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16. Januar 2013, 11:28 Uhr

Kärtchen-Händler

Wollen Sie Ihr Auto verkaufen?

Von Steffen Daniel Meyer

Wer ein altes Auto fährt, kann sich vor Kaufangeboten kaum retten. Die Händler, die ihre bunten Visitenkärtchen an die Scheibe stecken, haben ein miserables Image. Wer sie trifft, merkt: Sie sind einfach nur gnadenlos effizient.

Es geht sofort ums Geschäft, kein Small Talk, keine Floskeln. "Wo ist das Auto?" fragt der kleine, breitgebaute Mann mit kurzen schwarzen Haaren und wohlrasiertem Stoppelbart. Ich zeige auf meinen VW Golf III, er hastet kurzen, bestimmten Schrittes auf den Wagen zu. Er ist der Mann hinter einer dieser Visitenkarten, auf denen Sätze stehen wie: "Wenn Sie Ihren Wagen jetzt oder später verkaufen möchten, wäre ich Ihnen sehr dankbar für einen Anruf."

Überall in Deutschland finden sich diese Kärtchen, meist stecken sie an den Fensterrahmen älterer Autos. "Km-Stand, TÜV und Kat sind unwichtig" und "mit Unfall-/Motorschäden" heißt es oft. Darunter eine Handy-Nummer und der Hinweis, dass der Interessent 24 Stunden am Tag erreichbar sei.

Fast jeder Autofahrer kennt diese Kärtchen, doch die meisten beachten sie kaum, befördern sie trotz Hinweisen wie "Schonen Sie die Umwelt: Bitte werfen Sie die Karte nicht weg" in den nächsten Mülleimer. Ich aber will mein Auto verkaufen, habe einige Wochen lang die Karten gesammelt - und angerufen.

Auf der ersten Karte ist ein Porsche abgebildet, darunter drei Handy-Nummern in kursiver, roter Schrift. Bei den ersten beiden geht niemand ran, bei der dritten antwortet eine männliche Stimme mit einem kurzen "Hallo?" - "Sie haben Ihre Karte an meinem Auto angebracht und ich würde es gerne verkaufen." - "Welche Marke?"- "VW Golf III" - "Baujahr?" - "1996" - "Drei-Türer oder Fünf-Türer?" - "Fünf-Türer" - "Motor?" - "1,6" - "Klima?" - "Nein." - "Wie viel?" - "So 300 Euro" - "Welche Stadt?" - "Dortmund." - "Welche Straße?" Ich sage ihm die Adresse. "Gut, in 20 Minuten bin ich da." Und wirklich, rund 20 Minuten später fährt ein gut gepflegter Wagen in Schwarz-Metallic vor.

Zu viel Rost, zu viele Kratzer im Lack, bald kein TÜV mehr

Neben dem breitgebauten Händler, der sich sofort nach dem Auto erkundigt, steigt ein hochgewachsener, sehnig-kräftiger Mann aus, der wortlos mit verschränkten Armen und wachem Blick das Verkaufsgespräch beobachtet. Ich, 26 Jahre alt, Student, ohne Kfz-Expertise und recht unerfahren in Verhandlungen, fühle mich ein wenig unbehaglich.

Mein Stammmechaniker hatte mir zuvor gesagt, ich könne ungefähr 200 bis 300 Euro verlangen. Ein anderer Experte war derselben Meinung: zu viel Rost, zu viele Kratzer im Lack, durch den nächsten TÜV kommt der nicht.

Der kleinere von den beiden Männern, der sich auf Nachfrage als Achmed vorstellt, lässt mich die Motorhaube öffnen, schaut hinein, sagt: "Das ist ein 1,4er-Motor, kein 1,6er. Einen 1,6er hätte ich verkaufen können. So kann ich den nur ausschlachten." In Afrika, wohin viele alte Wagen exportiert werden, sind stärkere Motoren gefragt. Ein anderer Händler erklärt mir später: "Die Straßen sind da nicht gut, und es gibt zu viel Berge und so."

"Ruf an, wenn du's dir überlegt hast"

"300 Euro gehen nicht", sagt Achmed. "Ich kann dir nur 150 geben." Das ist mir zu wenig. "Okay, 200 Euro." Nein. "Warte, ich rufe mal eben meinen Bruder an", sagt Achmed, wählt eine Nummer auf seinem Handy, schildert die Daten meines Golfs, meine Preisvorstellung, lächelt mich an, sagt zu seinem Gesprächspartner: "Der ist Student und braucht jeden Euro. Stimmt doch, oder?" und zeigt auf meinen "Abi 2005"-Aufkleber, den ich nach dem Abitur voller Stolz über das hintere Fenster geklebt hatte. Ich nicke. Er wiederholt noch einige Male, dass ich das Geld unbedingt bräuchte, legt auf und sagt mit breitem Grinsen: "Also mein Bruder sagt, wenn jemand mehr als 200 bietet, kannst du auch 250 sagen." Ich zögere. Er geht zu seinem Auto, holt zwei rote Nummernschilder heraus, erklärt mir, dass wir jetzt sofort alles regeln könnten, er hätte alles dabei.

"Sorry, aber ich muss da erst mal drüber nachdenken", sage ich und noch bevor ich den Satz beendet habe, steigt sein großer Begleiter in den Wagen. Achmed verabschiedet sich schnell, setzt sich hinters Lenkrad - "Ruf an, wenn du's dir überlegt hast"- und braust davon. Höchstens 15 Minuten hat alles gedauert. Ein pragmatisches Verkaufsgespräch, nur das Nötigste. Bei anderen Händlern verläuft es ähnlich: Die Männer mit unterschiedlichen Migrationshintergründen kommen zu zweit und sind auf schnelle Schnäppchen aus. Die einen bieten 50 Euro, lassen sich auf 200 hochverhandeln, andere kommen gar nicht erst vorbei, als ich schon am Telefon testweise 400 Euro verlange.

Fachkundige Händler mit Hang zum Feilschen

Weder die Polizei Dortmund, noch das Landeskriminalamt oder das Bundeskriminalamt beschäftigen sich mit den Absendern der Autokärtchen. Der Handel sei "strafrechtlich nicht relevant", so ein Sprecher. Abgesehen davon, dass einige wohl schwarzarbeiten. Nur die Exporteure, an die die Zwischenhändler weiterverkaufen, versuchten häufig, Elektroschrott wie kaputte Fernseher oder Kühlschränke im Kofferraum nach Afrika zu schmuggeln, so das Hauptzollamt in Hamburg. Mit den Kärtchen-Händlern hat das aber nichts zu tun.

Auch der ADAC stellt klar: Die Händler kennen sich gut aus, wissen, bis zu welchem Preis sich ein Geschäft lohnt, und stapeln erst einmal tief. Illegal ist das nicht. Im Gegensatz zum Verteilen der Visitenkarten: Einige Städte gehen mittlerweile mit Bußgeld-Verordnungen gegen die bunte Kartenflut vor - die Maßnahmen verpuffen aber.

So dürften die Kärtchenleute wohl die Händler mit dem schlechtesten Image sein - zu kunterbunt, zu improvisiert ist ihre Wirkung, zu sehr nerven viele Autofahrer die Kärtchen. Über seinen Arbeitsalltag will keiner von ihnen reden: keine Zeit.

Hauptsache, er sagt nicht "ausschlachten"

Ich fahre die Lindenhorster Straße in Dortmund entlang. Dort reiht sich ein Exporthändler an den anderen: Auf den Parkplätzen stehen diverse Automodelle, bei einigen sind Front oder Türen eingedrückt. In spartanisch eingerichteten weißen Containern mit Schreibtisch, Regal und offenbar ständig laufendem Fernseher warten die Händler auf Kunden oder Anrufe. Manchmal blockieren Sattelschlepper die Straße, auf die Gebrauchtwagen geladen werden. Mir wird flau im Magen, als ich daran denke, dass mein Wagen, den ich so sehr liebe, wie man nur sein erstes eigenes Auto lieben kann, hier "ausgeschlachtet" werden soll.

Auf gut Glück fahre ich bei einer Glaserwerkstatt vorbei, die mir schon einmal eine eingeschlagene Scheibe ersetzt hat. Der Chef, Jörg Ettlin, 48 Jahre alt, fester Händedruck, schaut sich den Wagen kurz an, wir verhandeln. Das letzte Angebot: 250 Euro. "Meine Tochter hat gerade ihren Führerschein bekommen. Wenn nicht zu viel dran zu machen ist, bekommt sie das Auto." Und wenn doch? "Dann schau' ich, was noch rauszuholen ist."

Ich willige ein - immerhin hat er nicht "ausschlachten" gesagt -, und er drückt mir fünf 50-Euro-Scheine in die Hand. Wir füllen den Kaufvertrag aus. Unterschrift. Handschlag. Schlüssel. Papiere. Verkauft. Keine Floskeln. Kein Small Talk. Nur das Geschäft.

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