ThemaWetterRSS

Alle Artikel und Hintergründe


  • Drucken
  • Senden
  • Nutzungsrechte
 

Schirmmacher Die sind noch ganz dicht

Alte Berufe: Schirm auf! Fotos
DPA

Regen bringt Segen: Der Herbst ist für Schirmmacher Willy Schüffler Hochsaison. In seiner Essener Manufaktur baut er neue Edelschirme und repariert alte Stücke. Ein guter Schirm halte ein Leben lang, sagt er. Doch seine Zunft ist eine aussterbende Spezies, Meister werden nicht mehr ausgebildet.

Willy Schüffler mag den Herbst. "Regen ist für mich die beste Werbung", sagt der Schirmmachermeister. Der große Mann mit dem schütteren Haar betreibt im Essener Stadtteil Heisingen eine der letzten Schirmmanufakturen Deutschlands - und gehört damit zu einer aussterbenden Zunft.

In Zeiten von chinesischer Massenware versteht der Essener seine Arbeit auch als Beitrag zur Ehrenrettung eines 4000 Jahre alten Kulturprodukts. Als sein Vater das Geschäft 1920 aufzog, galt der Schirm den feinen Leuten noch als wichtiges Prestigeobjekt. "Er musste schmücken und die wertvolle Kleidung der betuchten Gesellschaft vor Regen schützen."

Heute ist der Schirm längst zur schnell ersetzbaren Billigware geworden: Fast jeder Schirm, der in Deutschland über den Ladentisch von Discountern und Drogeriemärkten gehe, lande nach wenigen Monaten auf dem Müll, meint Schüffler. Der Handwerksmeister setzt auf Nachhaltigkeit. "Ein guter Schirm hält ein Leben lang." Geht etwas kaputt, repariert er es eigenhändig.

Fotostrecke

3  Bilder
Vom Aussterben bedrohter Traumjob: Wir lernen trotzdem ein Handwerk
Seine Finger streichen über den gemusterten Schirmstoff, den er gerade millimetergenau zugeschnitten hat - jeder Webfehler im Stoff wird aufgespürt, das Stück aussortiert. Zuweilen greift er zu richtig edlem Material. Elfenbein und Silber habe er schon für besonders luxuriöse Schirmgriffe verarbeitet. Besonders stabile Schirme werden mit einem Gestell aus Karbonfasern und Fiberglas ausgestattet. Das hat dann aber auch seinen Preis - nach oben offen.

Beim Säumen und Nähen der Stoffzuschnitte hilft Jennifer Kossuch. Die gelernte Damenschneiderin und heutige Schirmnäherin hat, seit sie für Schüffler an der Nähmaschine sitzt, ein neues Verhältnis zum Gebrauchsgegenstand: "Jeder Schirm ist eine Persönlichkeit. Menschen, für die ich mal einen Schirm gemacht habe, erkenne ich auf der Straße", sagt sie stolz und zurrt mit Nadel und Faden eine kleine Metallspitze an der Speiche eines Kundenschirms fest.

Neue Meister gibt es nicht

Was in Schüfflers Kellerwerkstatt lagert, ist ein kleiner Schatz: In unzähligen Kistchen und Gläsern warten winzige Schrauben, Federn und andere kleinste Ersatzteile darauf, eines Tages für eine Reparatur gebraucht zu werden. "Ich habe einfach Freude an dem Edlen und Schönen", sagt Schüffler und präsentiert Schirmgriffe aus glänzend geschliffenem Kastanien-Hartholz. "So ein Griff altert nicht", schwärmt er.

Willy Schüffler gehört zu den Letzten seiner Art. Aus Leidenschaft will der 64-Jährige so lange weitermachen, wie es geht. Meister werden in dieser Zunft nicht mehr ausgebildet. Natürlich mache es traurig zu wissen, dass man nur noch ein Nischengeschäft betreibe, sagt er.

Fast trotzig fügt er hinzu: "Auch wenn unser Handwerk auszusterben droht, haben wir weiter Ideen und können gestalten." Mit Schwung öffnet er einen bunt bedruckten Schirm. Einst habe die Firma Schüffler in der Nachkriegszeit die ersten eckigen Schirme entworfen - heute sind aufgedruckte Fotomotive nach Kundenwunsch der neueste Schrei.

Florentine Dame/dpa/hae

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 13 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Elfenbein?!?!
perspective 11.11.2012
"Elfenbein und Silber habe er schon für besonders luxuriöse Schirmgriffe verarbeitet." -- ernsthaft? Er hat Jumbo getötet? Ernsthaft, interessanter Beruf und ich hoffe das er nicht verschwindet (à la http://eu.art.com/products/p15063685487-sa-i6856927/posters.htm ), aber Elfenbein?
2. Jeder ein Unikat!
prieten 11.11.2012
Heute gibt es nur noch Sparwahn. Ich würde gerne einen solchen Regenschirm haben. Es muss aber GPS Chip haben da ich meine Regenschirme immer verliere.
3. Schirme mit kleinen scharfen Spitzen
Orphelin 11.11.2012
rundum, die ständig und überall auf den Gehwegen (besonders leider unter überdachten Balustraden von Geschäften) genau in Augenhöhe zum jederzeit möglichen Stich bereitgehalten werden - gehören schlicht und einfach verboten!
4.
boeseHelene 11.11.2012
Zitat von sysopDPARegen bringt Segen: Der Herbst ist für Schirmmacher Willy Schüffler Hochsaison. In seiner Essener Manufaktur baut er neue Edelschirme und repariert alte Stücke. Ein guter Schirm halte ein Leben, sagt er. Doch seine Zunft ist eine aussterbende Spezies, Meister werden nicht mehr ausgebildet. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/aussterbende-berufe-schirmmacher-a-865012.html
schade, dass ein solcher Beruf ausstirbt, ich ärgere mich inzwischen über die billig Schirme, mein Versuch mir einen teuren Schirm von einer bekannten Marke mit K zu kaufen endete mit Frust, da war nämlich nach einem halbem Jahr die Automatik kaputt und ein neuer musste her.
5.
sophistocat 12.11.2012
Zitat von prietenHeute gibt es nur noch Sparwahn. Ich würde gerne einen solchen Regenschirm haben. Es muss aber GPS Chip haben da ich meine Regenschirme immer verliere.
Der Gedanke kam mir auch beim Lesen des Artikels. Ich verliere Schirme immer! Ich vergesse sie im Kaufhaus, in der Straßenbahn, im Zoo - wenn ich Glück habe, wenn ich Pech habe, an einem Ort, auf den ich mich gar nicht mehr besinnen kann. Ich habe deshalb seit 15 Jahren keinen Schirm mehr. Ich trage statt dessen Hut. Hält wenigstens den Kopf trocken und obendrein noch warm, zumindest dann, wenn es ein Hut aus gutem Wollfilz ist. Okay. Das erste Mal mit Hut unterwegs ist hart. Jeder glotzt einen an, als wenn man zwei Nasen hätte. Aber beim zweiten Mal gehts. Da wird man immer noch angeglotz, als wenn man zwei Nasen hätte, aber es ist einem scheißegal. Und auch damit fördert man schließlich ein schönes, altes, aber leider austerbendes Gewerbe. Andererseits: Angenommen man hätte so einen richtig schönen Schirm, so ein ganz edles Teil, mit Holzgriff und 8 Speichen anstatt 6 (damit der nicht beim leichtesten Luftzug umklappt), aus einem schönen Stoff, oder einfach in klassischem schwarz oder grau (Variation: Glencheck) - vielleicht vergißt man den dann nicht mehr im Kaufhaus, in der Straßenbahn oder im Zoo?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik KarriereSPIEGEL
RSS
alles aus der Rubrik Berufsleben
RSS
alles zum Thema Wetter
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Verwandte Themen
Fotostrecke
Pionierin im Schmiedehandwerk: Ein halbes Jahrhundert am Amboss

Fotostrecke
Holzflugzeugbauer: Wer wird denn gleich in die Luft gehen?


Social Networks