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Eine ungewöhnliche Entscheidung Ich bin Hausfrau - na und?

Helena von Hutten mit Esther und Clementine Zur Großansicht
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Helena von Hutten mit Esther und Clementine

Helena von Hutten lebt ein Leben, das aus der Zeit gefallen zu sein scheint: Die 30-Jährige ist Hausfrau. Dafür wird sie oft angefeindet. Vor allem von anderen Müttern - die sie für eine Verräterin halten.

Im Mai des vergangenen Jahres hatte Helena von Hutten, 30, endgültig genug. Genug von all den Vorwürfen. Abends stellte sie einen offenen Brief ins Internet. Ihre Nachricht an alle: Ihr könnt mich mal.

"...seitdem ich Mutter bin, höre ich mir von euch an, wie unemanzipiert ich sei, bequem, altmodisch und sogar fahrlässig in Bezug auf die Bildung und das Erlernen sozialer Kompetenzen meiner Kinder, weil ich sie erst mit dreieinhalb Jahren in den Kindergarten gesteckt habe... Die Anfeindungen haben mich im Laufe der Jahre wütend gemacht. Anfeindungen vor allem von berufstätigen Müttern, die ihre Kinder mit einem Jahr oder jünger in Kitas unterbringen, oder von Frauen, die noch nicht einmal Kinder haben..."

So geht es 200 Zeilen lang. Eine Abrechnung mit allen Frauen, die Hausfrauen wie sie für Dummchen oder Verräterinnen halten. Auslöser war eine Episode am selben Nachmittag auf dem Spielplatz gewesen. Sie war dort mit ihren drei Kindern (Esther, fast 2, Johanna, 5, Clementine, 7) mal wieder allein gewesen. Gegen 17 Uhr kamen endlich einige Spielgefährten - direkt aus der Kita. Erschöpfte Mütter, erschöpfte Kinder. Alltag in Berlin-Pankow.

Plötzlich gab es Geschrei. Ein Junge hatte Esther ein Förmchen weggenommen, und sie hatte es zurückerobert. Der Junge schrie: "Meins!" Tränen flossen. Bis seine Mutter versprach: "Mama kauft dir eins."

Es war nur der Auftakt zum nächsten Konflikt. Die Mutter des Jungen stichelte: "In der Kita hätte deine Tochter Sozialverhalten gelernt." Hutten schwieg und sah nur den Kindern zu, die bereits wieder einträchtig eine Sandburg bauten.

Alles gehört beiden - zu gleichen Teilen

Fulltime-Managerin gegen Fulltime-Mama. Moderne gegen Tradition. Eine Episode, die für das Dilemma der Frauen in Deutschland steht: Die eine geht arbeiten und verzichtet auf Zeit mit dem Kind. Die andere bleibt zu Hause und verzichtet auf ihre Rente. Diese Diskussion kann keiner gewinnen. Trotzdem gab die Angreiferin keine Ruhe: "Ich lass mich wenigstens nicht von meinem Mann aushalten." Das saß. Auch wenn Helena von Hutten ihre Situation ganz anders sieht.

Hausfrau und Mutter Helena von Hutten Zur Großansicht
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Hausfrau und Mutter Helena von Hutten

Doch seit diesem Tag lässt sie eine Frage nicht mehr los: Was läuft falsch in dieser Gesellschaft? Warum darf eine Mutter nicht einfach nur Mutter sein?

"Glucke", "Klette", hört sie oft, manchmal auch: "Ach, du arbeitest gar nicht?" Sie kontert: "Ich arbeite viel, um meinen Kindern eine glückliche Kindheit zu geben" - und erntet mitleidiges Lächeln.

Kinder statt Karriere. Als Huttens Mutter jung war, war das noch eine weit verbreitete Entscheidung. Heute ist der Job der Hausfrau wertlos geworden. "Weil er kein Geld bringt", sagt die dreifache Mutter.

Gerade läuft die dritte Fuhre Wäsche. Sie muss noch kochen. Um 12 Uhr ist der Kindergarten zu Ende. Anschließend kommt die siebenjährige Clementine aus der Schule. Mit ihr muss sie noch Rechnen üben, danach zum Kinderarzt. Um 16 Uhr beginnt die Musikschule.

Rein ins Auto, schnell noch zum Supermarkt, alles ein- und wieder auspacken. Um 18 Uhr fängt Esther an zu quengeln. Brei kochen, ein Lied singen, ab ins Bett. Danach das Abendritual mit den beiden Größeren. So geht das jeden Tag. Und jeder Tag fängt um 6.15 Uhr an.

Dieses Leben hat sich so ergeben. Philipp von Hutten, 39, ihr Mann, arbeitet als Auktionator, ist viel unterwegs. Deshalb haben sie sich für Arbeitsaufteilung entschieden - er verdient das Geld. Durchschnitt, kein Vermögen. Sie schmeißt den Haushalt. Eins ist jedoch anders als zu alten Zeiten: Sie sehen sich als Team. Alles gehört beiden - zu gleichen Teilen.

Hutten war 23 Jahre alt und studierte Psychologie, als sie schwanger wurde. Das Kind war nicht geplant. Sie wollte trotzdem ihren Abschluss machen und später arbeiten - so wie 96 Prozent der modernen Frauen. Doch nach der Entbindung kam alles anders. Helena von Hutten hatte das Baby im Arm und dachte: was für eine Verantwortung. Sie unterbrach das Studium erst einmal.

Viel Arbeit, gar kein Geld

Emanzipierte Frauen halten solch einen Lebensentwurf für einen Lebenswegwurf. Ein Rückschritt in die Fünfzigerjahre, als frau noch Kittelschürze trug. Deren Enkeltöchter können heute Karriere machen. Und viele haben auch Top-Berufe - bis ein Baby kommt. Dann versinken die Träume im Stress: Väter und Mütter hasten von der Wickelkommode in die Kita, ins Büro, holen das Kind wieder ab, beantworten auf dem Spielplatz Mails.

Mit den Kindern im Garten Zur Großansicht
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Mit den Kindern im Garten

Überstunden, Dienstreisen - ein logistischer Akt. Und wenn nur ein Rädchen im Getriebe klemmt - das Kind krank wird oder der Babysitter - dann geht alles schief. Die Folge: 17 Prozent der Frauen schmeißen schon direkt nach der Geburt hin oder arbeiten nur noch wenige Stunden. 55 Prozent gehen auf Teilzeit, oft für viele Jahre. Derweil arbeiten die meisten Männer Vollzeit weiter.

Zukunftsprognose vieler Frauen: Altersarmut. Konsequenz: In 20 Jahren werden vermutlich 40 Prozent aller westdeutschen Frauen nur 600 Euro Rente zum Leben haben.

Abgebrochenes Studium, kein Beruf. Helena von Hutten weiß, dass auch ihr weiteres Leben Risiken birgt - insbesondere eine mögliche Scheidung.

Die Tür geht auf, Esther stolpert herein. Schniefnase, rote Wangen. Sie quält sich mit den Backenzähnen. "Mama schmusen." Sie lehnt ihren Kopf an Huttens blauen Strickpulli. Esther ist mit ihren 22 Monaten in Sachen Kita seit zehn Monaten überfällig - sagen Politiker. Eltern, die zu lange aus dem Job aussteigen, belasten später die Sozialsysteme. Und auch Teilzeitarbeit kann niemanden retten: So erhält ein Arbeitnehmer, der zwölf Jahre lang jeden Monat 1500 Euro brutto verdient, am Ende höchstens 175 Euro Rente.

Viel Arbeit, gar kein Geld. Das sind die Konditionen einer Hausfrau. Hutten will darüber nicht nachdenken. Sie hat sich entschieden - entgegen allen Ermahnungen.

Esther hat den Lichtschalter gefunden: an, aus, an, aus. Dann werden die Tulpen auf dem Tisch seziert. Die Vase kippt. Esther putzt, wenn Mama putzt. Sie kocht, wenn Mama kocht. Lernen durch Probieren. Ihre Schwestern sind wieder da. Sie sind die Einzigen unter ihren Freundinnen, die mittags zu Hause essen. Ihre Mutter mahnt: Hände waschen, Messer und Gabel benutzen, nicht mit vollem Mund sprechen.

Die Familie hat vor vier Monaten ein Haus in Brandenburg gekauft. Einfach verglaste Fenster, dicke Rippenheizkörper. Vor der Tür parken rote Kinderräder, im Eingangsbereich stehen Gummistiefel. Der Garten ist verwildert. Es könnte später eine Altersvorsorge sein.

Jetzt hat das Ehepaar erst mal andere Pläne: weitere Geschwister für Clementine, Johanna und Esther.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 633 Beiträge
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1. Jeder Lebensentwurf ...
fridericus1 04.03.2016
... birgt Risiken. Glücklicherweise haben junge Menschen (und besonders Frauen) heute eine wesentlich größere Wahlfreiheit als noch ihre Eltern oder Großeltern. Es gibt keinen Grund, "Hausfrauen" wegen ihrer Wahl anzufeinden. Und meinen Respekt für ihren Job hat Frau von Hutten. Und wieso sollen Kinder mit zwei Geschwistern kein Sozialverhalten lernen, nur weil sie nicht in die Kita gehen?
2. Als Psychotherapeut ...
ede-wolff 04.03.2016
erschrecke ich vor den Folgen in der Zukunft. Seit S. Freud, M. Mahler, M. Klein wissen wir viel über die psychische Entwicklung des Kleinkinds und vor allem über die entscheidende Bedeutung einer sicheren Bindung in den ersten Lebensjahren. Die Folgen einer exzessiven Kita-Kultur erlebe ich als Psychotherapeut in den neuen Bundesländern täglich in meiner Praxis. Die Art der Störungen ist völlig anders als in den alten Bundesländern: wesentlich mehr Angst- und Panikstörungen, extreme Aggressionshemmungen, schwere Bindungsstörungen. Welche "Experten" halten ein 22-monatiges Kind für seit 10 Monaten "überfällig für die Kita?" Mir graut vor den Folgen für unsere Gesellschaft!
3.
mauerfall 04.03.2016
Jenseits Ostdeutschlands und der westdeutschen Ballungszentren ist es doch wohl eher so, dass die Frauen schief angesehen werden, wenn sie arbeiten gehen... Egal was Frau macht, es ist falsch ;)
4. Nichts gelernt
rieberger 04.03.2016
Die Selbstbestimmung ist noch lange nicht erreicht. Solange Menschen (Männer wie Frauen) für ihren eigenen Lebensentwurf angefeindet werden, solange leben wir in einer Welt voller Schubladendenken. Man muß nicht alles gut finden, was andere machen und keiner darf den Anspruch erheben, daß sein Lebensentwurf der allein seligmachende ist. Aber jeder Mensch hat das Recht dazu, das zu machen, wie er es für richtig erachtet. Das, was sich Emanzipation nennt, ist nichts anderes als ein Vertauschen von gesellschaftlichen Vorzeichen. Nichts gelernt, nichts kapiert. Pikant die Stutenbissigkeit, mit der sich die Frauen bei Mangel von weiblicher Solidarität an die Gurgel gehen. Ist da vielleicht eine gehörige Portion Neid dabei?!
5. Das ist also die neue freie Gesellschaft.
Kurpfalz 04.03.2016
Wer nicht nach den modernen, von der selbst ernannten politischen Elite propagierten Modellen funktioniert, wird "angefeindet". Tolle Toleranz. "Es ist was faul im Staate (Shakespeare)."
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