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14. September 2011, 13:14 Uhr

Berliner Kreativszene

Armut ist auf Dauer unsexy

Von Anne Haeming

Berlin ist ein Magnet für Kreative aller Art. Oft arbeiten sie viel und verdienen wenig - auch weil ihr Gehirn bei zu vielen Zahlen den Dienst quittiert. Ist friedliche Koexistenz von Kunst und Controlling, Mode und Marketing möglich? Eine Unternehmensberatung für Kulturschaffende versucht sich daran.

So sieht es also aus, wenn zwei Welten kollidieren. Auf der einen Seite des großen Konferenztischs sitzen Damen und Herren in Anzügen und Jacketts. Und dann vorn rechts die beiden Paradiesvögel: Ihm fallen lange dunkle Haare auf die Schultern, er trägt eine kragenlose Jacke und petrolfarbene Socken in braunen Herrensandalen; daneben eine junge Frau mit brünetten Locken und breitem Kropfband aus schwarzer Spitze.

Die einen sind Unternehmensberater. Die anderen heißen Stefan und Sybille Behr. Künstler. Sie leiten ein freies Theater - und wollen gefördert werden. Die Berater gehören zum Berliner Kreativ Coaching Center (KCC); das Projekt wurde 2008 unter anderem von der Berliner Investitionsbank und dem Land Berlin gestartet. Sie entscheiden, welche Gründer, Start-ups und sonstige Künstler aus der Kreativbranche förderwürdig sind.

Der Deal: Sie bekommen zwei Beratertage umsonst. Alle weiteren Coachings kosten zwar - aber dank EU-Fördergeldern nur einen Bruchteil dessen, was man sonst für eine Unternehmensberatung hinblättern muss.

Hauptstadt des kreativen Prekariats

"Der Bedarf ist immens", sagt Marina Steinbach. Von Anfang an gehörte sie zum nun knapp 20-köpfigen Beraterpool des KCC. Die Coaching-Projekte haben sich auf 90 im Jahr verdoppelt; die meisten der Geförderten sind TV- und Filmschaffende oder kommen aus dem Mode- und Designbereich - beides mittlerweile feste Größen am Wirtschaftsstandort Berlin.

Das KCC ist ein Unikum. Hier lernen Kreative, was ihnen häufig fehlt, um von ihrer Kreativität auch leben zu können: "Marktanalyse, Machbarkeitsstudien, Geschäftsplan, Controlling", so das KCC-Angebot.

In der Berliner Wirtschaftsverwaltung landete eines Tages eine Studie: Die Kreativbranche sei ein Magnet für Arbeitsplätze. Laut " Projekt Zukunft" des Landes Berlin nahm die Zahl der Unternehmen in diesem Wirtschaftszweig allein in der Hauptstadt zwischen 2000 und 2008 um knapp die Hälfte zu. Filmschaffende, Spieleerfinder, Künstler, Modedesigner, Galeristen: alles Kunden beim KCC. Sogar die Bundesregierung hat eine eigene Initiative gestartet.

Die Stadt ist ein Spezialfall: Sie ist immer noch bekannt für recht günstige Mieten, freie Büroflächen und dafür, dass man mit relativ wenig Aufwand experimentieren kann. Das lockt seit Jahren Kulturschaffende, oft aus dem "Prekariat" - Leute, die durchaus viel arbeiten, aber kaum etwas verdienen. Im billigen Berlin kann man sogar einigermaßen davon leben.

Künstler verstehen kein Beratersprech

Kcc-Vorbild ist das Technologie Coaching Center (TCC), das die Berliner Investitionsbank schon seit 1997 betreibt. "Wir haben das Projekt einfach auf die besonderen Bedürfnisse der Kreativwirtschaft angepasst", sagt TCC-Geschäftsführer Andreas Bißendorf. Der Unterschied: Die KCC-Coaches müssen zwingend selbst schon in der Kreativwirtschaft gearbeitet, ein entsprechendes Fach studiert haben. Die Spezialisierung auf die Filmbranche oder Werbeagenturen hilft bei der Vermittlung der Start-Ups und Jungunternehmer: "Die Coaches müssen die gleiche Sprache sprechen wie diejenigen, die sie beraten sollen", so Bißendorf.

"99 Prozent der Kreativen sagen: Wir können nicht mit Zahlen umgehen. Diese Gehirnhälfte funktioniert bei uns nicht", sagt Marina Steinbach - aber das sei Quatsch. Sie hat lange in einer Werbeagentur gearbeitet, kennt beide Perspektiven. "Oft höre ich: Normale Berater verstehen wir nicht." Steinbach weiß: Die Kreativen können sich nicht an Firmenstrukturen orientieren, es gibt auch kaum einschlägige Ratgeberbücher. Schließlich erfinden sie etwas originär Eigenes - anders als in Gastronomie oder Handwerk.

So wie die Behrs das Theaterprojekt Anu. Man kann sie für Stadtjubiläen buchen, sie inszenieren auch mal in stillgelegten Zechen. Das Problem: Ihr Unternehmen wächst, sie haben Angestellte - und müssen sich neu strukturieren. Deshalb sind sie beim KCC gelandet.

Die ewige bange Frage: Tötet zu viel BWL-Denke die Ideen? Passe ich mein Produkt zu sehr an den Markt an?

Beim "Jour fixe" wie an diesem Nachmittag werden Antragsteller im Halbstundenrhythmus durchgeschleust. Gerade steht Marina Steinbach vorn und erklärt ihren Kollegen, warum die Macher von "Theater Anu" dringend Beratung brauchen, mit Power-Point-Präsentation und allem Pipapo. "Rentabilität", sagt sie in den Raum, "Deckungsbeitrag" und "Sekundärverwertungsbereich". Die anderen Berater wippen in ihren crèmeweißen Ledersesseln, rings um den großen ovalen Konferenztisch, oben im 12. Stock der Berliner Investitionsbank.

Beim Blick aus dem Fenster sieht man nur bis zum Horizont, schmutziggrau und immens: Berlin. Wahrscheinlich ist das ein psychologisches Ding. Wer hier sein Projekt vorstellt, soll ein Gefühl dafür bekommen, wie es ist, wenn einem die Stadt zu Füßen liegt. Wie es ist, oben angekommen zu sein. Da, wo sie erst noch hinwollen.

Horror vor der Zahlenwelt

"Wir müssen beides sein: Künstler und Unternehmer", sagt "Anu"-Gründer Stefan Behr. Nur so könnten sie bestehen. Als Verantwortung für Angestellte dazukam, wurde ihm klar: Das reine Künstlerdasein ist passé. Er kaufte Ratgeberliteratur, schaffte sich BWL-Wissen drauf, hofft nun auf einen fachlichen Blick von außen. "Die Budgets werden enger in den Städten", sagt Behr. "Wir müssen unser Geschäftsmodell anpassen, neue Zielgruppen erschließen."

Marina Steinbach soll dabei helfen. Viele Kreative, so ihre Erfahrung, hätten fast Angst, sich auf die Zahlenwelt einzulassen: Wenn ich jetzt auf einmal so BWL-ig denke, schränke ich damit meine Kreativität ein? Passe ich mein Produkt zu sehr an den Markt an?

"Wenn es denen finanziell so schlecht geht, dass sie ihre Miete nicht mehr zahlen können, können sie auch nicht mehr kreativ sein", kommentiert die Beraterin trocken. "Viele Kreative fangen klein an und denken nicht in großen, unternehmerischen Dimensionen." Sie sei dazu da, fachlichen Input, ein paar Impulse zu liefern, Geschäftsmodelle auszuhecken - "aber umsetzen müssen sie das selbst".

"Ich würde heute hier nicht sitzen ohne diese Beratung", sagt Modedesignerin Esther Perbandt. Hier, das ist ihr Ladenatelier direkt an der Straßenkreuzung im Bezirk Mitte, wo sich kleine und große Designer tummeln, zwischen Avantgarde und Kette. Perbandt mit ihrem chanelschwarzen ultrakurzen Bobhaarschnitt und der Haarsträhne im Nacken, ihrem Markenzeichen, gründete 2004 ein eigenes Label. Nach Modedesignstudium und Stationen in Frankreich trieb sie ihre Marke drei Jahre lang voran, obwohl sie Vollzeit als Designerin bei einer großen Jeansfirma arbeitete. Bis sie sich sich entscheiden musste.

Auf einmal Unternehmerin

Die Wahl fiel auf die eigene Marke, im Gepäck "nur das betriebswirtschaftliche Knowhow, das ich mir in den ersten Jahren durch Learning by doing selbst beigebracht hatte", so Perbandt. "Während meines Studiums war das alles kein Thema." Ihr Umfeld fand den Schritt riskant. Perbandt suchte sich eine Unternehmensberaterin, landete so beim KCC. Fortan stand alle paar Wochen ein Termin mit ihrer Betreuerin an.

Kostenkalkulation, Positionierung auf dem Markt, Konkurrenzanalyse - es war ein Intensivtraining. Die Fleißarbeit gab es als Hausaufgabe zum nächsten Mal: Exceltabellen pflegen, Umsätze hochrechnen, Drei- bis Fünfjahrespläne erstellen, Kosten für Musterkollektionen kalkulieren, um zu wissen, wann Liquiditätsengpässe entstehen könnten - und dann umschichten. "Davon zehre ich noch heute", so Perbandt. Vielen Kollegen hat sie das auf Kreative spezialisierte Beratungssystem weiterempfohlen.

"Sehr viel gelernt" habe sie, sagt Perbandt. Am deutlichsten merke sie das bei Bankterminen - am Anfang habe sie kaum ein Wort herausbekommen und gehe heute ganz selbstverständlich zu solchen Verhandlungen: "Ich sehe mich nicht mehr nur als Designerin, sondern ebenso als Unternehmerin."

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