Von Kevin Schrein
Ein verschneiter Winterabend in Obergrombach, 20 Kilometer nordöstlich von Karlsruhe. Im Restaurant "Grombacher Stuben" stehen eine Dame und ein Herr vor 80 Zuschauern auf der Bühne und kleben Ralf Gagel mit Klebeband eine Münze aufs Auge. Es ist der Beginn eines Zaubertricks: Mit verklebten und zusätzlich verbundenen Augen errät der 49-Jährige Gegenstände, die die Zuschauer aus ihren Taschen kramen. Feuerzeug, Lipgloss, Lippenstift - Gagel erkennt die Dinge, ohne sie zu berühren. Das Publikum ist begeistert. "Nur wenn der Zuschauer jeden Schritt verfolgen kann, stellt sich der Überraschungseffekt ein", sagt Gagel. "Sonst heißt es: 'Der hat gemogelt'."
Eine Eintrittskarte für das "Magic Candle Light Dinner" in Obergrombach kostet 65,50 Euro, rund ein Drittel davon geht an Gagel. Bei Firmenauftritten verdient er mehr: Je nach Aufwand zwischen 2000 und 3000 Euro. Deutsche Bank, Lufthansa, Telekom, Casino Baden-Baden - die Referenzliste von Ralf Gagel ist lang. 100 Auftritte und mehr hat er pro Jahr, darunter einige sogar in den USA oder China. Doch der Erfolg hat auch seinen Preis: tagelanges Reisen, lange Nächte, viele Hotels.
Wer seinen Hausflur betritt, könnte meinen, Gagel ziehe um. An der Wand stapeln sich Kisten, Kabel, Zauberutensilien. Um das Risiko einer Panne zu minimieren, nimmt Gagel grundsätzlich für jeden Auftritt immer Ersatz mit - für alles, was er braucht: Lautsprecher, Scheinwerfer, Elektronik.
Die Mühe zahlt sich aus: Bei der Jubiläumsfeier einer Steuerberaterkanzlei war er der einzige, der sein Programm durchziehen konnte. Großes Festzelt, meterlanges Büffet und Bühne, alles schien perfekt, doch die Steckdosen waren es nicht. "Über 400 Volt Spannung lag an den Dosen", sagt Gagel. "Die Band ruinierte ihre Anlage, als sie ihre Lautsprecher angeschlossen hat." Der Zauberer reagierte routiniert, holte eine Kabeltrommel aus dem Auto, verlegte 100 Meter Leitung von einem nahegelegenen Haus ins Festzelt und begann seine Show, während die Bandmitglieder ihre Instrumente einpackten.
Networking ist auch in der Zauberbranche wichtig
Gagel hat schon als Kind gezaubert, mit Karten und Tüchern. Nach dem Abitur studierte er in Mannheim Sozialwesen, machte eine Ausbildung zum Kinder- und Jugendphysiotherapeuten. Sein erstes Geld verdiente er mit Zaubertricks. Drei Jahre lang arbeitete er tagsüber als Sozialpädagoge und abends als Zauberer. Dann wurde es ihm zu viel: Er entschied sich für die Magie. Bereut habe er diesen Schritt nie, sagt Gagel. Er habe sich damit einen Kindheitstraum erfüllt.
Knapp 1000 professionelle Zauberer gibt es in Deutschland. Nicht allen geht es finanziell so gut wie Gagel. Denn auch in der Zauberbranche ist Networking wichtig: Anschub bekam seine Karriere, als ihn 2001 ein Kollege aus den Vereinigten Staaten ins "Magic Castle" in Los Angeles mitnahm, den berühmtesten Zauberclub der Welt. Stars wie David Copperfield und Siegfried & Roy haben dort ihre Karrieren begonnen. Für Zauberer und Besucher gelten die gleichen strengen Regeln: Hinein darf nur, wer eine persönliche Einladung erhalten hat.
Gagel wurde dem Entertainment Direktor des Clubs vorgestellt. Als er sagte, er sei Zauberer, lachte der nur und verbesserte ihn: "You are a performer." Trotzdem solle er mal loslegen. Gagel holte einen Satz Karten heraus, den er wie eine Visitenkarte immer bei sich trägt - und überzeugte den Amerikaner. Drei Monate später trat er zum ersten Mal im "Magic Castle" auf. Acht weitere Auftritte folgten.
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