Von Fritz Habekuß
Thomas Laue kennt "Anzug-Tage und T-Shirt-Termine". Heute ist ein T-Shirt-Tag. Denn heute ist er vor allem im Haus unterwegs. Entspannt sitzt er an einem schmalen Schreibtisch, mit grauen Sneakers und blauem Poloshirt, sein wacher Blick fällt durch eine randlose Prada-Brille. Was in seinem Beruf zählt? "Man muss wissen, wann man sich zurücknehmen muss. Man muss wissen, wann man voll da sein und wie ein Panzer durch die Gegend donnern muss. Und man muss wissen, wann was wichtig ist", sagt Laue, 41.
Als Chefdramaturg am Bochumer Schauspielhaus ist er ein enger Partner des Regisseurs. Zusammen feilen sie schon lange vor Probenbeginn an einem Konzept für ein Stück. Die Frage, wieso ausgerechnet Shakespeares "König Richard der Dritte" am Schauspielhaus inszeniert werden soll, muss Laue genauso beantworten können wie der Regisseur. Dafür muss er viel lesen. Vor allem: bekannte Stücke neu lesen.
"Was hat das mit uns zu tun? Warum spielen wir das?" Damit muss sich ein Dramaturg permanent auseinandersetzen. Und trotz der Nähe zum Regisseur versuchen, das Geschehen auf der Probe mit Distanz zu beurteilen. Folgt die Szene der Logik der Inszenierung, verhalten sich die Figuren ihren Rollen entsprechend?
Im Laufe der "Richard III."-Endproben ist Laue häufig im Zuschauerraum. Er setzt sich dicht hinter Regisseur Roger Vontobel, lehnt sich zurück und schaut, was vorn geschieht. Er geht auch mit auf die Bühne und hilft mit, den Text spontan umzustellen. "Ein guter Dramaturg ist wie ein guter Sparringspartner, er trifft die Schwachstellen und legt die Strukturen offen", sagt Laue. Entscheidend sei der nächste Schritt: Wenn es Laue gelingt, seine Kritik so zu formulieren, dass Regisseur und Ensemble hinterher wissen, was sie besser machen können - dann hat Laue seinen Job gut gemacht. "Danach muss richtig was losgehen", sagt er.
"Auf gute Laune kommt es nicht an"
Studiert hat Laue an der Kölner Uni Germanistik, Philosophie sowie Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften (bei Studenten auch als "Toffifee" bekannt). Nach einigen Stationen als Regieassistent und Dramaturg arbeitete er bereits in Essen als Chefdramaturg mit Intendant Anselm Weber zusammen; gemeinsam wechselten sie ins benachbarte Bochum.
Als Produktionsdramaturg ist Laue eine Rückversicherung für den Regisseur. Er hat die Autorität, scharf zu kritisieren, Probleme aufzuzeigen und laut seine Meinung zu sagen. Dieser Verantwortung gerecht zu werden, müsse man erst einmal lernen: "Am Anfang meiner Zeit war ich gut darin, gute Laune auf der Probe zu verbreiten. Aber darauf kommt es nicht an."
Wenn der Intendant wie der Kanzler eines Theaters agiert, dann ist ein Dramaturgiechef der Innenminister. Und der Außenminister, denn er vertritt das Haus auch in der Öffentlichkeit. Häufig trifft Thomas Laue andere Kulturschaffende, bespricht Konzepte und tüftelt zusammen mit dem Intendanten an der Ausrichtung des Hauses. Oder er sucht er den Kontakt zu freien Szene, ist in Problemvierteln unterwegs, kommt mit Hip-Hop-Tänzern in Kontakt. Leute kennenlernen und daraus Ideen entwickeln sei ein Teil seiner Arbeit, sagt Laue.
Trotzdem bleibt der Schreibtisch ein wichtiger Ort für den Dramaturgen. Hier verfasst er die Texte fürs Programmheft oder schreibt Ankündigungen, hier bereitet er sich auf die nächste Einführung für das Publikum vor. Das ist dann wieder ein Anzug-Tag.
Fünf Fragen an Thomas Laue
Indem man neugierig ist, gelassen bleibt und man lernt, anderen Leuten zuzuhören, ohne sich selbst zu vergessen.
Wir brauchen es eigentlich gar nicht. Aber es ist besser, wenn es da ist. Theater muss nicht sein. Aber es kann sein. Und es sollte sein. Ich glaube, dass ständig unterschätzt wird, welche Funktion ein Theater für die Mentalität einer Gesellschaft haben kann.
Ich glaube nicht, dass man das benennen kann. Aber man würde es merken, wenn der Dramaturg nicht da wäre.
Nein, ich glaube nicht. Es muss nicht immer knallen - aber es sollte schon etwas passieren. Das heißt aber nicht, dass Theater nicht auch anstrengend sein darf.
Gestern, auf der Probe zu "Richard III". Aber das war gut. Es hat uns geholfen herauszufinden, was funktioniert und was nicht.
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