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Ausstieg eines Top-Bankers Finanzhai jagt jetzt Austern

Finanzhai und Austernfischer: Der alte Mann und das Mehr Fotos
Susanne Manz

Er löste die Finanzkrise mit aus: Mike Osinski hat die Software geschrieben, mit der faule Immobilienkredite fabriziert wurden - "mein persönliches Manhattan-Projekt", wie er sagt. Doch als die finanzielle Bombe dann explodierte, schaute er gemächlich aus der Ferne zu.

Lange plagte Mike Osinski der immer gleiche Alptraum. Im Schlaf fand er sich in einem Handelssaal wieder. Er hörte ein Telefon. Es klingelte, immer und immer wieder. Jemand schrie: "Geh endlich ran." Doch Osinski konnte nicht. Er geriet in Panik. Schweißgebadet wachte er auf.

Irgendwann erkannte Osinski: Er muss etwas ändern. Er braucht einen Neubeginn. Dieser Neubeginn machte aus einem Banker einen Austernfischer. Er führte ihn aus den Hochhausschluchten Manhattans in das verschlafene Örtchen Greenport, ungefähr 160 Kilometer nördlich von New York. Hier auf Long Island, wo es Wochenendausflügler hin verschlägt, die die salzige Seeluft schnuppern wollen, ließen die Alpträume nach - und die Gewissensbisse setzten ein.

Der 57-Jährige trägt ein grobes Sakko über den Schultern. Er sitzt auf seiner Veranda und blickt auf das Meer. Möwen kreischen am stahlblauen Herbsthimmel. "Ich habe an der Bombe mitgebaut, die später die Wall Street in die Luft gejagt hat", sagt er. Osinski ist der Erfinder einer Software, die Hypotheken bündeln, tranchieren und zu Wertpapieren verarbeiten kann. Einer Software, die zum Standard der gesamten Finanzbranche wurde und die jenen giftigen Anlagemüll produzierte, der die USA im Jahr 2008 in die tiefste Rezession der Nachkriegszeit stürzte.

"Viel Geld verdient man an der Wall Street, also wollte ich dahin"

15 Jahre hat Osinski als Banker gearbeitet. Jahre, die ihn zermürbt und müde gemacht haben, aber auch zum Millionär. 1985 heuert Osinski an der Wall Street an, 30 ist er damals und ziemlich genau das Gegenteil von vielen seiner Kollegen, die ein vorbildliches Studium an einer der US-Eliteunis hingelegt haben und schon immer davon träumen, Banker zu werden.

Osinski hat nie Finanzwirtschaft studiert. Eigentlich wollte er immer etwas anderes: am Meer leben und Bücher schreiben. An einer Uni in Florida hatte er sich für Journalismus eingeschrieben, nebenher besuchte er einen Computerkurs. Nach dem Studium schlägt er sich als Schrimp-Fischer durch, mit 200 Dollar Verdienst die Woche. Das reicht für ein bescheidenes Leben. Es reicht aber nicht mehr, als seine Frau schwer erkrankt und die Arztrechnungen bezahlt werden müssen.

Und da Osinski durch und durch pragmatisch ist, überlegt er nicht lange. "Ich dachte, viel Geld verdient man an der Wall Street, also wollte ich an die Wall Street", sagt er heute. Obwohl er nie einen Handelssaal von innen gesehen hat, arbeitet sich Osinski bald in das damals noch kleine, aber bereits florierende Hypothekengeschäft vor. Seine erste Station ist die Investmentbank Salomon Brothers, die später von der Citigroup gekauft wird. Danach zieht es ihn zu Shearson Lehman, aus der die spätere Pleitebank Lehman Brothers hervorgeht, und schließlich in das Brokerhaus Kidder, Peabody & Co.

"Hühnchen im Fleischwolf"

Alles was er für die Arbeit an der Wall Street wissen muss, lernt er von seinem Mentor Leszek Gesiak - ein emigrierter polnischer Mathematikprofessor. An einen Satz Gesiaks erinnert sich Osinski bis heute: "Du steckst Hühnchen in den Fleischwolf, und unten bekommst du feinstes Rumpsteak raus." Es ist ein Sinnbild dafür, wie die Wall Street Hypotheken, also Schulden, in Wertpapiere verwandelt, eine Einführung in die obskuren Künste der Finanz-Alchemie.

Osinskis Gehalt ist gut und ein jährlicher Bonus von anfangs 50.000 Dollar, später 125.000 Dollar, kommt noch obendrauf. Der Mann, der vor einigen Jahren noch Schrimpfischer in Florida war, trägt auf einmal teure Anzüge von Barneys.

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