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Jobdoppel Der Autoentwickler und der Crashtester

David Kreß (links) ist Crashtester - und fährt die Entwürfe von Nils Borchers zu Schrott Zur Großansicht

David Kreß (links) ist Crashtester - und fährt die Entwürfe von Nils Borchers zu Schrott

Beide begannen als Ingenieure, dann trennten sich die Berufswege: Nils Borchers konstruiert neue Autos - und David Kreß fährt sie gegen die Wand. In Millisekunden ist die Arbeit von Jahren völlig zerstört. Bis zu 200 Prototypen gehen kaputt, bis ein Neuwagen von Kreß die Zulassung erhält.

Nils Borchers, 40, und David Kreß, 28, haben beide ein Ingenieursstudium abgeschlossen, Borchers Maschinenbau und Kreß Fahrzeugtechnik. Beide arbeiten in der Automobilbranche, doch ihre Jobs könnten verschiedener nicht sein: Borchers entwickelt neue Autos - und Kreß fährt sie gegen die Wand.

Borchers arbeitet bei BMW, Kreß bei der Dekra, Deutschlands größter KFZ-Prüfgesellschaft. Manchmal treffen sich ihre Wege in einer Halle: Der Autoentwickler hofft auf eine Zulassung - und die gibt es nur mit einem guten Ergebnis beim Crashtest. Hält das Auto dem Aufprall nicht wie gewünscht stand, müssen die Ingenieure einzelne Teile des Wagens noch einmal überarbeiten.

Wie sie zu ihrem Beruf kamen, und warum sie nicht tauschen möchten, erzählen Nils Borchers und David Kreß hier:

  • Nils Borchers: "Ein unangenehmes Pfeifen bei hohem Tempo"

  Nils Borchers , 40, ist Ingenieur bei BMW Zur Großansicht

Nils Borchers, 40, ist Ingenieur bei BMW

"Autos haben mich schon immer fasziniert. Als ich sieben war, baute ich im Wettstreit mit meinem Bruder Lego-Autos; die durften gegeneinander im Crashtest antreten. Bei meinem Bruder flogen immer die Steine umher - vielleicht weil ich solider gebaut habe. Später ging es mit Modellbau weiter, erst Standmodelle aus Plastik, dann ferngesteuerte Autos mit echtem Verbrennungsmotor. Es war ein teures Hobby, aber meine Eltern haben mich immer unterstützt. Es hat mir ja auch für meinen Berufsweg geholfen.

Mit 22 hatte ich mein FH-Diplom in Maschinenbau. Ich bewarb mich bei einem Zulieferer für Autoteile und entwickelte Lenkräder und Airbags, Teile für die sogenannte passive Sicherheit. Nach fünf Jahren wurde mein Traum wahr: Ich kam vom Autozulieferer zum richtigen Autobauer, zu BMW.

Auch dort arbeitete ich erst einmal in der passiven Sicherheit, ich kümmerte mich in der 7er-Reihe um alle Funktionen, die Menschen einen Crash möglichst unbeschadet überstehen lassen. Meine Vorgesetzten haben mich immer gefördert, bis ich in meiner Abteilung eine leitende Position erreicht hatte.

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Fotostrecke: Nils Borchers, Ingenieur bei BMW
Nach sieben Jahren wollte ich noch einmal etwas anderes ausprobieren: Ich bin jetzt beim Elektroauto i3 für die funktionale Integration zuständig, also dafür, dass alle Teile zusammenpassen. Es ist der erste Elektrowagen von BMW, er soll ab 2013 in Serie produziert werden. Ein Auto, das ganz ohne Emissionen auskommt, wenn man den Strom aus regenerativen Energien gewinnt, fasziniert mich.

Batterien und Elektromotor sind viel schwerer als Antrieb und Tank in einem herkömmlichen Auto. Damit der Wagen nicht zu schwer wird, bauen wir die Karosserie aus Kohlefasern. Mit dem Material hatten wir bisher wenig Erfahrungen, wir haben immerhin 80 Jahre lang Autos aus Metall gebaut. Nun haben wir es geschafft, dass das Elektroauto nicht mehr wiegen wird als ein Benziner - und mit leistungsstarkem Akku auch lange Strecken ohne Aufladen fahren kann.

Ein anderes Problem sind die Geräusche: Die Motoren des Elektroautos sind so leise, dass man auf der Autobahn nur noch ein unangenehmes Pfeifen vom Fahrtwind hört. Deshalb braucht der Wagen eine neue Aerodynamik. Er soll sich wie ein BMW anfühlen - und dazu gehört eben auch das Geräusch beim Fahren.

Um zu sehen, wie alles zusammen passt, bauen wir Prototypen; alle Teile werden von Ingenieuren und Werksmitarbeitern von Hand gefertigt. Das kostet ein Vielfaches eines Serienfahrzeugs. Die Prototypen sind aber nicht nur Modell: Wir führen mit ihnen auch zahlreiche Crashtests durch. Bei der neuen 7er-Reihe, an deren Entwicklung ich beteiligt war, waren wir erst nach 200 Crashtests voll zufrieden mit den Ergebnissen und hatten die Straßenzulassungen für alle Länder."

  • David Kreß: "Der erste Crash tut weh"

  David Kreß , 28, fährt für die Dekra Autos gegen die Wand Zur Großansicht

David Kreß, 28, fährt für die Dekra Autos gegen die Wand

"Mein erstes Auto habe ich mit 18 gekauft - und mit meinen Freunden daran herumgebastelt: Wir haben neue Felgen verbaut, einen anderen Auspuff montiert, die Musikanlage verstärkt, den Wagen tiefer gelegt. Wenn man das danach bei einem Kfz-Prüfer abnehmen lässt, ist das erlaubt. Schon damals wusste ich, dass ich in einem technischen Beruf arbeiten will.

Während des Studiums habe ich ein Praktikum im Technikzentrum vom ADAC gemacht. Es tut weh, das erste Mal ein Auto im Wert von mehreren tausend Euro an die Wand fahren zu sehen; in Millisekunden ist es vollkommen zerstört. Die Präzision der Tests und die Messtechnik haben mich aber fasziniert.

Ich habe mich danach auf Fahrzeugsicherheit spezialisiert und neben dem Studium bei der Verkehrsunfallforschung an der TU Dresden gearbeitet: Wir wurden mit Polizei und Krankenwagen zu Unfällen gerufen, rückten mit Blaulicht aus und nahmen vor Ort Daten auf zu Fahrzeugen, Personen, Unglücksstellen. Das ist eine Methode, um eventuelle Schwachstellen an Autos zu finden.

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Fotostrecke: David Kreß, Crash-Tester
Nach meinem Studium bewarb ich mich bei Dekra und wurde als Projektmanager für Crashversuche angestellt. Heute verbringe ich einen großen Teil meiner Zeit mit Crashtests und der Vor- und Nachbereitung.

Für die Zulassung muss ein neues Fahrzeug mehrere Tests bestehen. Wir simulieren zum Beispiel einen Front-Anprall, bei dem das Auto mit 40 Prozent seiner Fläche gegen eine Barriere fährt, die leicht nachgibt oder einen Seitenaufprall, bei dem ein anderer Wagen in das Auto fährt.

Die für die Zulassung vorgeschriebenen Crashtests sind von Land zu Land unterschiedlich und von den ortstypischen Unfallszenarien abgeleitet. Für unsere Kunden testen wir, ob das Auto auch diesen Ansprüchen genügt. Wir crashen auch für Versicherungen, die überprüfen wollen, welche Auswirkungen ein Unfall auf einen Wagen hat und wie viel die Reparatur kostet. Manche Kunden begleiten wir bei der gesamten Entwicklung eines Fahrzeuges.

Jeder Crashtest muss exakt vorbereitet sein. Das Auto muss genau an dem berechneten Aufprallpunkt an der Wand ankommen - und das bei 80 Metern Anfahrtsweg. Der Grund: Egal, wo der Test auf der Welt wiederholt wird, muss das gleiche Ergebnis herauskommen. Das ist vor allem bei Vortests zur Zulassung der Fahrzeuge auf anderen Märkten wichtig.

Die Daten sind das Kapital

Bei allen im Team steigt der Adrenalinspiegel fünf Minuten vor dem Crash. Zu dritt überprüfen wir noch einmal die Hochgeschwindigkeitskameras, Messgeräte und Personendummys. Dann fährt der Trolly los, an dem das Fahrzeug hängt - und es gibt kein Zurück mehr. Das Gefühl, wenn der Wagen gegen die Barriere crasht, ist noch immer unbeschreiblich. Der Aufprall ist erst dumpf, dann schrill und ohrenbetäubend laut.

Die Daten aus den Messgeräten sind unser Kapital: Nicht auszudenken, wenn wir einen Prototypen im Wert von mehreren Hunderttausend Euro gegen die Wand fahren und die Messung nicht richtig funktioniert. Bis jetzt ist aber immer alles gut gegangen.

Mein eigenes Auto habe ich zum Glück auch noch nie gecrasht. Es klingt vielleicht komisch, aber ich hatte in den letzten Jahren nie den Traum, als Ingenieur mein eigenes Auto zu bauen. Viele arbeiten über Jahre an der Entwicklung von einzelnen Teilen und haben nur mit einem Autotyp zu tun. Ich sehe die unterschiedlichsten Fahrzeugtypen."

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insgesamt 2 Beiträge
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1.
mmueller60 17.07.2012
Zitat von sysopNils Borchers, 40, und David Kreß, 28, haben beide ein Ingenieursstudium abgeschlossen, Borchers Maschinenbau und Kreß Fahrzeugtechnik. Beide arbeiten in der Automobilbranche, doch ihre Jobs könnten verschiedener nicht sein: Borchers entwickelt neue Autos - und Kreß fährt sie gegen die Wand.
Also für mein Gefühl sind die Jobs verdammt ähnlich und nicht verschieden... beide sind Ingenieure in der Automobilbranche, von der Ausbildung her sind beide für die Branche qualifiziert und sie wären austauschbar gegeneinander... was soll die angebliche "Gegenüberstellung"?
2. Direkte BMW-Werbung ist besser
Sapientia 17.07.2012
Zitat von sysopBeide begannen als Ingenieure, dann trennten sich die Berufswege: Nils Borchers konstruiert neue Autos - und David Kreß fährt sie gegen die Wand. In Millisekunden ist die Arbeit von Jahren völlig zerstört. Bis zu 200 Prototypen gehen kaputt, bis ein Neuwagen von Kreß die Zulassung erhält. Autoentwickler und Crashtester: Jobs in der Automobilbranche - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,844311,00.html)
und direkter.
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