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Arme Akademiker Frau Lehrerin hat ein Loch im Schuh!

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Corbis

Mickriger Verdienst für Lehrer: "Bildung lohnt sich? So ein Unsinn!"

Bildung zahlt sich nicht aus: Obwohl sie jahrelang studiert haben, verdienen Dozenten an Sprachinstituten und Volkshochschulen oft weniger als Hilfskräfte auf dem Bau. Viele arbeiten nah am Sozialbetrug. Schuld sind die magere staatliche Förderung, das Rentenversicherungsgesetz - und die Liebe zum Job.

Es gibt Sätze, die kann Tanja Hummel nicht mehr hören. "Bildung lohnt sich? So ein Unsinn", sagt sie so ärgerlich, wie sie kann mit ihrer sanften Stimme. Hummel ist 55 Jahre alt, nach der Schule studierte sie Germanistik auf Magister. Weil sie keine feste Stelle fand, unterrichtet sie an einer privaten Sprachschule Deutsch, als Lehrerin für staatliche Integrationskurse. Um ihre Aufträge nicht zu verlieren, möchte sie ihren echten Namen nicht auf KarriereSPIEGEL lesen.

Hummel verdient 15 Euro pro Stunde, das macht bei 25 Stunden wöchentlich rund 1500 Euro brutto im Monat. Klingt nicht schlecht, aber der Teufel steckt im Detail: Mit Vor- und Nachbereitung arbeitet Hummel praktisch Vollzeit, in vielen Wochen gibt sie eher zwei oder drei Stunden, die Fahrtkosten zahlt sie auch selbst. Bis vor kurzem reichte es trotzdem irgendwie, weil sie sich auch erkältet zur Arbeit schleppte, und weil ihr Partner etwas dazuverdient. Ein journalistischer Nebenjob ermöglichte ihr, in die Künstlersozialkasse einzutreten, die zahlte die Hälfte ihrer Sozialabgaben.

Damit ist jetzt Schluss. Weil Hummel ihren Nebenjob verlor, flog sie aus der Künstlerkasse und landete hart in der Realität der freien Sprachlehrer. Fast 200 Euro will die Krankenversicherung jetzt, und von dem mageren Rest soll sie ein Fünftel an die Rentenversicherung abdrücken. Der Grund: Selbständige Lehrer und Erzieher sind versicherungspflichtig, so steht es im sechsten Sozialgesetzbuch. Eine Regelung, die an der Wirklichkeit vorbeigeht, weil sie sich auf Akademiker bezieht, die oft weniger verdienen als mancher Hilfsarbeiter. Betroffen sind vor allem Frauen, Männer hält es selten in diesem Beruf.

Wer ehrlich ist, verliert

"Etwa vier von fünf Dozenten ignorieren die Rentenversicherung einfach", schätzt Inge Görlich von der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW). Das gelte für Volkshochschullehrer genauso wie für Honorarkräfte, die Hartz-IV-Empfänger weiterbilden und dabei nicht selten selbst auf Sozialhilfeniveau leben. Sie alle müssen mit dem Gefühl zurechtkommen, etwas Illegales zu tun und mit dem Risiko, dass die Rentenversicherung ihnen auf die Schliche kommt und Nachzahlungen fordert.

"Die Miete ging immer vor", sagt Michaela Renner* entschuldigend. Mit 55 hat die studierte Sozialarbeiterin endlich eine Teilzeitstelle, vorher überlebte sie mit mehreren Minijobs, unter anderem beim Roten Kreuz, wo sie vier- bis achtmal im Jahr Jugendliche auf ihr Soziales Jahr vorbereitete. Pro Woche konnte sie dort mehr als 900 Euro verdienen, "das klang nach guter Bezahlung".

Heute denkt sie darüber ganz anders. Renner protokollierte ihre Arbeitszeiten und merkte, dass inklusive Vor- und Nachbereitung für ein Seminar noch ein Bruttolohn von knapp sieben Euro pro Stunde übrig blieb, Anfahrt und Materialkosten nicht eingerechnet. Ohne langfristigen Vertrag hatte Renner nicht einmal eine Garantie, dass es in den nächsten Monaten Arbeit für sie geben würde.

"Trotz allem liebe ich meine Arbeit"

Zu Beginn ihrer Selbständigkeit überlebte sie mit 600 Euro im Monat, erzählt Renner, Sozialhilfe wollte sie trotzdem keine. "Dazu war ich zu stolz. Mein Essen konnte ich auch so irgendwie zahlen." Die Arbeit machte sie trotz allem gern, was auch typisch ist: Es sind Idealistinnen, die dieses System am Laufen halten, das gerade deshalb funktioniert, weil nach jeder Kündigung schon die nächste Kandidatin Schlange steht.

"Ich liebe meine Arbeit. Jammern ist nicht mein Ding", sagt die Dozentin Sabina Pfeifle aus Freiburg, 62 Jahre alt, zweimal fertig studiert, erst Germanistik und Anglistik, dann Islamwissenschaften. Die Arbeit mit Menschen, die neuen Herausforderungen, "da vergisst man leicht alles, was mit Karriere zu tun hat". Trotzdem graue es ihr manchmal vor dem Alter. "Geld verdampft schnell", sagt sie. Vor fünf Jahren verdonnerte die Rentenversicherung sie dazu, mehrere tausend Euro nachzuzahlen. Seitdem zahlt sie zwar ein, kann jetzt aber trotzdem nur mit einer Rente rechnen, die unter Hartz IV liegt.

"Integrationskurse mache ich nicht mehr"

Vor etwa 20 Jahren habe sie für Deutschkurse 38 Mark pro Stunde verdient, erinnert sie sich, das Arbeitsamt finanzierte die Kurse. Für ähnliche Weiterbildungen bekommt ihre Kollegin Tanja Hummel heute 14 Euro, also deutlich weniger trotz Inflation. Ein Betriebsrat der GEW sieht das Problem in öffentlichen Ausschreibungen, die Billigheimer bevorzugen: Bei der riesigen Konkurrenz könnten seriöse Anbieter kaum mithalten, sagt er.

Hinzu kommt, dass Träger wie die Volkshochschule oft selbst nur magere Pauschalen für staatlich finanzierte Kurse bekommen. So zahlt beispielsweise das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) für Integrationskurse 2,35 Euro pro Person und Stunde. In einer Klasse sitzen etwa 15 Personen. Ist es da glaubwürdig, wenn Politiker sagen, dass Bildung ihnen am Herzen liegt?

Das vom BAMF empfohlene Mindesthonorar sei "eine Frechheit", findet Ulrich Bausch, Leiter der Reutlinger Volkshochschule. "Ich finde es unerträglich, Menschen mit Hochschulabschluss 15 Euro pro Stunde zu zahlen. Das ist ein Ausdruck von Geringschätzung." Er selbst zahle seinen Dozenten ein deutlich höheres Honorar, könne so aber nicht alle Verwaltungskosten decken.

Um Lohndumping zu verhindern, fordert die GEW ein Mindesthonorar von 30 Euro pro Stunde. Weil Sabina Pfeifle darauf nicht warten will, hat sie eine Entscheidung getroffen: "Integrationskurse mache ich nicht mehr", sagt sie. Für die restlichen (besser bezahlten) Kurse wolle sie sich weiter ordentlich vorbereiten, "sonst langweile ich nur die Teilnehmer".

Nicht alle können sich diese Einstellung leisten: Damit ihr Verdienst für Miete und Essen reicht, unterrichten viele mehr, als ihnen und dem Unterricht guttut. Michaela Rennner fand einen kreativen Weg aus diesem Teufelskreis: Statt Rentenbeiträge zu zahlen, kaufte sie mit finanzieller Unterstützung aus der Familie eine Wohnung, die sie ratenweise abzahlt. "Für mich ist das die beste Versicherung."

*Name geändert.

Jonas Nonnenmann (Jahrgang 1986) arbeitet als freier Journalist in Reutlingen. Zuvor besuchte er die Zeitenspiegel-Reportageschule.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 188 Beiträge
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1. Aber der Wirtschaft...
sappelkopp 18.07.2011
...geht es doch gut, da müssen Sie irgendwie nicht richtig recherchiert haben. Deutschland ist ein Land in dem es immer weniger Menschen immer besser geht und immer mehr Menschen immer schlechter. Herzlichen Glückwunsch an die Politik, ich bin stolz darauf in einem Land zu arbeiten, in dem die Menschen von ihrer Hände Arbeit - respektive von ihrem Kopf - nicht satt werden und auf Sozialleistungen angewiesen sind, die diejenigen aufbringen müssen, die noch Steuern zahlen. Ich frage mich ernsthaft, wie lange das noch so weiter gehen soll, bis die Leute endlich auf die Straße gehen!
2. titelbefreit
xzz 18.07.2011
Na aber Germanistik und Islamwissenschaft haben die Damen doch nicht studiert, um damit mal viel Geld zu verdienen. Haben die sich jahrzehntelang ihren Illusionen hingegeben?
3. -
BarackAttack 18.07.2011
Zitat von sappelkoppIch frage mich ernsthaft, wie lange das noch so weiter gehen soll, bis die Leute endlich auf die Straße gehen!
Oder aus dem Land! :-) Das gilt besonders für Fachkräfte, die sich nicht genötigt sehen müssen, im Land zu bleiben, vor allem Ingenieure und Informatiker. Und Deutsche (Jung)unternehmer fühlen sich ja schon längst in der Schweiz und anderen Ländern wohler.
4. Wollen Sie mich auf die Straße schicken?
caecilia_metella 18.07.2011
Zitat von sappelkopp...geht es doch gut, da müssen Sie irgendwie nicht richtig recherchiert haben. Deutschland ist ein Land in dem es immer weniger Menschen immer besser geht und immer mehr Menschen immer schlechter. Herzlichen Glückwunsch an die Politik, ich bin stolz darauf in einem Land zu arbeiten, in dem die Menschen von ihrer Hände Arbeit - respektive von ihrem Kopf - nicht satt werden und auf Sozialleistungen angewiesen sind, die diejenigen aufbringen müssen, die noch Steuern zahlen. Ich frage mich ernsthaft, wie lange das noch so weiter gehen soll, bis die Leute endlich auf die Straße gehen!
Wissen Sie was? Ich habe es hier viel bequemer. Gehen Sie doch selbst. Und vergessen Sie Ihr Klavier nicht. Für nichts zahlen die Leute, die Ihnen zuhören sollen, rein gar nichts. Aber auch mit etwas kann es Ihnen passieren, daß Sie irgendwie als lästig empfunden und verscheucht werden. Sie sollten sich also einen festen Platz in der Fußgängerzone mieten.
5. Die Rentenversicherung
Meta 18.07.2011
Die Rentenversicherung ist Schuld. Aha. Interessanter Ansatz. Ich hätte ja auf die allgemeine Lohn- und Preisdrückerei getippt.
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