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Ausstieg eines Top-Bankers Finanzhai jagt jetzt Austern

Finanzhai und Austernfischer: Der alte Mann und das Mehr Fotos
Susanne Manz

2. Teil: "Geld ist wie eine Droge"

Ihm gefiel sein neues Leben mit Eigentumswohnung in Manhattan und Ballett-Abo: "Geld ist wie eine Droge", sagt er. "Es fühlt sich gut an, wenn du eine Million Dollar als Scheck überreicht bekommst. Dann willst du mehr, weil du denkst, du bist so viel besser als jeder andere."

Doch schon bald merkt Osinski, dass er anders ist als seine Kollegen, und das nicht nur, weil er der einzige ist, der mit dem Fahrrad ins Büro fährt. "Die Gespräche waren oft so oberflächlich", erinnert er sich. "Beim Lunch ging es immer nur um den Job oder um die nächste große Investition."

1995, nach zehn Jahren an der Wall Street, hat Osinski "genug davon, den ganzen Tag auf einen Bildschirm zu starren und um Boni zu rangeln". Er will etwas anderes. Die nächsten fünf Jahre verbringt er damit, eine Software für Banken auszubauen und zu vermarkten. Er entwickelt das Programm, mit dem Händler Hypotheken in maßgeschneiderte Wertpapiere verwandeln. Das ist sie, die Osinski-Bombe: "Mein persönliches Manhattan-Projekt", sagt er in Anspielung auf den Decknamen der Atombomben-Entwicklung.

Zugucken, wie die Wall Street aus den Fugen gerät

Im Jahre 2000 hört der Banker, der nie ein Banker sein wollte, auf und zieht nach Greenpoint. Von dort aus sieht er zu, wie die Wall Street aus den Fugen gerät.

Die Frage, wie viel seine Software zu dem Crash beigetragen hat, beschäftigt Osinski bis heute. Die sogenannten CMOs, die mit Hilfe seiner Software entwickelt wurden, änderten das Risikokalkül der gesamten Finanzbranche. Banken begannen Leuten, die weder Einkommen noch Vermögen hatten, Geld für den Kauf eines Hauses zu leihen. Zwar war klar, dass die Kredite nie abbezahlt würden, doch das interessierte keinen, solange die Hypotheken zu Wertpapieren verarbeitet und in alle Welt verkauft werden konnten. Die Wall Street wurde zum Karussell für Ramschkredite. Bis der Irrsinn mit einem großen Knall endete. Im Herbst 2008 meldete Lehman Brothers Konkurs an, der Rest der Wall Street wurde vom Staat gerettet.

Osinski versucht sein Gewissen zu beruhigen, indem er sich sagt: "Das alles ist nach deiner Zeit passiert. Nicht dein Programm war schuld, sondern die Leute, die damit nicht umgehen konnten."

Qualifikation: Die Liebe zum Meer

Nie würde man glauben Osinski sei Millionär, wenn man ihn auf seiner Veranda sitzen sieht, auf einem Stuhl, den seine Tochter auf der Straße gefunden hat. Getrunken wird Leitungswasser. Gegessen werden Austern, jeden Tag, "denn totes Fleisch kann nicht gesund sein".

Außer der Liebe zum Meer qualifizierte Osinski nichts für das Austerngeschäft. Er besuchte ein Kurzseminar an einer Uni, den Rest brachte er sich selbst bei. Wieder "learning by doing", wie damals, als er an die Wall Street kam - wieder mit Erfolg.

Mittlerweile liefert er in einer Woche rund 6000 Austern nach New York und verdient damit 4000 Dollar pro Woche. Die Nachfrage nach seinen Austern ist groß: Widow's Holes heißen sie - so wie die Bucht vor seinem Haus. Osinskis Kunden sind unter anderem das Four Seasons und viele erstklassige New Yorker Restaurants. Eben die, in denen die Banker sitzen und beim Lunch über nichts anderes als über Investments reden.

"Ziemlich dreist, könnte man denken, ich weiß"

Osinski mag sein neues Leben: "Ich fühle mich viel gesünder als vorher. Wenn ich mich im Spiegel angucke, erkenne ich mich wieder."

Sein nächstes Ziel: Eine Austernaufzuchtanlage. Was ursprünglich eine Flucht war, ist zu einem ernsthaften Business geworden. Was er anfasst gelingt.

Woran das liegt? "Ich weiß nicht", antwortet er. "Vielleicht zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort. Vielleicht auch, weil ich ehrgeizig bin", sagt er bescheiden und fügt dann lächelnd hinzu: "Mir gelingt nicht alles. Ich wollte eigentlich immer Bücher schreiben, doch die Bücher, die ich schreibe, will keiner lesen."

Den Finanzmarkt verfolgt Osinski noch immer, und er schlägt zu, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet. So kaufte er nach der Krise jene verbrieften Hypothekenpapiere, die niemand mehr haben wollte - zu Spottpreisen. Wieder kommen Gewissenbisse hoch. "Ziemlich dreist, könnte man denken, ich weiß", sagt er. "Aber andererseits: Ich bin halt ein Profi."

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