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gewachsen." Auch deshalb ließ sich die Arbeit in kleinere Häppchen aufteilen. "Aber so geht es demografisch ja nicht weiter. Wir werden immer älter und immer weniger. Wer soll dann die Arbeit erledigen?" Bei der Arbeitszeit sei das Wesentliche nicht eine generelle Verkürzung, sondern Möglichkeiten der flexiblen Gestaltung.

Das Geld dafür ist da, es hat nur jemand anderes

Attac verhehlt nicht, dass die Unternehmensgewinne mit ihren Forderungen zurückgehen - das ist eins der Ziele. Heinz-Josef Bontrup, alternativer Wirtschaftswissenschaftler und Unterstützer der Attac-Pläne, will so eine schleichende Umverteilung stoppen: Immer mehr dessen, was in Deutschland erwirtschaftet wird, streichen Unternehmen und Vermögensbesitzer ein, zu Lasten der Arbeitskräfte: "In den Jahren 2000 bis 2013 wurden so 1,1 Billionen Euro brutto von unten noch oben verschoben."

Soll heißen: Das Geld für die 30-Stunden-Woche ist da, derzeit kriegt es nur jemand anderes - Aktionäre, Spekulanten. Wenn damit tatsächlich Vollbeschäftigung hergestellt würde, könnte der Sozialstaat jedes Jahr 50 bis 60 Milliarden Euro sparen.

Umverteilung im großen Stil und die Machtfrage - wird da nicht ein bisschen zu viel geträumt? "Das wird alles nicht schnell gehen", sagt Attac-Mann Krull. Doch Arbeitszeitverkürzung war immer ein Geduldsspiel. Schließlich geht es dabei um Fragen, die keiner exakt beantworten kann. Etwa: Werden die neuen, freizeitverwöhnten Kurzarbeiter wirklich alle produktiver, wie die Attac-Leute glauben? Dezimiert der demografische Wandel die Zahl der Arbeitskräfte tatsächlich so dramatisch - woran man durchaus auch zweifeln darf? Und wie lebt es sich mit Bill Gates' fleißigen Robotern?

In der Zwischenzeit muss die 30-Stunden-Woche für Eltern reichen. Und ein Elterngeld plus.

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insgesamt 127 Beiträge
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1. An der Problematik vorbei
christiewarwel 01.05.2014
Wenn Sie in befristeten Arbeitsverhältnissen arbeiten und Ihre "Leistung" das entscheidene Kriterium für die Beschäftigung ist, ist es völlig egal, ob eine 40, 35 oder 30 Studen Woche auf dem Papier steht. Am Ende arbeiten Sie 50, 55 und 60 Stunden die Woche oder mehr, weil es Ihnen immer noch besser erscheint als eine endlose Harzreise bis zum Lebensende. Lächerliche Diskussion und Klientelpolitik.
2. Wir leben nur einmal
ratxi 01.05.2014
Eine 30-Std.-Woche genieße ich seit langer Zeit, und verteile mir die Arbeit auf drei Tage. Denn freie Zeit ist durch nichts zu ersetzen, als durch noch mehr freie Zeit. In der Tat, wir leben nur einmal...
3. Endlich!
ogg00 01.05.2014
Endlich eine vernünftige Idee...
4. Wir können nicht mehr anders
tommit 01.05.2014
weil wir keine 'Alternative' haben.. zu Tode fortentwickelt.. da aber der Körper trotzdem aus Muskeln besteht ist der Vorshclag von Bill Gates doch für ihn sehr praktisch.. RObiter machen die ARbeit, die Leute werden noch fettleibiger, das braucht wieder mehr Roboter.. UNd wenn er dann mal 5 Mia spendet dann träumen einige Unentwegte von einer Welt in der alles Geld in den Händern viler Bill Gates Verschnitte ist.. Dann müssen ihre Kinder irgendwann auf die Essensspende eoines der Bill Gates warten.. Mann hab ich ein Glück das ich dann bestimmt tot bin.... Der Rest hört sich im Bezug auf sinekende Bevölkerungszahlen und steiegende Anteile von Rentnern schier nach Panik an.. 10 Stunden weniger führen dann wohl zu mehr Kindern... LOL
5.
Milkshake 01.05.2014
Ein vernünftiger Schritt in die richtige Richtung.
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