Maren Wendt, 33, löscht jedes Jahr die Festplatten von 300 Menschen. Ihre Fotos und Powerpoint-Präsentationen, Lebensläufe und Briefe, Filme und Musik. Sie weiß nicht, ob es Kopien der Daten gibt. Alles, was für sie zählt, ist die Zeit, die sie braucht, um das Betriebssystem zu entfernen. Je länger, desto niedriger ist ihr Stundenlohn. Laptops mit asiatischen oder arabischen Schriftzeichen auf der Tastatur sind ihr ein Graus: schwer zu löschen, mühsam zu versteigern.
Maren Wendt arbeitet zusammen mit ihrer Mutter Birgit und ihrer Schwester Meike Nahli im familieneigenen Auktionshaus. Die Wendts haben sich auf Fundsachen spezialisiert. Sie versteigern alles, was am Frankfurter Flughafen liegenbleibt oder nach langen Flügen dort strandet: Koffer und Taschen, Hockeyschläger, Rollstühle und Skier, Wäscheständer, Laptops, Fahrräder. Sogar ein Katamaran, ein Kontrabass und eine Turbinenabdeckung waren schon mal dabei. "Es gibt nichts, was die Leute nicht verlieren würden", sagt Wendt. "Und nichts, was sie nicht kaufen würden."
Eine Sporthalle in Darmstadt: Auf der Bühne hinter Wendt stapeln sich Gepäckstücke aller Größen und Farben, 500 bis 600, genau weiß sie es nicht. In den Umzugswagen haben sie so viel gepackt, wie hineinging.
20 Lastwagen voller Fundstücke bekommen die Wendts jedes Jahr von den Fluglinien der Star Alliance. "Wenn man bedenkt, wie viele Menschen fliegen, ist das erstaunlich wenig", sagt Meike Nahli, 30. Bei fünf Millionen transportierten Gepäckstücken pro Monat gingen im Schnitt 500 Koffer und Taschen verloren - also nur 0,01 Prozent.
"Die meisten wachsen da so rein"
Hat sich nach drei Monaten immer noch kein Besitzer gemeldet, holen die Wendts die Koffer ab. Aus einem Zwischenlager werden sie zusammen mit den Einzelfundstücken zu Mehrzweckhallen, Bürgerhäusern und Einkaufszentren im ganzen Land gekarrt. Fast jeden Monat schwingt Meike Nahli den kleinen Hammer, den ihr Vater selbst gedrechselt hat.
Heinz-Dieter Wendt hat das Auktionshaus vor 30 Jahren gegründet. Als er vor zwei Jahren in Rente ging, war Meike schon öffentlich bestellte und vereidigte Auktionatorin - sonst dürfte sie keine Fundstücke versteigern.
Das verlorene Gepäck gehört rechtlich gesehen weder dem Auktionshaus noch der Fluglinie. "Wenn die Rechte Dritter verletzt werden könnten, besteht eine besondere Sorgfaltspflicht", erklärt Ulf Lorenz vom Bundesverband deutscher Auktionatoren. Deshalb dürften auch Gegenstände aus Pfandhäusern und Insolvenzverfahren nur von einem öffentlich bestellten Auktionator versteigert werden.
Die Sachen vom eigenen Dachboden dagegen darf jeder meistbietend verhökern, der sein Gewerbe ordnungsgemäß angemeldet hat. Auktionator ist kein Lehrberuf, "die meisten wachsen da so rein", sagt Lorenz. Er schätzt, dass es in Deutschland rund 400 Auktionatoren gibt. Öffentlich bestellt werden können Versteigerer erst, wenn sie mehrere Jahre Berufserfahrung gesammelt haben und nachweisen, dass sie sich auf ihrem Gebiet besonders gut auskennen, also etwa den Wert von Schmuck oder Kunstwerken genau schätzen können.
Die genauen Regelungen unterscheiden sich von Bundesland zu Bundesland. Teils ist die Industrie- und Handelskammer (IHK) zuständig, teils das Wirtschaftsministerium. In der Regel wird eine Prüfung bei der IHK in Bonn verlangt; Meike Nahli musste nur einen Antrag ausfüllen und eine Gebühr bezahlen.
Eigene Nummern für Stammkunden
Ihre Schwester Maren hat keine Bestellungsurkunde, sie sucht bei der Auktion aus, was als nächstes unter den Hammer soll. "Die Reihenfolge ist wichtig, wenn man sie schlecht wählt, kann man alles zerstören", sagt Meike Nahli.
Wer mitsteigern will, muss sich vor der Auktion ein Schildchen mit einer Nummer abholen, kostenlos, nur eine Adresse muss man angeben. 500 Nummern hat Maren Wendt zu vergeben, 50 sind Stammkunden zugeordnet. Ein Mann mit graumeliertem Haar lässt sich einen Computer reichen und schreibt sich die Seriennummer auf. Wozu, will er nicht verraten. Früher habe er immer Kameras ersteigert, nun kaufe er Laptops, weiß Maren Wendt. Der Mann ist Stammkunde, die Bieternummer 70 ist für ihn reserviert.
Chris braucht keine Nummer mehr. Wenn er bieten will, hebt er einfach den Arm. Der ehemalige Jurastudent ist "Powerseller" bei Ebay, seit Jahren verdient er seinen Lebensunterhalt mit dem Ersteigern und Versteigern von Kameras, Ladekabeln, Elektronik-Krempel aller Art. Bei den Wendt-Auktionen ist er fast immer dabei.
"Ich hab' schon genug dreckige Wäsche gesehen"
Auch Maren Wendt verbringt viel Zeit auf Ebay - zur Recherche. Für jedes Fundstück muss sie ein Mindestgebot festlegen und notiert es zusammen mit einer Nummer auf einem Klebestreifen. Nur die Koffer rührt sie nicht an. "Wenn wir die öffnen, quillt alles raus, und wir kriegen sie nicht mehr zu", sagt sie, "da verzichte ich gern drauf. Ich hab' auch schon genug dreckige Wäsche gesehen."
Die Koffer gehen als Überraschungspakete weg, Mindestgebot 40 Euro. Für den ersten, einen schwarzen Samsonite, Hartschale mit Rollen, gehen Dutzende Arme hoch. "50 Euro... 55... 50 da hinten... 65... 70 Euro... 70 Euro, niemand mehr?", ruft Meike Nahli durch die Halle. Bei 150 Euro hat nur noch eine Frau ihr Schildchen oben, Bieter Nummer 108. Herzlichen Glückwunsch!
Insgesamt muss sie 182,13 Euro zahlen, bar. Auf jedes erfolgreiche Gebot kommen 18 Prozent Aufschlag fürs Auktionshaus plus 3,42 Prozent Mehrwertsteuer. 150 Euro gehen an die Fluglinie, 27 Euro direkt an Familie Wendt, der Rest an den Staat.
Für jede Auktion engagiert Familie Wendt ein halbes Dutzend studentische Helfer. Sie verdienen neun Euro pro Stunde. "Auf diesen Stundenlohn kommen wir nicht", sagt Maren Wendt. Und rechnet vor: Mit Auf- und Abbau dauert eine Versteigerung gut zehn Stunden, plus Anfahrt. Das Gepäck muss transportiert werden, vom Flughafen zum Lager und vom Lager zur Auktion. Dazu kommt: Lager und Mehrzweckhalle mieten, jedes Fundstück begutachten und nummerieren, Speicher von Kameras und Laptops löschen, viele Formulare ausfüllen... "Das ist ein Vollzeitjob".
Koran auf Kassette
Meike und Maren waren schon als Kinder bei Versteigerungen und Haushaltsauflösungen ihres Vaters dabei. Für den eigenen Sohn hat Meike Nahli ein T-Shirt drucken lassen: "Auktionator 2045". "Man wird da hineingeboren und hat keine andere Chance", sagt Maren Wendt und lacht. Eigentlich sei sie ja Designerin und die Schwester Goldschmiedin, aber von den Versteigerungen komme man nicht so leicht los. "Das ist schon mein Traumjob", fügt sie schnell hinzu.
Meike Nahli schafft 100 Teile pro Stunde. Damit es schneller geht, werden viele Einzelstücke zusammen versteigert: 30 Handys für 150 Euro. Niemand will. "100 Euro", ruft ein Mann. "Na gut", sagt Meike Nahli, "100 Euro sind geboten wer bietet mehr... 105... 110...". Und dann ist erst bei 250 Euro Schluss, ein Raunen geht durch den Saal. "Hätte er ja auch billiger haben können", flüstert eine Frau.
Alle 250 Stühle in der Sporthalle sind besetzt, auch an den Wänden stehen Menschen. Ein zerknautschter Kindersessel geht für drei Euro weg, eine leere Tasche, bei der die Fälscher sich erstaunlich wenig Mühe gegeben haben, für 28 Euro. Beim Koran als Kassetten-Hörbuch fehlen einige Tonbänder - "hoffentlich nicht die wichtigen Stellen" - zehn Euro das Höchstgebot.
Selbst für einen verbeulten Reiskocher ohne Deckel und europäischen Stromstecker findet sich ein Bieter: Fünf Euro will er zahlen. "Nee, das ist zu viel", ruft Meike Nahli. Die Zuschauer applaudieren. Der Mann bekommt für drei Euro den Zuschlag. Macht 54 Cent für Familie Wendt.
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