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26. Februar 2013, 08:43 Uhr

Begnadete Fehlersucher

IT-Consultants mit Autismus gesucht

Das Potential von Autisten wird stark unterschätzt, findet ein Berliner IT-Unternehmer. Er bietet Fehler-Checks für Computerprogramme an und stellt dafür gezielt Menschen mit Asperger-Syndrom ein. Sie graben sich wie Archäologen durch das Buchstaben- und Zahlengewirr - mit Erfolg.

Philipp von der Linden hatte schon immer das Gefühl, anders zu sein als die anderen. "Ich habe oft nicht verstanden, warum alle Menschen um mich herum bestimmte Dinge getan haben", sagt der 39-Jährige. "Mir wurde dann meist vorgeworfen, ich würde mich mit Absicht stur stellen. Aber ich wusste es nicht besser."

Erst die Diagnose eines Psychiaters brachte Gewissheit: Von der Linden hat das Asperger-Syndrom, eine Form des Autismus. Deshalb kann er Gesagtes, Mimik und Körpersprache oft nicht sofort verstehen und einordnen. Nun aber hat er einen Job, der genau zu ihm passt. Er sucht Fehler in Computerprogrammen, bei der Berliner Firma Auticon, die sich bei der Auswahl von Mitarbeitern gezielt an Autisten wendet.

Die Diagnose Autismus traf von der Linden tief: "Erst war das ein Schock. Dann war ich aber froh, endlich zu wissen, warum ich so ticke", sagt er.

Kleines Gebiet, großes Wissen

Schätzungen gehen davon aus, dass etwa 0,6 Prozent der Menschen in Deutschland eine autistische Störung haben, heißt es beim Bundesverband Autismus, verlässliche Zahlen gibt es nicht. Das Spektrum reicht vom Asperger-Syndrom bis hin zu tiefgreifenden Entwicklungsstörungen, bei denen Betroffene den Kontakt zu anderen Menschen meiden. Dazu kommt eine Beeinträchtigung von Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Intelligenz. Männer sind von Autismus öfter betroffen als Frauen.

Typisch für einige Autisten ist ein "Inselwissen" - viel Ahnung auf ganz bestimmten Gebieten. In einer Arbeitswelt, in der Teamplayer mit sozialer Kompetenz und geschliffenen Umgangsformen erwartet werden, scheitern die meisten an den einfachsten Aufgaben. Ihnen bleibt oft nur, einen Schwerbehindertenausweis zu beantragen und Frührente zu beziehen. Nur fünf Prozent der bekannten Betroffenen haben einen richtigen Job.

Dirk Müller-Remus kennt dieses Problem. Im November 2011 hat er deshalb die IT-Firma Auticon gegründet, bei der ein Dutzend Autisten arbeiten. "Ich habe selbst ein autistisches Kind, kenne also die Schwierigkeiten von Betroffenen", sagt er. Sein Unternehmen überprüft für Kunden Computerprogramme, die häufig Programmcodes über viele Seiten haben. "Menschen mit Asperger bringen genau die Voraussetzungen mit, die man braucht, um Software zu analysieren", sagt er. Dazu zählten Perfektionismus, Detailverliebtheit und hohe Konzentration über Stunden hinweg.

Hilfe bekommen die Mitarbeiter von sogenannten Jobcoaches, die zwischen ihnen und den Kunden vermitteln und die fehlende soziale Kompetenz abfedern. Sie sollen auch für die Arbeitsatmosphäre sorgen, die viele Autisten brauchen: Zu viel oder falsches Licht kann stören, Lärm oder uneindeutige Aussagen bringen Menschen mit Autismus durcheinander.

"Hier ist Autismus keine Störung, sondern eine Begabung"

Zusätzlich bauen die Jobcoaches Vorurteile ab. "Autisten sehen sich selbst trotz Schwerbehindertenausweis häufig nicht als behindert", sagt Dirk Müller-Remus. Es komme oft vor, dass sie im Job wegen ihres ungewohnten Verhaltens gemobbt würden. "Das Potential und die Fähigkeiten, die diese Menschen haben, werden immer noch stark unterschätzt", sagt er.

In diesem Jahr bekam Auticon für sein Geschäftsmodell die Auszeichnung "Unternehmen - GründerChampions" der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) für das Land Berlin. Die Firma versteht sich keineswegs als spezielle Behindertenwerkstatt oder als Sozialunternehmen. "Wir möchten natürlich erfolgreich sein", sagt der Geschäftsführer des Start-ups.

Doch das sei nur möglich, wenn sich die autistischen Mitarbeiter auch wohlfühlen. "Sie brauchen klare Strukturen und deutliche Absprachen, damit sie Vertrauen aufbauen können", sagt Müller-Remus. Philipp von der Linden hat dies zum ersten Mal bei Auticon gefunden. "Hier ist Autismus keine Störung, sondern eine Begabung", sagt er. "Bei der Fehlersuche fühle ich mich wie ein Archäologe, der nach Spuren gräbt. Es ist richtig befriedigend, einen Fehler zu entdecken."

Constantin Alexander/dpa/mia

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