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Festmacher im Hafen "Reißende Taue schlagen wie Schwerter"

Festmacher: Ein Job für harte Kerle Fotos
SPIEGEL ONLINE

Es gibt sie in jedem Hafen der Welt, sie schuften an 365 Tagen im Jahr - und doch ist ihr Beruf vielen unbekannt. Festmacher vertäuen Frachter, Kreuzfahrtschiffe oder Tanker an Kaimauern und Pfählen. Häufig riskieren sie dabei ihr Leben.

Warten, schwitzen, frieren - für Wolfgang Kleid, 53, gehört das zum Arbeitsalltag. Seit 37 Jahren vertäut er Frachter, Kreuzfahrtschiffe oder Tanker an den Kaimauern des Hamburger Hafens, zwölf Stunden am Tag, 14 Tage hintereinander, dann hat er eine Woche frei. Ihm gefällt der Rhythmus: "Seeleute sind ganz anderes gewöhnt."

Kleid ist ein sogenannter Festmacher. Es ist einer der ältesten Jobs im Hafen: Vor hundert Jahren ruderten die Männer noch mit Spitzgattjollen zu den ankommenden Schiffen, der schnellste Trupp bekam die Arbeit - und angeblich wurden nachts auch gern mal die Ruder der Konkurrenz angesägt.

Kleid erfährt über ein Funkgerät, welches Schiff als nächstes an- oder ablegen will. Jetzt ist es die "Chrystal Symphony", ein Kreuzfahrtschiff mit zwölf Decks und 900 Passagieren an Bord. Für sie soll in einer Stunde die große Fahrt beginnen - wenn Kleid die Taue gelöst hat. Dafür muss er erst einmal auf die andere Seite der Elbe.

Die Einsatzzentrale der Arbeitsgemeinschaft Hamburger Schiffsbefestiger ist ein Kuppelbau unter der Köhlbrandbrücke und eine von drei Stationen im Hafen, von denen aus die Festmacher zu ihren Einsatzorten ausschwärmen - meistens mit einem Kleinlaster, dem sogenannten Winschenwagen. Boote kommen nur noch selten zum Einsatz, etwa, wenn ein Schiff an Pfählen festgemacht werden soll.

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Der Vorteil der Kleinlaster: Auf den Ladeflächen haben sie hydraulische Winden mit einer Zugkraft von bis zu einer Tonne. So können die armdicken Schiffstaue, die sogenannten Festmacherleinen, fast mühelos an den Kai gezogen werden, wo Kleid und seine Kollegen sie an den Pollern befestigen. "Anstrengend ist die Arbeit trotzdem noch", sagt Kleid. Manchmal müssen sie die Leinen von Hand auf bis zu zehn Meter hohe Pfähle ziehen. Im Winter, wenn die Taue gefroren sind, eine besonders schwere Aufgabe.

Kleid hat keine einzige Kollegin. Alle 110 Festmacher im Hamburger Hafen sind Männer. "Bewerbungen von Frauen sind die absolute Ausnahme", sagt Joachim Küchler, Geschäftsführer der Hamburger Schiffsbefestiger, eines Zusammenschlusses von fünf Festmacherbetrieben. Rein körperlich würden auch Frauen den Job schaffen, ist Kleid überzeugt. Vermutlich sei der Beruf einfach nicht bekannt oder attraktiv genug. Festmacher verdienen mehr als etwa Containerpacker - aber weniger als Brückenfahrer.

Der Job war früher eine beliebte Alternative für Seeleute, die nicht mehr unterwegs sein wollten. Heute ist der Nachwuchs schwerer zu finden. Eine Marketingkampagne, um vor allem mehr Frauen für den Beruf zu begeistern, hält Küchler dennoch für überflüssig. Der Laden läuft ja schließlich. Und vielleicht bewirbt sich ja auf einen der aktuell ausgeschriebenen Ausbildungsplätze eine Frau, als Hafenschifferin. Das ist die offizielle Berufsbezeichnung der Festmacher.

Eine Leine wie ein Schwert

Voraussetzung für einen Ausbildungsplatz: Ein guter Hauptschulabschluss, Führerschein und körperliche Fitness. "Das ist kein Schreibtischjob. Man muss die Gefahren kennen und bei Wind und Wetter raus", sagt Küchler. Ein Festmacher muss die Manöver des Lotsen verstehen; wissen, welches Tau um welchen Poller gehört - und rechtzeitig fliehen, wenn eine Leine zu reißen droht.

Kleid sagt, er erkenne das schon am Geräusch, einem eigentümlichen Surren. Reißende Taue haben eine Schlagkraft wie ein Schwert, immer wieder kommt es zu Unfällen, auch tödlichen. Angst hat Kleid deshalb aber nicht. Statistisch gesehen sind die Autofahrten zu den Anlegestellen gefährlicher.

Bis zu zehnmal am Tag fährt er durch den Elbtunnel. Am Kreuzfahrtterminal in Altona, wo die "Crystal Symphony" vertäut ist, warten schon drei Kollegen auf ihn. Sie arbeiten für einen anderen Arbeitgeber, das ist aber nicht zu erkennen. Arbeitskleidung und Laster sehen gleich aus: "Boatmen" steht darauf. Es ist das Logo der Arbeitsgemeinschaft. Mit wem er welches Schiff fest- oder losmacht, erfährt Kleid meist erst am Kai. Für ihn macht das auch den Reiz der Arbeit aus: Für einen "Schnack", also ein Pläuschchen, ist immer kurz Zeit.

20.000 Einsätze im Jahr

Zwei Kollegen in der Zentrale disponieren die Mitarbeiter der fünf Festmacherbetriebe. Sie sehen die aktuellen Schiffspositionen auf einem Monitor, sprechen mit Kapitänen und Reedern. Jeweils 20 bis 25 Festmacher sind pro Schicht in den Startlöchern, an 365 Tagen im Jahr, rund um die Uhr. Manchmal jagt ein Auftrag den nächsten, manchmal warten sie stundenlang. 10.106 Schiffe haben 2011 im Hamburger Hafen angelegt - das macht 20.212 Arbeitseinsätze für die Festmacher, plus Los- und Festbinden der Schiffe, die innerhalb des Hafens von einem Platz zum nächsten fahren.

Die Ankunfts- und Abfahrtszeiten der Schiffe verschieben sich oft kurzfristig - und auch die Zeit zum Vertäuen lässt sich nur schätzen. 30 Minuten sind die untere Grenze, Kleid und seine Kollegen haben aber auch schon bis zu eineinhalb Stunden gebraucht. Das hängt auch von der Mitarbeit der Besatzung ab. Wenn sich keine gemeinsame Sprache findet, verständigen sich die Festmacher mit der Crew per Handzeichen. Besonders fit sei in der Regel die Besatzung von Kreuzfahrtschiffen, sagt Kleid.

Das Losbinden der "Crystal Symphony" dauert nur wenige Minuten. Zwei Männer vorne, zwei hinten, ruck zuck sind die Taue vom Poller gezogen und klatschen ins Wasser. Kleid sagt, er könne sich keine andere Arbeit vorstellen: Nette Kollegen, jeden Tag an der frischen Luft, jeden Tag andere Schiffe. Die Fabrikate seien ihm eigentlich egal, nur bei einem Schiff hat er sich extra einteilen lassen: der "Queen Mary". Beeindruckend sei der Job gewesen, aber: "Es sind auch nur Taue."

  • Autorin Verena Töpper (Jahrgang 1982) ist KarriereSPIEGEL-Redakteurin.

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insgesamt 21 Beiträge
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    Seite 1    
1. ne
crocodil 25.07.2012
das wäre für mich kein Job .
2.
franko_potente 25.07.2012
Zitat von crocodildas wäre für mich kein Job .
nee nur mal zum "erden". Aber wie wärs mit ner Frauenquote?!
3. Das ist noch wirklich...
olaf m. 25.07.2012
...richtige Arbeit. Vor langer Zeit (70-/ 80er Jahre) war ich auch oft im Hafen am Werk, als trucker im Container- und Trailerverkehr. Danach wurde ich - leider - Büroheini und nicht wirklich glücklich. Und jetzt in den heutigen Zeiten möge man einmal nachdenken: Auf wen können wir eher verzichten: Auf Banker, Makler, Berater und Rechtsanwälte etc. oder auf Krankenschwestern, Autoschrauber, Feuerwehrleute und andere ehrliche produktive Berufstätige ??
4. Arbeitszeitgesetz
dab 25.07.2012
"zwölf Stunden am Tag, 14 Tage hintereinander". Handelt es sich bei den Kollegen um Gesetzlose?
5. hm
salopp 25.07.2012
Zitat von sysopEs gibt sie in jedem Hafen der Welt, sie schuften an 365 Tagen im Jahr - und doch ist ihr Beruf vielen unbekannt. Festmacher vertäuen Frachter, Kreuzfahrtschiffe oder Tanker an Kaimauern und Pfählen. Häufig riskieren sie dabei ihr Leben. Berufsporträt: Festmacher vertäuen Schiffe im Hafen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,845945,00.html)
Im Falle einer drohenden Arbeitslosigkeit, wie sieht es mit deren Zukunftsaussichten aus?
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