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28. Juli 2012, 09:58 Uhr

Hamburger Hafenwelt

Arbeit ahoi!

Von Helge Stroemer

Effizient und krisengeschüttelt: Der Hamburger Hafen ist getaktet wie ein moderner Industriebetrieb. Und die Jobs sind so verschieden wie die Schiffe. Vom Staplerfahrer bis zum Wasserschutzpolizist - ein Überblick über Berufe, die ganz nah am Wasser sind.

Der Barkassenführer

An den Landungsbrücken liegt die Barkasse "Christa", Baujahr 1940, und schaukelt im Rhythmus der Wellen. Barkassenführer Kim Schäfer, 30, bereitet sich im Einmann-Steuerhaus auf seine Tour vor, testet das Mikrofon, legt es neben das Mischpult. Die Landungsbrücken sind Hamburgs Anziehungspunkt, und Tausende Touristen lernen die Docks und Kanäle auf einer Hafenrundfahrt kennen.

Schäfer kennt den Hafen in- und auswendig. Nach einer dreijährigen Ausbildung zum Hafenschiffer musste er sich zunächst an den rauen Ton gewöhnen: "Die alten Schiffer kommen aus der Seefahrt. Die sagen: Das kannst du nicht, du hast ja nur Hafenschiffer gelernt. Da muss man sich durchboxen, damit man hier an den Landungsbrücken zurechtkommt."

Inzwischen hat er Fuß gefasst und fühlt sich unter den Kollegen und im Hafen wohl. Auch mit den Arbeitszeiten hat er sich angefreundet: "Es kann sein, dass um 16 Uhr Feierabend ist. Es kann aber auch sein, dass ich erst um drei Uhr morgens Schluss habe, weil Nacht- oder Partyfahrten anstehen. Das ist nicht für jeden etwas."

Im Sommer ist für die Barkassenführer viel los, gearbeitet wird an sechs Tagen in der Woche, Aushilfen werden angeheuert. Schäfer ist fest angestellt. In den Wintermonaten werkelt er am Schiff. Dann heißt es: Rost klopfen, malen, reparieren.

Der Containerexperte

Die Motoren der Hebemaschinen dröhnen, Dieselgeruch liegt in der Luft. Im Leercontainerdepot in Hamburg-Veddel herrscht Hochbetrieb. Hier werden Container für die Vermietung an Reedereien bereitgestellt, zu den wartenden Lastwagen transportiert oder repariert. Die Stapler können mithilfe der breiten Greifarme die 2,60 Meter hohen Stahlkisten wie riesige Legosteine in neun Etagen aufeinander stellen - über 20 Meter hoch.

Containerexperte Carsten Seier, 48, arbeitet seit fast 30 Jahren mit den großen Boxen. Er hat Groß- und Einzelhandelskaufmann in Kiel gelernt und die Entwicklung im Transportwesen miterlebt. In den späten siebziger Jahren begann der Wandel in der Schifffahrt vom traditionellen Stückgutverkehr zum Transport von Gütern in Stahlboxen. Heute verlassen und erreichen rund 97 Prozent aller Stückgüter den Hafen in Containern - von Kaffeesäcken bis zu Smartphones. Die Container können in kürzester Zeit verladen werden. Je kürzer ein Schiff im Hafen liegt, desto besser.

Doch die Schifffahrtsbranche steckt in der Krise. "Die fetten Jahre sind vorbei", sagt Seier. Die Reedereien leiden weltweit unter steigenden Rohölpreisen und mangelnder Auslastung. Der Niedergang begann mit der Finanzkrise 2008. Zuvor konnten sich die Unternehmen auf wirtschaftliche Zyklen einstellen. "Wir hatten die Faustformel: sieben Jahre ansteigendes Business; sieben Jahre, in denen es wieder runter geht. Heute kann sich innerhalb eines Jahres alles ändern, und die Firmen arbeiten schnell defizitär", sagt Seier.

Der Wasserschutzpolizist

Für die Beamten auf dem Wasserschutzboot "Amerikahöft" gibt es immer etwas zu tun. Ihre Aufgaben sind breit gefächert. Sie überprüfen Passagiere auf Kreuzfahrtschiffen, kontrollieren Gefahrguttransporte - in Zwölf-Stunden-Schichten.

"Maritimer Umweltschutz gehört zu unseren elementaren Aufgaben", sagt Olaf Frankowski, Ingenieur und stellvertretender Leiter der Behörde. Es gibt Umweltsünder, die Öl auf hoher See verklappen. "Anhand der Buchlage kann ich errechnen, ob es Fehlmengen gibt", sagt Polizeikommissar Thorsten Hennig. Eine technische Ermittlungsgruppe kommt mit an Bord der Schiffe: "Die finden immer irgendwelche unerlaubten Leitungen."

Die Arbeit bei der Wasserschutzpolizei erfordert eine hohe berufliche Spezialisierung. Deshalb werden dringend neue Kollegen gesucht, die sich im Maschinenraum oder auf der Schiffsbrücke auskennen. So wie Thorsten Hennig, der seit 1997 hier arbeitet. Er schloss eine Lehre als Wasserbauwerker auf der Elbe ab, danach war er zehn Jahre lang bei der Marine, sechs Jahre davon im nautischen Dienst mit Einsätzen im Mittelmeer und im Atlantik. Bis heute faszinieren ihn die großen Seeschiffe: "Man hat einfach mehr Möglichkeiten, etwas an Bord zu überprüfen."

Der Bootsbauer

Georg Marschall, 26, begeisterte sich während seiner Ausbildung für deutlich kleinere Schiffe. Der Betrieb Jugend in Arbeit in Hamburg-Harburg bildet ihn zum Bootsbauer aus. "Man arbeitet mit Holz, Metall und Kunststoff. Motoren gehören auch dazu. Außerdem gefällt es mir, an der frischen Luft im Hafen zu arbeiten", sagt Marschall.

Für Hamburgs traditionelle Bootsbauausbildung sieht es derzeit jedoch nicht gut aus. Die Werften kämpfen ums Überleben. "Wir suchen Unternehmen, die die Ausbildung sponsern", sagt Jens Lüth von Jugend in Arbeit. Die Hansestadt hat die finanzielle Förderung eingestellt und die zuständige Berufsschule geschlossen. Die Auszubildenden fahren nun nach Lübeck-Travemünde in die Schule.

Lüth glaubt an die Zukunftsfähigkeit der Branche: "Eine große Nachfrage sehen wir auf der nordeuropäischen Achse zwischen Hamburg, Kopenhagen und Malmö." Bootsbauer seien auf Yachtwerften gefragt, aber auch beim Flugzeugbau, wo sie häufig für die Innenausstattung zuständig sind.

Der Souvenirverkäufer

Reeder, Yachtmakler und Schiffsausrüster haben sich im Hafenviertel rund um das Portugiesenviertel niedergelassen, aber auch viele Souvenir- und Antiquitätenhändler. Ein Blick in die Schaufenster verführt zu einem nostalgisch verklärten Blick auf die Seefahrts- und Hafengeschichte.

Bis zu seinem Tod im Herbst 2010 hat Günther Biller in seinem Laden "Seekiste" Steuerräder, Schiffsbilder und Buddelschiffe verkauft - fast 50 Jahre lang. Wer sich länger mit ihm unterhielt, erfuhr mehr aus seinem Leben - aus der Zeit vor seiner kaufmännischen Karriere. In den fünfziger Jahren fuhr er zehn Jahre zur See. "Es war schwierig, einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Mit 14 Jahren habe ich dann als Kajütsjunge im Hamburger Hafen angeheuert." Unvergessen blieben ihm die Erlebnisse auf dem Tanker "Umatilla", der im Golf von Biskaya in einen Sturm geriet, wodurch schwere Schäden entstanden.

Weltweit war er auf zum Teil abenteuerliche Weise auf See und an Land unterwegs: Afrika, Süd- und Nordamerika. "Die Liegezeiten waren damals ganz andere als heute. Wenn irgendwo gestreikt wurde, lagen wir mehrere Wochen im Hafen. In New York waren es sechs Wochen. Das war die Gelegenheit, um sich die ganze Stadt anzugucken", so Biller. Davon können heutige Seeleute nur noch träumen.

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