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29. November 2011, 14:47 Uhr

Attraktivität im Beruf

"Schönheit zahlt sich buchstäblich aus"

Wer blendend aussieht, hat's im Beruf viel leichter und macht schneller Karriere, behauptet US-Wirtschaftsforscher Daniel Hamermesh. Im Interview erklärt er, wieso hübsche Menschen auch mehr verdienen - und warum weniger attraktive Kollegen es mit einer Klage versuchen könnten.

SPIEGEL ONLINE: Herr Hamermesh, besonders hübsche Menschen verpassen häufiger Meetings oder kommen zu spät zur Arbeit - stimmt's?

Hamermesh: Dazu habe ich noch nie eine Studie gelesen. Meine Intuition würde sagen: ja. Wenn Sie eine begehrenswerte Eigenschaft wie Schönheit besitzen, tendieren Sie womöglich dazu, in Sachen Pünktlichkeit etwas nachlässiger zu sein.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch "Beauty Pays" zeigen Sie anhand von Studien, dass Attraktivität klare Vorteile auf dem Arbeitsmarkt mit sich bringt. Kann man Schönheit überhaupt definieren?

Hamermesh: Schönheit ist in gewisser Hinsicht wie Pornografie: Man kann sie nicht beschreiben, aber man erkennt sie, wenn man sie sieht. Und obwohl Schönheit natürlich im Auge des Betrachters liegt, neigen die Menschen dazu, das Aussehen anderer sehr ähnlich zu bewerten. Wenn Sie jemanden für sehr attraktiv oder wirklich hässlich halten, ist es ziemlich wahrscheinlich, dass die meisten Menschen das ähnlich sehen. Studien belegen, dass auf einer Skala von eins bis fünf die Eins und die Fünf überaus konsensfähig sind.

SPIEGEL ONLINE: Lässt sich in Zahlen ausdrücken, wie groß der berufliche Vorteil ist, den hübschere Menschen gegenüber weniger attraktiven Kollegen haben?

Hamermesh: Eine aktuelle Studie für Deutschland zeigt, dass diejenigen, die äußerlich zum oberen Drittel gezählt werden, etwa zehn Prozent mehr verdienen als die, die von ihrer Attraktivität her zu den unteren zehn Prozent gehören. Rechnet man damit, dass der deutsche Durchschnittsangestellte in seinem Leben 40 Jahre arbeitet und 30.000 Euro pro Jahr verdient, bedeutet dies eine Differenz von insgesamt 120.000 Euro - kein astronomischer Unterschied, aber sicher auch kein geringer. Schönheit zahlt sich also buchstäblich aus.

SPIEGEL ONLINE: Und wie ist das zu erklären?

Hamermesh: Es ist ganz einfach: Angestellte bevorzugen gutaussehende Kollegen, und Arbeitgeber bevorzugen gutaussehende Angestellte. Vor allem bevorzugen wir alle es, mit hübschen Menschen Geschäfte zu machen, ihnen etwas zu glauben oder abzukaufen. Entsprechend spielt Schönheit auch in Branchen eine Rolle, wo sie eigentlich gar keine Rolle spielen sollte - im Einzelhandel, in der Politik oder wie in meinem Fall in der Universitätslehre.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben in Yale studiert und unter anderem in Princeton gelehrt, also eine akademische Vorzeigekarriere hingelegt. Welche Rolle hat Ihr Aussehen dabei gespielt?

Hamermesh: Ich bilde mir ein, dass mein Aussehen meinen beruflichen Erfolg nicht beeinflusst hat, wobei ich weiß, dass das nicht ganz stimmt. Wäre ich unglaublich schön, hätte ich wahrscheinlich bessere Evaluierungen von meinen Studenten bekommen und dadurch noch mehr Möglichkeiten als Dozent erhalten. Wäre ich extrem hässlich, hätte ich sicher schlechter abgeschnitten. Auch in Deutschland haben Studien gezeigt, dass hübschere Professoren besser bewertet werden.

SPIEGEL ONLINE: Für die Berufswelt beschreiben Sie Attraktivität als ökonomischen Faktor…

Hamermesh: Ja, solange sich Leute bewusst oder unbewusst darauf einigen können, wer gut aussieht, ist Schönheit ein kostbares Gut. Und dieses Gut wird auf dem Arbeitsmarkt mit einem Extra an Lohn honoriert.

SPIEGEL ONLINE: Müssten Arbeitgeber nicht umgekehrt verstärkt auf hässliche Entlein setzen, weil die gezwungen sind, ihren oberflächlichen Makel durch Leistung zu kompensieren?

Hamermesh: Natürlich ist es so, dass attraktive Arbeitnehmer sich eher auf ihrer Schönheit ausruhen können, während die anderen versuchen müssen, ihren Mangel an Schönheit durch andere Qualitäten wie Intelligenz und Fleiß wettzumachen. Geht man aber davon aus, dass alle gleich klug und engagiert sind, so versprechen hübschere Angestellte dem Arbeitgeber in den meisten Fällen tatsächlich mehr Gewinn.

SPIEGEL ONLINE: Dem Klischee zufolge sind Äußerlichkeiten bei Frauen wichtiger für den beruflichen Erfolg als bei Männern. Die Zahlen in Ihrem Buch machen jedoch deutlich, dass es eher umgekehrt ist. Warum?

Hamermesh: Das ist darauf zurückzuführen, dass Männer in der Regel arbeiten - und zwar egal wie sie aussehen. Wären Sie ein hässlicher Mann, würden Sie die damit verbundenen Einkommensnachteile in Kauf nehmen und trotzdem einen Beruf ausüben. Weiß eine Frau dagegen, dass sie aufgrund optischer Makel schlechter verdienen wird, so wird sie eher zu Hause bleiben und sich somit auch dieser Statistik entziehen. In den USA belegen Studien ganz klar: Gutaussehende Frauen sind wesentlich häufiger berufstätig als weniger gutaussehende. Bei den Männern gibt es dagegen kaum Unterschiede.

SPIEGEL ONLINE: In den USA haben Sie mit Ihrem Buch eine ganz neue Diskussion um berufliche Chancengleichheit angestoßen. Dabei fordern Sie so etwas wie einen Diskriminierungsschutz für Arbeitnehmer, die in optischer Hinsicht von der Natur benachteiligt wurden.

Hamermesh: Der Staat könnte hässliche Menschen in genau der Weise schützen, wie er es auch bei Behinderten macht. Wenn eine Gruppe unattraktiver Menschen nachweisen kann, dass ihr Arbeitgeber hübschere Kollegen konsequent bevorzugt, müssten sie deswegen vor Gericht ziehen können - genau wie es Behinderte oder ethnische Minderheiten auch tun. Zwar gesteht sich wohl niemand gern selbst ein, besonders hässlich zu sein. Aber die zu erwartenden Gehaltsunterschiede dürften vielleicht dabei helfen.

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