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Jobs bei der Fashion Week "Du schaust nach unten und cremst Beine ein"

Arbeiten auf der Fashion Week: Die Models zum Laufen bringen Fotos
Getty Images

Berlin Fashion Week, das klingt nach Glamour, Promis, Haute Couture. Für die vielen Helfer ist sie: stressig. Bis zu hundert Menschen rackern für jede Modenschau. Sie schminken und stylen, cremen und zuppeln. Und nach 20 Minuten ist alles vorbei. Ein Blick hinter die Kulissen.

Klamotten allein reichen nicht. Eine Modenschau ist nur dann richtig gut, wenn die Anzieh-Assistenten flink sind, der Catwalk frisch gesaugt und das Catering lecker ist. Vergessen wir also für eine Sekunde den Designer und seine Kollektion. Und schauen auf die Schar dahinter: Die vielen Helfer frisieren und pinseln, schrubben und bürsten. Sie befestigen das Designer-Logo gut sichtbar und möglichst gerade im Hintergrund, während die ersten Gäste eintreffen und schon mal nach prominenten Sitznachbarn linsen.

Bei einer Modenschau sind bis zu hundert Leute im Einsatz - für einen 20-Minuten-Auftritt. Bei der Berlin Fashion Week präsentieren bis zum 8. Juli 50 Designer in sechs Tagen ihre Kollektionen; Stammgäste wie Hugo Boss, Michalsky, Frida Weyer und Kilian Kerner sowie eine Handvoll Neue, darunter drei Designerinnen aus der Türkei.

Was sie gemeinsam haben: Ohne die folgenden Helfer könnten sie ihre Show vergessen.

  1. Die Anzieh-Hilfe. Heißt offiziell: Dresser und Seater

Es ist ein Szenario, das an die besseren Zeiten von Thomas Gottschalk erinnert: Wetten, dass Sie es nicht schaffen, 20 Models in jeweils 90 Sekunden fertig für den Laufsteg umzuziehen? Anja, 18, schafft das. Und zwar recht unaufgeregt. Manchmal kommen noch Hände von der Nachbarumkleide zu Hilfe.

Anjas Aufgabe ist es nicht nur, die Models für die Schau und währenddessen schnellstmöglichst an- und umzuziehen. Sie muss das auch penibel genau nach Vorgabe des Designers erledigen. Ein Foto an der Kleiderstange zeigt, wie das Model am Ende aussehen soll. Die Details sind wichtig: Tasche rechts oder links, blaue oder gelbe Halskette?

"Es sind immer wenige Sekunden Hochspannung", sagt Anja. "Das macht Spaß. Aber bei der Hektik müssen wir aufpassen, dass wir nichts kaputtreißen." Die Klamotten sind Einzelanfertigungen, Ersatz gibt es nicht. Aber warum nennt man die Dresser auch Seater? "Weil wir auch auf den Sitzen die Geschenketüten für die Gäste verteilen", sagt Anja und lacht.

  1. Die Model-Sortiererin. Heißt offiziell: Backstage-Managerin

Der häufigste Satz, den Ela Küster, 34, hört: Ist der Designer schon da? Von allen Seiten prasseln Fragen auf sie ein. Mit Knopf im Ohr ist sie wie für eine TV-Show verkabelt und schaut nach dem Rechten: Sind alle Models anwesend? Sitzt das Kleid? Auf ihren Listen hakt Küster zum Beispiel ab, welches Model schon den Probelauf hinter sich hat. "Alle Mädchen Schuhe an! Schuhprobe!" Mit Lockenwicklern im Haar ziehen die Models ihre 14-Zentimeter-Highheels an und stöckeln einmal über den Laufsteg.

Fotostrecke

14  Bilder
Stöckeln auf Highheels: Zehn Tipps für den Alltag
Ela Küster und ihre Kollegen sind auch für die "Run-Order" zuständig, also die Reihenfolge der Models auf dem Catwalk. Jedes Model läuft mehrmals, es ist nicht einfach, den Überblick zu behalten. Die Run-Order mit Bildern ist darum an eine Wand gepinnt. Sobald die Show anfängt, kann Küster nur noch im Hintergrund auf den Übertragungsmonitor gucken und hoffen, dass alles glattgeht. Zwischendurch zupft sie noch mal an den Röcken rum.

"Der größte Alptraum wäre, wenn jetzt der Strom ausfällt. Aber das passiert nicht", sagt sie. Die Spannung, ob alles klappt, mag Küster an ihrem Job: "Einmal wurden versehentlich zwei linke Schuhe geliefert. Das Model ist tatsächlich so auf den Laufsteg raus. Im Nachhinein war's witzig." Gemerkt hat es wohl keiner.

  1. Die Frau mit dem Pinsel und Allescremerin, offiziell: Make-up Artist

Mit ihrem Pinsel sieht Katja ein wenig aus wie eine Soldatin kurz vor dem Angriff. Bevor die Models auf den Catwalk gehen, setzt sie noch einen Strich hier und da. Sie schminkt zügig, professionell und so, wie sie es mit den Designern im Vorfeld besprochen hat. "Manchmal sind die Vorgaben sehr künstlerisch und nicht von der Straße", sagt Katja. "Es wird nie langweilig."

Für ihr eigenes Styling fehlt ihr die Zeit an einem typischen Fashion-Week-Tag von 7 bis 22 Uhr, sie trägt nur Wimperntusche. Katja lässt sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen. Bisher passierte ihr nur ein kleiner Fauxpas: "Manchmal müssen wir die Beine der Models vor der Show glänzend eincremen. Du schaust nur noch nach unten und cremst Beine ein. Da hab' ich einmal versehentlich einer Kollegin die Beine eingecremt, weil sie da halt stand." Aber die hat sich gefreut.

  • Der Kleiderständer. Heißt offiziell: Model

Als Richard Kranzin, 22, ankommt, isst er erst mal einen Müsliriegel: "Bei Männermodels achten sie nicht so streng auf alle Maße. Ich hab da nicht so den Druck." Angeblich isst er auch Hamburger. Die renommiertesten Designer der Welt sehen es ihm offenbar nach. Kranzin ist in den vergangenen drei Jahren gut herumgekommen: Paris, Mailand, London: "Das Tollste war, dass ich für Dior laufen durfte." Er gehörte zu den 40 Auserwählten - von 600 Bewerbern.

Bei der Berlin Fashion Week läuft er für die Berliner Marke Sopopular. Obwohl Laufen in diesem Fall nicht zutrifft: Er steht. Und zwar 45 Minuten lang, auf einem Podest. Und darf keine Miene verziehen.

Viel verdient Kranzin vom Modeln noch nicht, aber das sieht er locker: "Nur Top-Models können von dem Job richtig leben. Und die sind gar nicht mehr zu Hause." Dass er bei manchen Castings zwei Stunden wartet wie beim Arbeitsamt, findet er nicht so toll, aber er liebt eben Mode. Sonst bastelt er an seiner Karriere als Fotograf und seinem Mode-Blog.

Den Spruch "That's a wrap" hat er auf dem Oberkörper tätowiert. Stört das die Designer nicht? "Nein, guck dir den mal an", sagt er und zeigt auf einen Kollegen mit Tattoos im Gesicht. Und was hat es mit dem Wrap auf sich? Schon wieder Essen? Krenzin lacht: "Das heißt so viel wie: Ist im Kasten."

  • KarriereSPIEGEL-Autorin Sarah J. Tschernigow ist freie Journalistin in Berlin.

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insgesamt 3 Beiträge
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1. Gleichberechtigung
Malshandir 06.07.2012
Ein neues Aufgabenfeld fuer Frau Schroeder. Maennlichen Models das gleiche Gehalt verschaffen. Wenn man den Artikel einmal liesst, ist nur von Frauen die Rede an allen Positionen. Wenn dies kein Fall von Diskriminierung ist, weiss ich auch nicht. Das geht ja schon bei den Fernsehsendungen weiter. Bei der Klum-Show geht es auch nur um Frauen. es zeigt sich, dass leider immer noch mit zweierlei Mass gemessen wird. Die Diskrimnierung von Maennern wird einfach ignoriert.
2.
Hagbard 06.07.2012
Zitat von MalshandirEin neues Aufgabenfeld fuer Frau Schroeder. Maennlichen Models das gleiche Gehalt verschaffen. Wenn man den Artikel einmal liesst, ist nur von Frauen die Rede an allen Positionen. Wenn dies kein Fall von Diskriminierung ist, weiss ich auch nicht. Das geht ja schon bei den Fernsehsendungen weiter. Bei der Klum-Show geht es auch nur um Frauen. es zeigt sich, dass leider immer noch mit zweierlei Mass gemessen wird. Die Diskrimnierung von Maennern wird einfach ignoriert.
Genau. Den Job als Beineeincremer/in sofort geschlechterneutral ausschreiben.
3. An die Autorin
Senore 07.07.2012
Wenn schon über Jobs rund um Fashion Shows gesprochen wird, dann sollten vielleicht auch die Menschen in Vietnam und ähnlichen Ländern erwähnt werden die für einen Hungerlohn zig Stunden am Tag, 6 Tage die Woche diese Fummel zusammennähen. Überwiegend übrigens junge Frauen die aus Not oft mit 14 Jahren angeben 18 zu sein, nur um sich dann ausbeuten zu lassen für diese Glitzerwelt. Bezüglich Lohngleichheit für männliche Models: ähem, es ist nicht so jedes weibliche Model Unsummen verdient, im Gegenteil. ;) Topverdiener gibt es nur wenige wenn man die Masse an Models betrachtet, egal ob Männer oder Frauen.
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