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Arbeit von Lobbyisten "Hinterbänkler werden oft unterschätzt"

Besucher auf dem Reichstagsgebäude: Da gehen Lobbyisten ein und aus Zur Großansicht
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Besucher auf dem Reichstagsgebäude: Da gehen Lobbyisten ein und aus

Strippen ziehen, Klinken putzen, Parlamentarier umschmeicheln und beeinflussen - Lobbyisten haben keinen guten Ruf. Volker Kitz war einer. Im Interview erzählt er, wie so ein Politikflüsterer arbeitet und wieso Schokoriegel oder die "Lindenstraße" Türen öffnen können.

KarriereSPIEGEL: Herr Kitz, Sie haben einige Jahre als Interessenvertreter gearbeitet, unter anderem für den Branchenverband Bitkom. Wie nähern Lobbyisten sich Kandidaten, die neu in den Bundestag einziehen könnten?

Kitz: Wer klug ist, kümmert sich früh um sie, trifft sich mit ihnen und behandelt sie so, als wären sie schon gewählt und hätten Macht. Das vergessen die nie, das hat mir schon manche Tür geöffnet. Viele Lobbyisten warten die Wahl ab, da dauert es ewig, bis sie einen Termin für einen Antrittsbesuch bekommen. Aber die heiße Phase war ohnehin schon vor dem Wahlkampf, als die Parteien ihre Programme geschrieben haben.

KarriereSPIEGEL: Sie rufen an und sagen: Hallo, ich hätte da was für euer Wahlprogramm?

Kitz: Ja, man redet Klartext. Man fragt: Sitzt ihr gerade am Wahlprogramm, schreibt ihr was zu Thema XY? Und dann schickt man seine Ideen rüber. Natürlich entscheidet die Partei selbst, was sie daraus macht - aber die schnelle Kontaktaufnahme geht überhaupt nur, wenn man sich gut kennt.

KarriereSPIEGEL: Die Berufsauffassung ist: Lobbyisten nehmen Politikern Arbeit ab?

Kitz: Politiker zaubern Inhalte ja nicht aus dem Hut. Wenn man etwas will, ist es immer eine gute Strategie, jemandem Arbeit abzunehmen, statt ihm welche aufzubürden. Es geht bei Interessenvertretung nur vordergründig um Sachthemen. Es geht um die Kunst der menschlichen Beziehungspflege. Ein Politiker, der sich alle Positionen vortragen lässt, muss sich am Ende immer selbst entscheiden. Er überlegt: Wem will ich was Gutes tun? Im Zweifel hilft er dem, den er mag.

KarriereSPIEGEL: Die Frage ist also, wie häufig man sich trifft?

Kitz: Je öfter ich jemanden sehe, desto sympathischer finde ich ihn, das ist psychologisch bewiesen. Man trifft sich zum Mittagessen, und jeden Abend gibt es viele Veranstaltungen im politischen Berlin, Diskussionsrunden, Open-Air-Kino und dergleichen. Wer darauf keine Lust hat, ist in diesem Beruf falsch.

KarriereSPIEGEL: Worüber unterhält man sich? Das nächste Gesetz?

Kitz: Ein Abgeordneter hat sich mal bei mir darüber beschwert, ein Kollege komme immer so schnell auf den Punkt. Wichtiger ist die persönliche Ebene. Man fragt den Abgeordneten etwa, ob er seine Umzugskisten schon ausgepackt hat, oder empfiehlt einer Ministerin einen Zahnarzt. Und Sie glauben gar nicht, was man erreicht, wenn man in einer langen Sitzung Schokoriegel austeilt. Später kann man sich dann gegenseitig anrufen und sagen: Ich habe da ein Anliegen.

KarriereSPIEGEL: Man muss also zunächst jahrelang Kontakte aufbauen?

Kitz: Nein. Manches funktioniert sofort: Gemeinsamkeiten zum Beispiel. Ein Abgeordneter und ich wurden überhaupt nicht warm, bis sich herausstellte, dass wir dieselbe Fernsehserie schauen.

KarriereSPIEGEL: Aha, welche?

Kitz: "Lindenstraße". Wir waren sofort beim Du, sind heute noch befreundet. Das mit den Gemeinsamkeiten gilt sogar für Gesichtszüge. Eine Studie hat bewiesen, dass man Leute sympathischer findet, denen man ähnlich sieht. Hat man die Wahl zwischen mehreren Ansprechpartnern, nimmt man den, dem man ähnelt. Zum Test einfach mit einem Bildbearbeitungsprogramm das Gesichtsoval ausschneiden und ins eigene Foto einsetzen.

KarriereSPIEGEL: Wie wird man Lobbyist, etwa wie Sie damals beim Branchenverband Bitkom?

Kitz: Ich habe Jura studiert und bin Rechtsanwalt, wie viele Lobbyisten - schließlich geht es um Gesetze. Ich habe mich auf eine Stellenanzeige hin bei einem der über 2000 beim Bundestag akkreditierten Verbände beworben, ganz einfach. Deren Mitarbeiter bekommen einen Hausausweis und gehen im Reichstag ein und aus, da ist nichts Geheimes dabei. Auch viele Journalisten wechseln die Seite und arbeiten als Interessenvertreter.

KarriereSPIEGEL: Oder Ex-Politiker, die bei Konzernen anheuern. Gibt es eine Hierarchie zwischen den Gruppen?

Kitz: Nein. Jede hat ihre Vorteile: Juristen kennen die aktuelle Gesetzeslage genau. Journalisten können ihr Anliegen am besten auf den Punkt bringen. Und frühere Politiker wissen, wie die Kollegen ticken, sie sind gut verdrahtet. Aber natürlich auch stark parteipolitisch gebunden. Da haben es neutrale Lobbyisten oft leichter.

KarriereSPIEGEL: Hat sich der Lobbyismus in den letzten Jahren verändert?

Kitz: Vor einigen Jahren hatten fast nur Verbände Niederlassungen in Berlin. Mittlerweile haben viele Unternehmen selbst Vertretungen, auch in Brüssel, wo die Arbeit aufwendiger ist, weil es mehr Dokumente und Ansprechpartner gibt. Für manche Firmen ist es sinnvoller, sich auf die Landespolitik zu konzentrieren und etwa in Düsseldorf präsent zu sein.

KarriereSPIEGEL: Gibt es besonders dankbare Adressaten?

Kitz: Hinterbänkler werden oft unterschätzt: Viele haben sich aus den Diskussionen zurückgezogen. Liefert man denen Ideen, können sie sich profilieren. Der Politiker, dem es ums Gemeinwohl geht, ist ja eine romantische Idee. Jeder verfolgt seine eigenen Interessen, will in erster Linie wiedergewählt werden. Als Lobbyist muss man bereit sein, Eitelkeit abzulegen und zuzulassen, dass die eigene Idee von anderen weitergetragen wird.

KarriereSPIEGEL: Im Klappentext Ihres Buchs steht: "Viele aktuelle Gesetze gehen auf seine Einflussnahme zurück". Welche?

Kitz: Wir haben zum Beispiel auf breiter Front gegen die Vorratsdatenspeicherung gekämpft. Das Gesetz kam trotzdem, aber immerhin massiv eingedampft. Zudem habe ich mich gegen Internetsperren, gegen die alte GEZ-Gebühr und für ausgewogene Anti-Spam-Regeln eingesetzt. Lobbyisten sind nicht allmächtig, können aber Einzelheiten beeinflussen.

KarriereSPIEGEL: Immer wieder liest man, dass Gesetze passagenweise oder ganz von Verbänden geschrieben werden, also nicht von den gewählten Parlamentariern.

Kitz: Ein Gesetz muss durch Kabinett, Bundestag, Bundesrat - da zu sagen, Lobbyisten "machen" die Gesetze, ist albern. Natürlich enthält ein Gesetz am Ende immer Passagen, die irgendjemand vorher gefordert hat.

KarriereSPIEGEL: Finden Sie das nicht problematisch?

Kitz: Nein, die gesellschaftlichen Interessen sollen sich ja gerade in einem Gesetz widerspiegeln. Es wäre schlimm, wenn es nicht so wäre.

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Visitenkarten: Gestatten, Honecker, hier meine Karte
KarriereSPIEGEL: Wieso das?

Kitz: Alle gesellschaftlichen Gruppen bringen sich über Lobbyarbeit in die Politik ein. Nicht nur die mit kommerziellen Interessen, auch die Kirchen, der Mieterbund, Greenpeace. So waren zum Beispiel auch der Wegfall der Praxisgebühr und die Gesetze zum Nichtraucherschutz Ergebnisse von Lobbyarbeit. Das ist das Wesen der Demokratie. Es steht sogar in der Geschäftsordnung der Bundesministerien, dass Interessenvertreter am Gesetzgebungsverfahren zu beteiligen sind.

KarriereSPIEGEL: Was stand eigentlich auf Ihren Visitenkarten? "Lobbyist"?

Kitz: Nein, zu unspezifisch. Und der Begriff ist so negativ belegt.

KarriereSPIEGEL: Sie wohnen heute in München, weit weg von der Hauptstadtpolitik. Vermissen Sie was?

Kitz: Ich mache heute andere interessante Dinge. Es ist auch mal angenehm, nicht immer der Bittsteller zu sein.

  • Das Interview führte KarriereSPIEGEL-Autorin Anne Haeming (Jahrgang 1978), freie Journalistin in Berlin.

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insgesamt 32 Beiträge
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1.
nick115 10.09.2013
Gemeinnützigen Lobbyismus mit der Interessenvertretung von Firmen gleichzusetzen finde ich gewagt. Der Artikel verharmlost, dass viele Gesetze zum Nachteil von Kunden oder Patienten von Firmen beeinflusst oder sogar ganz geschrieben wurden. Das sollte verboten werden. Bsp. Lebensmittelindustrie, fast alles was die Werbemäßig machen, was die hinter draufschreiben und was vorne draufsteht ist legal...warum hat das wohl noch keiner geändert? weil die Lobby der Zucker, Fett und Aromaproduzenten zu stark ist. Und das ist nunmal schlecht für das Volk und gut für die Aktionäre! Das muss verboten werden!
2. Wen wundert's
sapereaude! 10.09.2013
Zitat von sysopStrippen ziehen, Klinken putzen, Parlamentarier umschmeicheln und beeinflussen - Lobbyisten haben keinen guten Ruf. Volker Kitz war einer. Im Interview erzählt er, wie so ein Politikflüsterer arbeitet und wieso Schokoriegel oder die "Lindenstraße" Türen öffnen können. Beruf Politikflüsterer: Wie Lobbyisten Parlamentarier umgarnen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/beruf-politikfluesterer-wie-lobbyisten-parlamentarier-umgarnen-a-921306.html)
da noch, dass die Leute immer politikverdrossener werden? Es ist schon ein starkes Stück, wie ungeniert der gute Mann davon berichtet, wie er und seinesgleichen die Demokratie aushebeln. Nur der "normale" Bürger, der die ganze Sache bezahlen muss, hat keinerlei "Interessenvertretung".
3. Dieser Artikel zeigt die Korruption durch Lobbyismus
kokolemle 10.09.2013
Und zeigt leider auch, wie die Bundespolitik durch den Lobbyismus beeinflusst und gekauft wird. Sowas gehört sofort abgeschafft und strikt verboten. Politik soll für die Allgemeinheit und nicht für einzelne Interessenvertreter gemacht werden.
4.
Zaunsfeld 10.09.2013
Mittlerweile kann ich die Leute, die sich nicht mehr für Wahlen und Abstimmungen interessieren und einfach nicht mehr zur Wahl hingehen, vollkommen verstehen. Es ist nunmal Tatsache, dass mittlerweile der Einfluss von 1.000 Lobbyisten im Bundestag mehr Gewicht hat als 60 Millionen Wählerstimmen. Das Wort "Demokratie" steht nur noch auf dem Papier, in der Praxis jedoch hat es keinerlei Bedeutung mehr. Immerhin hat die BRD-Demokratie etwa 60 Jahre gehalten und sogar die Ostdeutschen konnten 20 Jahre mit dran teilhaben, nachdem sie es als erste in der deutschen Geschichte geschafft haben, von innen heraus und mit friedlichen Mitteln eine Diktatur zu beseitigen und sich die Freiheit einfach zu nehmen. Mal sehen, wann die nächste Demokratie auf deutschem Boden beginnt und wie lang die dann halten wird.
5. böse Lobbyisten
Mimahal 10.09.2013
Zitat von sapereaude!da noch, dass die Leute immer politikverdrossener werden? Es ist schon ein starkes Stück, wie ungeniert der gute Mann davon berichtet, wie er und seinesgleichen die Demokratie aushebeln. Nur der "normale" Bürger, der die ganze Sache bezahlen muss, hat keinerlei "Interessenvertretung".
Doch, auch der "normale" Bürgern hat Interessenvertreter: Verbraucherverbände, Steuerzahlerbund, Mieterbund, ADAC usw. Nicht nur die böse Wirtschaft artikuliert sich. Im Übrigen: warum soll denn nur die Wirtschaft sich im politischen Prozess nicht äußern dürfen, alle anderen aber schon? Die Gesetze werden letztlich im Parlament beschlossen und jeder Abgeordnete muss für sich abwägen, wie er abstimmt. Dafür muss er eine möglichst breite Informationsbasis haben, also auch die Meinung der Wirtschaft.
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    Volker Kitz hat Jura und Psychologie studiert. Der Rechtsanwalt war fünf Jahre lang für den Internetbranchenverband Bitkom als Interessenvertreter in Berlin. Inzwischen lebt er als Sachbuchautor in München.
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