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Ausländische Experten "Wir haben lange signalisiert, dass wir niemanden brauchen"

Seltene Spezies: Raumfahrttechniker beim Mittelständler Kayser-Threde Zur Großansicht
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Seltene Spezies: Raumfahrttechniker beim Mittelständler Kayser-Threde

Schnell einen erfahrenen Raumfahrttechniker einstellen? Die sind in Deutschland schwer zu finden. Damit Firmen ausländische Spezialisten leichter gewinnen, will Bundeskanzlerin Merkel zügig die "Vorrangprüfung" einschränken. Noch ist offen, in welchen Branchen diese bürokratische Hürde kippen wird.

Der Münchner Raumfahrtspezialist Kayser-Threde wächst und wächst, doch die Suche nach geeigneten Mitarbeitern wird für Personalchef Gerd Bräunig immer schwieriger. "Wir haben enormen Personalbedarf", berichtet er, "zügig", brauche er neue Leute. Seit rund eineinhalb Jahren wirbt der Mittelständler verstärkt um hochqualifizierte Fachkräfte, besonders Ingenieure und Physiker sind gefragt. In Deutschland findet er davon immer weniger.

Die High-Tech-Firma entwickelt Instrumente für Satelliten, darunter Wettermessgeräte und Navigationstechnik. Die Geschäfte laufen gut, der Jahresumsatz liegt bei 60 Millionen Euro. Allein in den letzten eineinhalb Jahren hat Kayser-Threde seine Belegschaft von 200 auf 280 Mitarbeiter aufgestockt - im Wesentlichen mit Ingenieuren und Physikern. Im kommenden Jahr sollen weitere 70 Fachkräfte hinzukommen.

Allerdings sind unter den Neueinstellungen immer weniger Deutsche: "Wir können unseren Bedarf nur mit Kräften aus dem Ausland decken", sagt Bräunig. Mittlerweile beschäftigt Kayser-Threde Mitarbeiter aus 27 Nationen, etwa aus Schweden, Brasilien, Italien und Russland.

Schreckgespenst Vorrangprüfung

Bislang ist das ein hochbürokratisches Unterfangen. Denn für jede Arbeitskraft aus dem Ausland, die ein Unternehmen anstellen will, muss nachgewiesen werden, dass keinem Bewerber aus Deutschland oder einem anderen EU-Land der Arbeitsplatz weggenommen wird. Diese sogenannte Vorrangprüfung gilt vielen Beobachtern als besonders abschreckend für Fachkräfte im Ausland.

Recht kurzfristig könnte die Bundesregierung nun für Abhilfe sorgen. Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) sagte der Zeitung "Passauer Neuen Presse", man sei sich einig, "dass die komplizierte Vorrangprüfung für Ingenieure sowie für Ärzte abgeschafft wird". Noch am kommenden Mittwoch will die Koalition ein Konzept gegen den Fachkräftemangel beschließen. Bei Medizinern und Ingenieuren gebe es schon heute einen gravierenden Bewerbermangel, sagte Schavan.

Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) sprach sich für eine noch stärkere Lockerung der Zuwanderungsregeln aus. Die Vorrangprüfung solle deshalb nicht nur für einzelne Berufszweige wegfallen, sondern komplett gestrichen werden.

Nur drei von hundert Fällen werden abgelehnt

Der Nutzen der Vorschrift rechtfertige den Aufwand nicht, sagte Bahr der "Leipziger Volkszeitung": "Letztlich werden bei der Vorrangregelung nur drei Prozent der gesamten Fälle abgelehnt - das sagt alles über Aufwand und Effizienz des Systems."

Zusätzlich plant die Koalition die Anerkennung ausländischer Abschlüsse, sagte die Bildungsministerin. So sollen Zuwanderer, die schon in Deutschland leben, stärker an den Arbeitsmarkt herangeführt werden. "Die Anerkennung ausländischer Abschlüsse werden wir gesetzlich erleichtern und damit etwa 300.000 Menschen erreichen."

Beim Wettbewerb um junge Hochqualifizierte hält Schavan eine Absenkung der Gehaltsgrenzen für wünschenswert. In anderen europäischen Ländern müssten Fachkräfte ein geringeres Jahresgehalt als in Deutschland vorweisen, um einwandern zu dürfen, betonte Schavan. Hier gebe es innerhalb der Koalition aber noch keine Einigung.

Offene Arme statt geschlossener Arbeitsmärkte

Laut der German Scholars Organization (GSO), in der sich im Ausland arbeitende Wissenschaftler zusammengeschlossen haben, braucht Deutschland eine "bessere Willkommenskultur". Deutschland müsse fremde Fachkräfte mit offenen Armen aufnehmen und sich zugleich sehr viel stärker um die eigenen Hochqualifizierten bemühen, erklärte der GSO-Vorsitzende Eicke Weber.

Die Bundesregierung geht davon aus, dass die Zahl der Erwerbspersonen, also der Menschen, die arbeiten können, bis 2025 um 6,5 Millionen sinkt. Das Kabinett befasst sich am Mittwochmorgen mit einem Konzept zur Fachkräftesicherung. Dabei geht es nach Informationen von Nachrichtenagenturen auch um eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, um ältere Arbeitnehmer, die Wiedereingliederung von Arbeitslosen, Bildungschancen sowie die Aus- und Weiterbildung.

Auch bei Kayser-Threde greift man seit einiger Zeit verstärkt auf ältere Fachkräfte zurück. Manche seien erst mit 59 Jahren in den Betrieb gekommen, sagt Personalchef Bräunig. "Früher wollte man die aus den Betrieben raushaben, heute ist das kein Thema mehr."

Dringend gesucht: 40.000 Ingenieure

Inzwischen sind geeignete Fachkräfte in Deutschland Mangelware. Nach Angaben des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung fehlten Ende 2010 bundesweit mehr als 40.000 Ingenieure. Allein beim Elektrokonzern Siemens gibt es derzeit 4000 offene Stellen, der Großteil davon bei Ingenieuren, Naturwissenschaftlern und Informatikern.

Entsprechend schwierig ist die Suche für einen Mittelständler wie Kayser-Threde. "Unsere Branche ist sehr klein, da gibt es keine Ingenieure wie Sand am Meer", sagt Bräunig. "Die Firmen reißen sich um die Fachkräfte, und es bekommt sie derjenige, der am meisten bezahlt und die besten Karrierechancen eröffnet." Meistens gelinge das eher der Großindustrie.

Der Kampf um die Spezialisten könnte sich in den kommenden Jahren weiter verschärfen: "Ich befürchte, dass der Mangel an Fachkräften erst noch richtig kommt." Deshalb müssten die Arbeitserlaubnisse für nicht-europäische Fachkräfte gelockert werden. "Ansonsten werden wir Aufträge an ausländische Konkurrenten abgeben müssen."

Ursula von der Leyen dämpft die Erwartungen

Deshalb setzt sich Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen für Erleichterungen bei der Zuwanderung ein: "Wir wollen, dass die Unternehmen im Inland und im Ausland gleichzeitig gucken können, um die leerstehenden Stellen zu besetzen." Zugleich dämpfte sie die Erwartungen. Voraussichtlich würden nicht viele ausländische Fachkräfte kommen, "denn Deutschland hat lange signalisiert, dass wir niemanden brauchen".

Fragt man die Opposition, werden die Pläne das Problem nicht beheben. Der SPD-Bildungspolitiker Swen Schulz bezeichnet die Debatte als einseitig und fordert die Regierung auf, für mehr Chancengleichheit im Bildungssystem und mehr Aufstiegsmöglichkeiten zu sorgen. Die Linke-Politikerin Sevim Dagdelen wirft der Bundesregierung vor, Migranten als Arbeitsmarktpuffer zu missbrauchen.

Grünen-Fraktionschefin Renate Künast spricht von Stückwerk: "Es muss mehr für die Qualifizierung und Aktivierung von Arbeitslosen in Deutschland getan werden. Gleichzeitig müssen die Chancen der Integration genutzt werden." Sie plädiert für eine konkrete Absenkung der Einkommensschwelle auf 40.000 Euro.

Bundeskanzlerin Angela Merkel allerdings hatte am Montag in der Debatte auf die Bremse gedrückt. Die CDU-Vorsitzende forderte die Wirtschaft auf, die nötigen Mitarbeiter vorrangig in Deutschland zu suchen. Die Firmen sollten sich intensiver um ältere Arbeitnehmer, Migranten und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie kümmern.

Am Mittwochnachmittag treffen sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und zahlreiche Minister unter anderem mit DGB-Chef Michael Sommer und Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt in Meseberg, um über das Thema zu sprechen.

dpa/afp/ap/mamk

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