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Berater ohne BWL Die bringen Farbe in die Firma

Unternehmensberater: Wir nehmen auch Germanisten! Fotos
Corbis

Ein Dirigent, der Unternehmen berät. Eine Pilotin, die Firmen umstrukturiert. Wer heute als Consultant arbeitet, muss längst nicht BWL studiert haben. Dass sich Beraterfirmen immer häufiger Exoten an Bord holen, ist gut fürs Geschäft: Bunte Teams sind einfach kreativer.

Wenn Sybille Steinberger zu einem Kunden fliegt, schnallt sie sich an, stellt die Rückenlehne gerade und schaltet alle elektronischen Geräte aus. Wenn Sybille Steinberger für einen Kunden fliegt, schnallt sie sich an, stellt die Rückenlehne gerade und schaltet alle elektronischen Geräte ein. Dann sitzt sie nicht in der Kabine, sondern im Cockpit. Steinberger ist Beraterin bei Capgemini Consulting in München und Linienpilotin. Außerdem Diplom-Informatikerin, Rettungsassistentin, Datentechnische Assistentin. Auch als Fernsehjournalistin hat sie mal gearbeitet.

Steinberger widerlegt das Klischee vom Unternehmensberater, der sein ganzes Berufsleben entlang der Stromlinie schwimmt - und nach Abi, BWL-Studium und Traineeprogramm irgendwann Partner wird. Dagegen ist Steinberger kreuz und quer geschwommen, auf- und abgetaucht - und hat oft Wasser geschluckt.

"Nach der Mittleren Reife wollte ich zunächst einen Beruf erlernen", erzählt sie. "Doch bereits in der Hälfte meiner Ausbildung zur Datentechnischen Assistentin habe ich festgestellt, dass ich studieren möchte." Also Ausbildung abschließen, Abi nachholen, Informatik studieren. Nebenher jobbte sie beim Bayerischen Fernsehen und arbeitete ehrenamtlich als Rettungssanitäterin. Im Studium spezialisierte sie sich auf Medizintechnik, aber ihre erste Stelle in einem Medizintechnik-Unternehmen erwies sich als Flop. 1999 sattelte Steinberger auf Beratung um. "Obwohl ich bei Capgemini nichts mit Medizintechnik zu tun hatte, habe ich mich in der Firma und in den Projekten sofort wohlgefühlt", sagt sie.

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Wenn Exoten Berater werden: Protokolle von elf Quereinsteigern
2002 machte Steinberger den Privatpilotenschein. Das war der Start zu einer zweiten Karriere: "Das Fliegen hat mich so fasziniert, dass fast jährlich eine neue Ausbildung in der Fliegerei dazugekommen ist." Ein einjähriges Sabbatical ermöglichte es ihr, Flugstunden zu sammeln. Mindestens 1500 sind nötig, um die Lizenz für Linienpiloten zu erhalten. Im Februar 2010 schloss Steinberger die Ausbildung ab. "Da ich nach dem Sabbatical weder auf meine Tätigkeit als Pilot noch auf die Arbeit bei Capgemini verzichten wollte, habe ich nun einen 60-Prozent-Teilzeitvertrag als Beraterin", sagt sie. "So kann ich - auch heute noch - beide Berufe, also Informatik und Luftfahrt, miteinander kombinieren."

Vor allem die 5 Prozent unter "Sonstige" sind spannend

Capgemini Consulting hat unter seinen 4000 Strategie- und Managementberatern einige, die aus dem BWL-Raster fallen. Zwar sind Wirtschaftswissenschaftler mit 65 Prozent klar in der Mehrheit, doch andere Fachrichtungen holen auf. Ingenieure stellen bereits 20 Prozent, Informatiker und Naturwissenschaftler jeweils fünf Prozent. Spannend sind auch die fünf Prozent "Sonstige", etwa der Historiker Michael Klein oder die Germanistin und Kulturanthropologin Susann Sophie Schmitt. Solche Leute an Bord zu holen, sei "ein absolutes Muss", erläutert Achim Schreiber von Capgemini Consulting: "Nach unseren Erfahrungen fördern verschiedene Studiengänge unterschiedliche Denkmuster." Breitband statt Schmalspur - darauf komme es in den komplexen und interdisziplinären Projekten an.

"Vielfalt ist sehr wichtig", bestätigt Christian Greiser, Partner der Boston Consulting Group (BCG) in Düsseldorf und verantwortlich für das deutschlandweite Recruiting. "Das Fachwissen und die Erfahrungen jedes Einzelnen ergänzen sich, und auf diese Weise entstehen oft die kreativsten Lösungsansätze." Die gemischten Teams bilden auch besser das Spektrum der Kundenunternehmen ab - schließlich regieren BWLer fast nirgendwo alleine. Für einen Autohersteller ist es wichtig, dass ihm der Consulting-Dienstleister auch ein paar Ingenieure ins Haus schickt. Genauso will ein Krankenhaus mindestens einen Mediziner im Team sehen.

Wer arbeitet bei den deutschen Beratungsfirmen?
Firma Wirtschafts-
wissenschaftler
Ingenieure Informatiker Naturwis-
senschaftler
Andere
McKinsey & Co. 50% 40%* * * 10%
Boston Consulting Group 50% 20% k.A. 20% 10%
Roland Berger 50% 25% k.A. 15% 10%
Oliver Wyman 60% 20% 5% 10% 5%
Booz & Co. 45% 25% k.A. 15% 15%
A.T. Kearney 52% 22% k.A. 10% 16%
Capgemini Consulting 65% 20% 5% 5% 5%
Bain & Co. 45% 15% k.A. 15% 10%
*Ingenieure, Naturwissenschaftler, Informatiker sind addiert.
Stand: Juni 2011, Quelle: SPIEGEL ONLINE
Doch selbst Absolventen aus Fachrichtungen, die scheinbar überhaupt nichts mit Wirtschaft zu tun haben, landen in der Unternehmensberatung. Zum Beispiel Raphael von Hoensbroech, Projektleiter im BCG-Büro Köln. Mit drei Jahren lernte er Geige, mit sieben gewann er bei "Jugend musiziert", mit 17 leitete er Orchester und Chöre. Von Hoensbroech studierte Musikwissenschaft, Philosophie, Schuld- und Urheberrecht und promovierte über "Felix Mendelssohn Bartholdys unvollendetes Oratorium Christus". Zwei Jahre war er Chefdirigent des Münchner Jugendorchesters, bevor er 2005 den Taktstock niederlegte und bei BCG anfing - auch um mehr Zeit für die Familie zu haben.

Heute ist von Hoensbroech 34, hat vier Kinder und berät Industrieunternehmen und Behörden. "Das Orchester als Organisationsform ist eine sehr greifbare Analogie zum Unternehmen", findet er. "Der Dirigent ist ja der Einzige, der keinen eigenen Ton hervorbringt und dennoch das Gesamtergebnis verantwortet. Seine Mitarbeiter sind Profis auf ihrem Gebiet, das der Dirigent aber nicht beherrscht. Und doch ist es seine Aufgabe, jeden zu Höchstleistungen anzutreiben - als Einzelner und als Team." Den Musiker Hoensbroech reizt an der Beratung, dass sie ihn mit immer neuen Problemen konfrontiert, die individuelle Lösungen erfordern - "so wie die Philosophie das in abstrakter Weise tut und die Musik durch Interpretation".

Nicht nur das Studium zeichnet von Hoensbroech als Exoten aus. Auch sonst hat er nichts von einem glatten, auf Karriere getrimmten Star-Berater. Er gibt offen zu, dass ihm sein Privatleben wichtig ist. Als Vorsitzender der Csilla-von-Boeselager-Stiftung unterstützt er Arme und Obdachlose in Osteuropa. Er sammelt nicht bloß Spenden, sondern fährt selbst in die Ukraine, nach Polen oder Ungarn. Sein "Traumprojekt" wäre etwa, "sozialen und kulturellen Institutionen zu mehr wirtschaftlicher Freiheit zu verhelfen", sagt er. "Ich erlebe, dass Misstrauen gegenüber wirtschaftlichem Denken solche Institutionen bisweilen in ihren Entfaltungsmöglichkeiten hindert."

Kerstin Krüger
Christoph Stehr ist freier Journalist in Hilden.

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insgesamt 24 Beiträge
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    Seite 1    
1. Umsonst
realburb 22.07.2011
Die sind doch bekloppt, diese ganzen Manager in ihren Firmen! Warum sehen die denn nicht, dass Vielfalt der Firma nutzt? Warum muss das extra von einer Beraterfirma vorgemacht werden? Ich bin der Meinung von diesem Beispiel sollte man schon vorher Lernen! Ab jetzt jeden zweiten Ingenieursposten mit Biologen/Theaterwissenschaftlern/Geschichtslehrern besetzen. Jeden dritten Industrieschlosser durch einen Clown/Buchhalter/Gärtner ersetzen! Wie konnten all diese Firmen bisher arbeiten ohne "Farbe" und neue Perspektiven? Oder kann es eventuell sein, dass diese ganze "Farbe" nur umsetzbar ist, wenn man nichts leisten, sondern nur befehlen muss?
2. Ruhig, Brauner, ruhig...
SkwMueller, 22.07.2011
Zitat von realburbDie sind doch bekloppt, diese ganzen Manager in ihren Firmen! Warum sehen die denn nicht, dass Vielfalt der Firma nutzt? Warum muss das extra von einer Beraterfirma vorgemacht werden? Ich bin der Meinung von diesem Beispiel sollte man schon vorher Lernen! Ab jetzt jeden zweiten Ingenieursposten mit Biologen/Theaterwissenschaftlern/Geschichtslehrern besetzen. Jeden dritten Industrieschlosser durch einen Clown/Buchhalter/Gärtner ersetzen! Wie konnten all diese Firmen bisher arbeiten ohne "Farbe" und neue Perspektiven? Oder kann es eventuell sein, dass diese ganze "Farbe" nur umsetzbar ist, wenn man nichts leisten, sondern nur befehlen muss?
Falsches Beispiel: Schlosser und Ingeniuere tun was, die darf man nicht ersetzen ... Aber: Die meisten Manager, so ab der 2. Schicht aufwärts, haben von dem, was die Firma produziert, die Leuts unten machen und überhaupt was in der Firma abgeht, keine Ahnung. Hatte in meiner Firma erst letzthin zwei schöne Beispiele. Da können sie auch einen Gartenzwerg hinstellen, der stört wenigstens nicht andere Leute beim Arbeiten. Und spart Geld.
3. BGE jetzt!
VerHartzter 22.07.2011
Wo ist bei den ganzen Beispielen der 50jährige Handwerker der mit seiner Lebens/Berufserfahrung sich einen Laden ansieht und dann sagt wo es klemmt? Manchmal reicht ein erfahrener Blick von außen um die Betriebsblindheit der Chefs von den Augen zu nehmen. Dafür braucht man kein Studium, sondern gesunden Menschenverstand und die Fähigkeit sich mit den Mitarbeitern zu unterhalten. Erstens um denen die Angst zu nehmen, sie könnten wegrationalisiert werden und zweitens aus den Mitarbeitern an der Basis die Infos zu bekommen, die wichtig sind und nicht auf den bunten Folien zu finden sind.
4. Nö
Mr Bounz 22.07.2011
Vielleicht wird es jetzt doch noch interessant sich an eine Unternehmensberatung zu wenden. Die bisher dort beschäftigten BWL Hansels hatten doch nur zwei Sätze drauf. 1. Mitarbeiter frei setzen! 2. Rohertrag steigern Wie 1. geht ist klar. Aber zu 2. kam von denen nie was sinnvolles! MrBounz
5. Kann dann ja jeder...
Mr...T 22.07.2011
Zitat von sysopEin Dirigent, der Unternehmen*berät. Eine Pilotin, die Firmen umstrukturiert. Wer heute als Consultant arbeitet, muss längst nicht*BWL studiert haben.*Dass sich Beraterfirmen*immer häufiger*Exoten an Bord holen, ist*gut fürs Geschäft:*Bunte Teams sind einfach kreativer. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,775254,00.html
Daran sieht man, dass wie ich finde, es in den Wirtschaftberreich und dementsprechenden Studiengängen zu einem Großteil darauf ankommt sich selbst darzustellen und zu verkaufen. Z.B. werden sie niemals einen BWLer zum Kernphysiker oder sonstigen Naturwissenschaftler umsatteln sehen, wobei das in die andere Richtung mehr oder weniger alltäglich ist. Es trifft sicher nicht auf alle und jeden zu, aber ich finde, man sieht daran das der gemeine Wirtschaftler tatsächlich nur sehr wenig leistet, und hauptsächlich damit beschäftigt ist seinen eigenen Job durch seine Person zu rechtfertigen. Wie gesagt, sicherlich nicht bei jedem, aber leider doch viel zu oft.
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