SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

21. Oktober 2011, 06:52 Uhr

Ausstieg eines Top-Bankers

Finanzhai jagt jetzt Austern

Von Susanne Koch

Er löste die Finanzkrise mit aus: Mike Osinski hat die Software geschrieben, mit der faule Immobilienkredite fabriziert wurden - "mein persönliches Manhattan-Projekt", wie er sagt. Doch als die finanzielle Bombe dann explodierte, schaute er gemächlich aus der Ferne zu.

Lange plagte Mike Osinski der immer gleiche Alptraum. Im Schlaf fand er sich in einem Handelssaal wieder. Er hörte ein Telefon. Es klingelte, immer und immer wieder. Jemand schrie: "Geh endlich ran." Doch Osinski konnte nicht. Er geriet in Panik. Schweißgebadet wachte er auf.

Irgendwann erkannte Osinski: Er muss etwas ändern. Er braucht einen Neubeginn. Dieser Neubeginn machte aus einem Banker einen Austernfischer. Er führte ihn aus den Hochhausschluchten Manhattans in das verschlafene Örtchen Greenport, ungefähr 160 Kilometer nördlich von New York. Hier auf Long Island, wo es Wochenendausflügler hin verschlägt, die die salzige Seeluft schnuppern wollen, ließen die Alpträume nach - und die Gewissensbisse setzten ein.

Der 57-Jährige trägt ein grobes Sakko über den Schultern. Er sitzt auf seiner Veranda und blickt auf das Meer. Möwen kreischen am stahlblauen Herbsthimmel. "Ich habe an der Bombe mitgebaut, die später die Wall Street in die Luft gejagt hat", sagt er. Osinski ist der Erfinder einer Software, die Hypotheken bündeln, tranchieren und zu Wertpapieren verarbeiten kann. Einer Software, die zum Standard der gesamten Finanzbranche wurde und die jenen giftigen Anlagemüll produzierte, der die USA im Jahr 2008 in die tiefste Rezession der Nachkriegszeit stürzte.

"Viel Geld verdient man an der Wall Street, also wollte ich dahin"

15 Jahre hat Osinski als Banker gearbeitet. Jahre, die ihn zermürbt und müde gemacht haben, aber auch zum Millionär. 1985 heuert Osinski an der Wall Street an, 30 ist er damals und ziemlich genau das Gegenteil von vielen seiner Kollegen, die ein vorbildliches Studium an einer der US-Eliteunis hingelegt haben und schon immer davon träumen, Banker zu werden.

Osinski hat nie Finanzwirtschaft studiert. Eigentlich wollte er immer etwas anderes: am Meer leben und Bücher schreiben. An einer Uni in Florida hatte er sich für Journalismus eingeschrieben, nebenher besuchte er einen Computerkurs. Nach dem Studium schlägt er sich als Schrimp-Fischer durch, mit 200 Dollar Verdienst die Woche. Das reicht für ein bescheidenes Leben. Es reicht aber nicht mehr, als seine Frau schwer erkrankt und die Arztrechnungen bezahlt werden müssen.

Und da Osinski durch und durch pragmatisch ist, überlegt er nicht lange. "Ich dachte, viel Geld verdient man an der Wall Street, also wollte ich an die Wall Street", sagt er heute. Obwohl er nie einen Handelssaal von innen gesehen hat, arbeitet sich Osinski bald in das damals noch kleine, aber bereits florierende Hypothekengeschäft vor. Seine erste Station ist die Investmentbank Salomon Brothers, die später von der Citigroup gekauft wird. Danach zieht es ihn zu Shearson Lehman, aus der die spätere Pleitebank Lehman Brothers hervorgeht, und schließlich in das Brokerhaus Kidder, Peabody & Co.

"Hühnchen im Fleischwolf"

Alles was er für die Arbeit an der Wall Street wissen muss, lernt er von seinem Mentor Leszek Gesiak - ein emigrierter polnischer Mathematikprofessor. An einen Satz Gesiaks erinnert sich Osinski bis heute: "Du steckst Hühnchen in den Fleischwolf, und unten bekommst du feinstes Rumpsteak raus." Es ist ein Sinnbild dafür, wie die Wall Street Hypotheken, also Schulden, in Wertpapiere verwandelt, eine Einführung in die obskuren Künste der Finanz-Alchemie.

Osinskis Gehalt ist gut und ein jährlicher Bonus von anfangs 50.000 Dollar, später 125.000 Dollar, kommt noch obendrauf. Der Mann, der vor einigen Jahren noch Schrimpfischer in Florida war, trägt auf einmal teure Anzüge von Barneys.

"Geld ist wie eine Droge"

Ihm gefiel sein neues Leben mit Eigentumswohnung in Manhattan und Ballett-Abo: "Geld ist wie eine Droge", sagt er. "Es fühlt sich gut an, wenn du eine Million Dollar als Scheck überreicht bekommst. Dann willst du mehr, weil du denkst, du bist so viel besser als jeder andere."

Doch schon bald merkt Osinski, dass er anders ist als seine Kollegen, und das nicht nur, weil er der einzige ist, der mit dem Fahrrad ins Büro fährt. "Die Gespräche waren oft so oberflächlich", erinnert er sich. "Beim Lunch ging es immer nur um den Job oder um die nächste große Investition."

1995, nach zehn Jahren an der Wall Street, hat Osinski "genug davon, den ganzen Tag auf einen Bildschirm zu starren und um Boni zu rangeln". Er will etwas anderes. Die nächsten fünf Jahre verbringt er damit, eine Software für Banken auszubauen und zu vermarkten. Er entwickelt das Programm, mit dem Händler Hypotheken in maßgeschneiderte Wertpapiere verwandeln. Das ist sie, die Osinski-Bombe: "Mein persönliches Manhattan-Projekt", sagt er in Anspielung auf den Decknamen der Atombomben-Entwicklung.

Zugucken, wie die Wall Street aus den Fugen gerät

Im Jahre 2000 hört der Banker, der nie ein Banker sein wollte, auf und zieht nach Greenpoint. Von dort aus sieht er zu, wie die Wall Street aus den Fugen gerät.

Die Frage, wie viel seine Software zu dem Crash beigetragen hat, beschäftigt Osinski bis heute. Die sogenannten CMOs, die mit Hilfe seiner Software entwickelt wurden, änderten das Risikokalkül der gesamten Finanzbranche. Banken begannen Leuten, die weder Einkommen noch Vermögen hatten, Geld für den Kauf eines Hauses zu leihen. Zwar war klar, dass die Kredite nie abbezahlt würden, doch das interessierte keinen, solange die Hypotheken zu Wertpapieren verarbeitet und in alle Welt verkauft werden konnten. Die Wall Street wurde zum Karussell für Ramschkredite. Bis der Irrsinn mit einem großen Knall endete. Im Herbst 2008 meldete Lehman Brothers Konkurs an, der Rest der Wall Street wurde vom Staat gerettet.

Osinski versucht sein Gewissen zu beruhigen, indem er sich sagt: "Das alles ist nach deiner Zeit passiert. Nicht dein Programm war schuld, sondern die Leute, die damit nicht umgehen konnten."

Qualifikation: Die Liebe zum Meer

Nie würde man glauben Osinski sei Millionär, wenn man ihn auf seiner Veranda sitzen sieht, auf einem Stuhl, den seine Tochter auf der Straße gefunden hat. Getrunken wird Leitungswasser. Gegessen werden Austern, jeden Tag, "denn totes Fleisch kann nicht gesund sein".

Außer der Liebe zum Meer qualifizierte Osinski nichts für das Austerngeschäft. Er besuchte ein Kurzseminar an einer Uni, den Rest brachte er sich selbst bei. Wieder "learning by doing", wie damals, als er an die Wall Street kam - wieder mit Erfolg.

Mittlerweile liefert er in einer Woche rund 6000 Austern nach New York und verdient damit 4000 Dollar pro Woche. Die Nachfrage nach seinen Austern ist groß: Widow's Holes heißen sie - so wie die Bucht vor seinem Haus. Osinskis Kunden sind unter anderem das Four Seasons und viele erstklassige New Yorker Restaurants. Eben die, in denen die Banker sitzen und beim Lunch über nichts anderes als über Investments reden.

"Ziemlich dreist, könnte man denken, ich weiß"

Osinski mag sein neues Leben: "Ich fühle mich viel gesünder als vorher. Wenn ich mich im Spiegel angucke, erkenne ich mich wieder."

Sein nächstes Ziel: Eine Austernaufzuchtanlage. Was ursprünglich eine Flucht war, ist zu einem ernsthaften Business geworden. Was er anfasst gelingt.

Woran das liegt? "Ich weiß nicht", antwortet er. "Vielleicht zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort. Vielleicht auch, weil ich ehrgeizig bin", sagt er bescheiden und fügt dann lächelnd hinzu: "Mir gelingt nicht alles. Ich wollte eigentlich immer Bücher schreiben, doch die Bücher, die ich schreibe, will keiner lesen."

Den Finanzmarkt verfolgt Osinski noch immer, und er schlägt zu, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet. So kaufte er nach der Krise jene verbrieften Hypothekenpapiere, die niemand mehr haben wollte - zu Spottpreisen. Wieder kommen Gewissenbisse hoch. "Ziemlich dreist, könnte man denken, ich weiß", sagt er. "Aber andererseits: Ich bin halt ein Profi."

URL:

Mehr auf SPIEGEL ONLINE:


© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH