ThemaWeiterbildungRSS

Alle Artikel und Hintergründe


  • Drucken
  • Senden
  • Nutzungsrechte
 

Bildungsurlaub Sommer, Sonne, Lernen

La Gomera: Veranstaltungsort für Weiterbildung oder Freizeitparadies? Zur Großansicht
AP

La Gomera: Veranstaltungsort für Weiterbildung oder Freizeitparadies?

Weiterbildung kann so schön sein: Oft bieten Veranstalter eine Mischung aus Lernen und angenehmem Ambiente an. Viele Arbeitnehmer trauen sich aber kaum, ihren Anspruch auf Bildungsurlaub durchzusetzen. Wie Sie den Chef überzeugen.

"Ewiger Frühling" herrscht auf La Gomera, der "grünsten Kanareninsel", verspricht das Lohmarer Institut für Weiterbildung (LIW). Winterflüchtlinge aus Deutschland erfreuen sich an "subtropisch anmutenden Lorbeerwäldern mit überdimensionalen Farnen und Rankengewächsen". So schön kann Urlaub sein.

Urlaub? Von wegen.

In einem Seminarhotel in der Inselhauptstadt San Sebastián pauken die Teilnehmer des Kurses "La Gomera - Naturerbe der Menschheit oder Aussteigerparadies?" die Besiedlungsgeschichte der Kanaren. Das ist harter Stoff, aber eine Wanderung an Bananenplantagen entlang bei angenehmen 20 Grad bläst die Köpfe wieder frei.

Schon mehrfach hat das LIW den Wochenkurs angeboten - mit freundlicher Unterstützung der deutschen Wirtschaft. Denn Arbeitnehmer können den La-Gomera-Trip als Bildungsurlaub beantragen, in Berlin, Brandenburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz, Saarland, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein.

Ist Bildungsurlaub nur "Freizeit durch die Hintertür"?

Sofern sie nicht eines der vielen anderen attraktiven Angebote von Weiterbildungsinstituten und Sprachreiseveranstaltern vorziehen: Das Internationale Bildungs- und Begegnungswerk Dortmund lockt mit einer Motorradtour durch Lausitz und Spreewald; das Figurentheater-Kolleg Bochum weiht Anfänger und Fortgeschrittene in "Die Kunst des Schauspielens" ein.

Das Etikett "Freizeit durch die Hintertür" haftet Bildungsurlaub an, seit er in den siebziger und achtziger Jahren in vielen Bundesländern eingeführt wurde. Unternehmen bemängelten oft, "dass die gewählte Bildungsveranstaltung nichts mit der beruflichen Aufgabe des Betreffenden zu tun habe", sagt Manfred Kubik vom DGB Bildungswerk in Hattingen. Dabei geht es gar nicht um Wissen, das sich eins zu eins im Job anwenden lässt - das ist Aufgabe der betrieblichen Weiterbildung. Bildungsurlaub zielt in eine andere Richtung.

"Es werden Bürgerkompetenzen gefördert, die Voraussetzung für individuelle Lebenschancen, gesellschaftliche Teilhabe und demokratische Stabilität sind", sagt Kubik. "Solche Kompetenzen schaffen die Grundlage für den Einzelnen, am staatsbürgerlichen Leben teilzunehmen." Gleichwohl haben viele der anerkennungsfähigen Seminare und Lehrgänge einen stärkeren Jobbezug als die Naturschutzstudien auf La Gomera. Das Spektrum reicht von Methodenwissen, etwa Präsentationstechnik und Rhetorik, bis zu Sprachkursen und Sprachreisen.

Fünf Tage pro Jahr

Je nach Bundesland spricht der Gesetzgeber von "Bildungsurlaub" oder "Bildungsfreistellung". Unternehmen müssen danach ihre Beschäftigten auf Antrag freistellen, um ihnen eine berufliche, politische oder kulturelle Weiterbildung zu ermöglichen. Das Gehalt läuft derweil weiter.

Der Anspruch erstreckt sich auf fünf bezahlte (Saarland: sechs) Arbeitstage innerhalb eines Kalenderjahrs oder auf zehn Tage innerhalb zweier aufeinander folgender Kalenderjahre. Im Saarland können Arbeitnehmer ihre Ansprüche aus bis zu vier Kalenderjahren "ansparen". Grundsätzlich muss die Veranstaltung als Bildungsurlaub anerkannt sein, somit den in den Landesgesetzen vorgeschriebenen Anforderungen an Unterrichtsdauer und -inhalt genügen.

In den meisten Bundesländern können Arbeitnehmer erstmalig sechs Monate nach Beginn ihrer Anstellung oder Ausbildung Bildungsurlaub einreichen. Heimarbeiter und arbeitnehmerähnliche Personen sind Arbeitern und Angestellten gleichgestellt. Beamte und Beschäftigte des öffentlichen Dienstes bekommen ebenfalls ihre fünf oder zehn Tage frei, allerdings regeln das andere Gesetze. In Baden-Württemberg, Bayern, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen besteht kein gesetzlicher Anspruch auf Bildungsurlaub.

Das Verfahren zur Freistellung ist einfach: eine anerkannte Weiterbildungsveranstaltung auswählen und buchen, Teilnahmebestätigung abwarten und damit vier bis sechs Wochen vor Beginn der Maßnahmen den Anspruch anmelden. Doch nur ein bis zwei Prozent der Beschäftigten nehmen ihr Recht wahr.

Manchmal muss man Widerstände überwinden

Professor Ekkehard Nuissl von Rein, wissenschaftlicher Direktor des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung in Bonn, beobachtet "innerbetriebliche Widerstände der Arbeitgeber", die mit der finanziellen und organisatorischen Belastung zusammenhingen. "Probleme entstehen auch dadurch, dass die ein- oder zweiwöchige Abwesenheit eines Arbeitskollegen nicht nur dem Arbeitgeber, sondern auch den anderen Beschäftigten unangenehm auffallen kann, vor allem in kleineren und mittleren Betrieben", sagt Nuissl von Rein.

Deshalb sollten Arbeitnehmer zunächst unter den Kollegen für Bildungsurlaub werben. Schließlich hat jeder einen Anspruch - je mehr ihn anmelden, desto leichter fällt es, ihn durchzusetzen. Außerdem empfiehlt es sich, früh mit den Kollegen einen günstigen Zeitpunkt abzustimmen, etwa außerhalb der Schulferien. Im Gespräch mit dem direkten Vorgesetzten ist dann eine beliebte Ausflucht schon entkräftet: "Tja, Sie wissen doch, der Termindruck im Augenblick..."

Stefan Scherer, Geschäftsführer eines Sprachreisenveranstalters in Berlin und Betreiber der Web-Seite www.bildungsurlaub.info, rät, die Vorteile für das Unternehmen hervorzuheben. "Die Ökonomie ist das beste Argument", sagt er. "Der Betrieb trägt nur die Kosten für die ausgefallene Arbeitszeit, nicht die für die Weiterbildung." Wer sich weiter qualifiziert, sei außerdem motivierter und bringe bessere Leistung.

Gegen das Vorurteil, der Antragsteller wolle sich nur einen Extra-Urlaub gönnen, hilft der Hinweis, dass eine als Bildungsurlaub anerkannte Maßnahme mindestens sechs Unterrichtsstunden täglich vorsieht und daher wohl kein reines Vergnügen ist. Und noch eine Karte sticht, meint Scherer: "Mitarbeiter mit guten Fremdsprachenkenntnissen haben noch keinem Betrieb geschadet."

Kerstin Krüger
Christoph Stehr ist freier Journalist in Hilden. Sein Beitrag erschien zuerst auf Monster.de.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Wie weltfremd kann man sein?
Martin Franck 11.03.2012
Wer sagt, dass man danach motivierter sei und bessere Leistung bringe, sagt damit, dass man eben nicht hochmotiviert ist, und nicht die beste Leistung erbringt. Der Arbeitgeber kann es als Erpressung auffassen, wenn man sagt, dass man nach dem Bildungsurlaub bessere Leistung verspricht. "Der Betrieb trägt nur die Kosten für die ausgefallene Arbeitszeit, nicht die für die Weiterbildung." Toll, zu sagen, dass man den Arbeitgeber so viel weniger kostet, als eine Bildungsveranstaltung, und dann hoffen dass er darauf reinfällt. Denn gar keine Veranstaltung kostet nämlich noch sehr viel weniger. Bei Mitarbeitern mit guten Fremdsprachenkenntnissen habe ich noch niemals erlebt, dass dies in irgendeiner Weise auch nur einen Vorteil hatte. Eher im Gegenteil, man bekommt nur Zusatzarbeit aufgebrummt, weil man ja firm in der Sprache ist. Mich wundert es, dass es immer noch ein bis zwei Prozent der Beschäftigten ihr Recht wahrnehmen, auf die Gefahr danach einen extrem langen Bildungsurlaub anzutreten. Warum fragt sich der Autor nicht, ob die Mehrheit von 98 bis 99 Prozent in diesem Falle vielleicht doch weitsichtiger handelt?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik KarriereSPIEGEL
RSS
alles aus der Rubrik Berufsleben
RSS
alles zum Thema Weiterbildung
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen