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Arztromane Obacht, der Onkel Doktor erzählt was

Auch eine Art Ratgeber: Schauermärchen aus dem Klinikalltag Zur Großansicht
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Auch eine Art Ratgeber: Schauermärchen aus dem Klinikalltag

Ob Notarzt, Assistenzarzt oder Gynäkologin: Ärzte haben immer was zu erzählen - über Tod, Leben und den Klinikalltag dazwischen. Wir haben uns drei neue Medizinerbücher angeschaut. Und einen Arztroman aus dem Supermarktregal. Wenn Ihnen beim Lesen nicht übel wird, taugen Sie für den Job.

Der Assistenzarzt: Florian Teegs "Von Bluterguss bis Exitus"

Anamnese:
Junger Assistenzarzt tritt seine erste Stelle in der Klinik an - auf der Station für Innere Medizin. Es ist eine Geschichte über erste Male: der erste Patient, die erste Nachtschicht und der erste Notfall, das erste Mal Buckeln vor dem Oberarzt, die erste medizinische Kuriosität, die erste Reanimation. Und natürlich: der erste tote Patient. Man schaut dem Knilch in Weiß beim Scheitern und beim Lernen zu. Immer nach dem Motto: "Ubi pus, ibi evacua", wo Eiter ist, muss man reinschneiden.

Kinderkrankheiten:
Natürlich gibt es auch eine Liebesgeschichte zwischen dem Assistenzarzt und einer der Schwestern. War ja klar. Und so überflüssig. Das Problem aller medizinischen Texte ist auch hier unübersehbar: Wer kein Mediziner ist, kapiert nur die Hälfte und muss daher alle zwei Sätze ein Gerät, eine Krankheit, eine Medikamentenwirkung erklärt bekommen. Oder wer weiß, was eine Ösophagenvarizenblutung ist? Eben.

Der Arzt, äh Autor:
Florian Teeg ist seit neun Jahren Arzt, Fachgebiet Innere Medizin, und schreibt über seine eigene Anfangszeit. Netterweise hat man auf keiner Seite das Gefühl, hier glaube einer an Halbgötter in Weiß. Stattdessen Ärzte, die von ihren Patienten genervt sind, selbst keine Ahnung haben und der ökonomischen Regel gehorchen: "Fallzahlen rauf, Liegedauer runter!"

Die Nebenwirkung:
Chronische Anhedonie. Sprich: die eintretende Unlust, noch einen Fall en détail geschildert zu bekommen. Meine Güte, der Leser ist doch nicht der Chefarzt, der bei der Morgenvisite eine ausführliche Patientengeschichte erwartet!

Diagnose:
Das Positive: Der Tonfall klingt weniger nach Ratgeber als nach Roman. Das macht's für Nichtmediziner erquicklicher, und man kann so tun, als lese man irgendeinen Lala-Unterhaltungsroman. Aber es ist und bleibt eben auch nur ein weiteres Exemplar in der Reihe beruflicher Initiationstexte. Kann man, muss man aber nicht lesen.

Buchtipp

Die Gynäkologin: Josephine Chaos' "Dann press doch selber, Frau Dokta!"

Anamnese:
Eine Gynäkologin, die ungeplant schwanger wird. Und das zum vierten Mal. Ja, ein echter Knaller unter den Ärztewitzen. Genau das ist die laut Buch autobiografische Ausgangssituation der Geschichte. Aufgebaut nach Schwangerschaftsmonaten zieht sich der Klinikalltag zwischen Presswehen und Nachtschichten, Hysterektomien und nervigen Assistenzärzten so hin.

Kinderkrankheiten:
Das Ganze ist sprachlich ein bisschen zu sehr auf Klamauk gebürstet - auf das ständige "ächt jetzt?" hat man schon noch einer Seite keine Lust mehr. Siehe auch das "Frau Dokta" auf dem Buchtitel. Alle tragen überkandidelt klingende Spitznamen, ein Assistenzarzt heißt etwa Dr. Multisozialversagen, und das ist leider schon der lustigste. Ansonsten gibt's natürlich auch jede Menge erwartbare Klischees, etwa "gestandene Mannsbilder, die heulend vor Glück ihr Erstgeborenes im Arm halten".

Die Ärztin, äh Autorin:
Natürlich ist "Dr. Josephine Chaos" nur ein Pseudonym. Die Frauenärztin gibt es aber wirklich, an einer "mittelgroßen Klinik irgendwo in Deutschland", so die Verlagsnotiz. Ob man von ihr behandelt und entbunden werden will, ist Geschmackssache, aber es entsteht der Eindruck, dass man diesen Job nur mit einer hemdsärmeligen Attitüde machen kann. Angefangen hat übrigens alles mit einem Blog.

Die Nebenwirkung:
Das Buch taugt leider nicht nur für potentielle Medizinstudenten: Um richtig in Leselaune für all diese Entbindungsgeschichten zu sein, muss man wahrscheinlich schwanger sein. Ehrlich, es gibt auch ein Zuviel an Glückshormonen.

Diagnose:
Wer wissen will, ob ihm oder ihr das Fachgebiet Gynäkologie liegt, wird das hier auf alle Fälle schnell rausfinden: Dichter dran an Dammnähte und tiefer in Gebärmuttern kommt man nur auf Station selbst. Für alle Männer, die keine Karriere als Frauenarzt im Visier haben, ist jedoch vielleicht etwas zu viel von Vaginalabstrichen die Rede. Auf alle Fälle sehr praxisnah. Dennoch: Neun Monate können ganz schön lang sein.

Buchtipp

Der Notarzt: Friedrich Frohlaubers "Mit dem Blaulicht auf dem Kopf"

Anamnese:
Ein altgedienter Notarzt erzählt hier aus 40 Jahren Blaulichterfahrung. Ein Notfalleinsatz nach dem anderen wird hier durchgekaut, von Autounfällen über Wespenstichallergien bis hin zu Schlaganfällen. Und immer so gründlich, als sei es ein Lehrbuch für Medizinstudenten.

Kinderkrankheiten:
Die Probleme kann man schlecht dem Autor anhängen: Er ist ja von Beruf Mediziner, nicht Autor. Aber die spröde Sprache und die hölzernen Wiederholungen hätte das Lektorat problemlos ausmerzen können. Stattdessen gibt es in einem Fort Notfälle an lauen Sommerabenden und Sätze wie: "Über einen derartigen Einsatz möchte ich nachstehend gerne berichten."

Der Arzt, äh Autor:
Friedrich Frohlauber ist ein Arzt der alten Schule. Eine Seniorität seiner Zunft, der schon Notarzteinsätze fuhr, bevor es sie offiziell gab. Das allein macht schon den Charme des Sachbuchs aus. Da weiß einfach einer, wovon er erzählt, er hat alles gesehen, ihn schockt nichts mehr. Das tut gut.

Die Nebenwirkung:
Letztlich dient die Sammlung von Notfällen auch als praktisches Handbuch für zu Hause. Denn dank der kleinteiligen Beschreibung von Krankheitsbildern und Symptomen weiß man wenigstens, was zu tun ist, wenn tatsächlich mal einer anfängt zu röcheln. Und wenn es nur ist, dass man endlich korrekt die Ambulanz rufen kann.

Diagnose:
Wer nicht zum Arzt taugt, merkt es sehr schnell - an der aufsteigenden Übelkeit beim Lesen. Etwa wenn sich wieder mal eine dicke Stahlstange durch den Unterkiefer in den Kopf eines Unfallopfers gebohrt hat. Alle, die das super finden: Nur zu, Sie sind offenbar auf dem richtigen Weg - auf zum Notarztwagen!

Buchtipp

Der Arztroman-Arzt: Patricia Vandenbergs "Dr. Laurin"

Anamnese:
Doktor Laurin ist Chefarzt, gleich zwei neue Ärzte treten in diesem Teil des Fortsetzungsromans ihren Dienst an, ein Gynäkologe und ein schwermütiger Hirnchirurg. Der eine hatte mal was mit einer Patientin, die mittlerweile einen anderen "charmanten" Mann geheiratet hat. Kabale und Liebe in der Klinik, eben das, was man von Arztromanen erwartet.

Kinderkrankheiten:
Es liegt in der Natur von Fortsetzungsromanen: Schon auf Seite vier hat man den Faden verloren vor lauter Arzt- und Schwesternnamen. Aber wer wer ist, ist letztlich eh wurscht. Und die Sätze zwischen den Namen reißen es auch nicht raus: "Es wurde ein hartes Ringen mit dem Tode, der im Raum schwebte." Ja, da möchte man gleich mit sterben.

Die Ärztin, äh Autorin:
Patricia Vandenberg ist ausnahmsweise keine Ärztin - und die Frau, die unter diesem Namen Arztromanheftchen um Arztromanheftchen vollschreibt, ist auch nicht die erste, die das macht: Sie hat Job und Namen von der Vorgängerin geerbt. Das merkt man den Texten natürlich auch an, egal ob Doktor Laurin oder Doktor Norden der Titelheld ist. Übrigens gibt es einen sagenhaften Dienst am Leser: eine Online-Sprechstunde für Problempatienten.

Die Nebenwirkung:
Man hat mal wieder etwas auf der persönlichen Peinlichkeitsliste abgehakt: Mit einem Arztroman im Supermarkt in der Kassenschlange stehen rangiert definitiv sehr weit oben.

Diagnose:
Eben weil hier keine Ärztin schreibt, gibt es wenigstens keine Verständnisprobleme. Aber dafür ist es chronisch unterkomplex. Es wird seufzend in Sofas geplumpst, mit glasigen Augen gestarrt, und Ozelotjäckchen werden über Schultern geworfen. Wer tatsächlich denkt, er würde hier etwas über den Job eines Arztes lernen, meint wohl auch, alle Ärzte sehen aus wie Sascha Hehn. Diese Dinger taugen nicht mal als Lektüre bei einem längeren Krankenhausaufenthalt, wenn alles andere schon leergelesen ist. Dann lieber Risse an der Decke zählen.

Das Heft
  • Patricia Vandenberg:
    Dr. Laurin
    Der Arzt, der wieder Hoffnung gibt.

    Heft Nr. 16: Tina - wer hat dir das angetan?

    Kelter Verlag; broschiert; 128 Seiten; 2,50 Euro.

  • KarriereSPIEGEL-Autorin Anne Haeming (Jahrgang 1978) ist freie Journalistin in Berlin.

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insgesamt 5 Beiträge
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    Seite 1    
1. .
hintensitzer 27.03.2013
Das Ding heißt Ösophagusvarizenblutung, dann wird ein Schuh, bzw. in diesem Fall eine Speiseröhre draus.
2. Roman vergessen ?
Frau Heise 27.03.2013
Es gibt auch einen Roman, in dem die Ärtze nicht unbedingt als Helden dargestellt werden. Krankenpfleger haben auch was zu erzählen. inderflucht.blogspot.de
3.
Schubiduah 27.03.2013
Ich empfehle dieses Buch. Auch für Nichtmediziner passend, zynisch, interessant und Varizenblutungen kapiert man auch irgendwann ...
4. Arztgeschichten
badpritt 27.03.2013
von Michail Bulgakov, autobiographisch und zeitlos aktuell. Wer wissen will wie man sich als Arzt fühlt und sich entwickelt, ist hier genau richtig. War auch die Keimzelle der "narrative-based medicine". 8€, Sammlung Luchterhand
5. Klassiker
bc86 27.03.2013
Der einzig wahre Arztroman ist immernoch Samuel Shems "House of God". Wortschöpfungen wie "Gomer" oder "neurochirurgische Fallhöhe" gehören inzwischen zur Alltagssprache unter Medizinern.
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