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Biosupermärkte Niedriglöhner am Gemüsestand

Bioladen: Von wegen fair - werden die Angestellten auch fair bezahlt? Zur Großansicht
DPA

Bioladen: Von wegen fair - werden die Angestellten auch fair bezahlt?

Wer im Bioladen einkauft, will sich und der Umwelt Gutes tun. Fair sind die Produkte, unfair seien aber Löhne - oft schlechter noch als bei Discountern wie Aldi oder Lidl, kritisieren Gewerkschafter. Schuften die Mitarbeiter für zu wenig Geld? Biohändler wehren sich.

Die Kundschaft ist anspruchsvoll und legt Wert auf ökologische, fair gehandelte Produkte. Dafür darf es im Bioladen auch etwas teurer sein als beim Discounter um die Ecke. Aber ist denn die Bezahlung der Belegschaft ebenfalls fair? Ausgerechnet Biosupermärkte lassen ihre Mitarbeiter für nur wenig Geld rackern, wirft Verdi ihnen vor.

Die Ökoketten sind nach Einschätzung der Gewerkschaft alles andere als eine heile Welt, meist gebe es weder Betriebsräte noch Tarifverträge. Selbst in den Märkten von Rewe, Kaufland, Aldi oder Lidl würden nach Tarif bessere Stundenlöhne gezahlt. "Wer glaubt, in den Bioläden herrschen paradiesische Zustände, der irrt", schimpft Verdi-Sekretär Ulrich Dalibor. Die Bio-Einzelhändler kontern und verweisen auf Sonderzahlungen, Einkaufsgutscheine und mehr Urlaub für ihr Personal.

Als Beispiel nennt die Gewerkschaft die Berliner Supermarktkette Bio Company. "Dort bekommt eine Aushilfe, die nur befristet beschäftigt ist, brutto 7,50 Euro pro Stunde", sagt Verdi-Einzelhandelsexpertin Janet Dumann. Der Stundenlohn für Festangestellte liege bei um die neun Euro. Zum Vergleich: Nach Tarif bekomme eine gelernte Kassiererin einen Bruttostundenlohn von 13,50 Euro, eine ungelernte Kraft gut neun Euro im ersten Berufsjahr.

"Von Gutscheinen kann man nicht die Miete zahlen"

Doch nicht nur das Geld sei das Problem. Klagen gebe es auch darüber, dass oft weder Arbeits- noch Ruhezeiten eingehalten würden. Problem sei generell, dass die meisten Unternehmen sich nur an die Tarifverträge im Einzelhandel anlehnten. "Das machen sie dann aber freiwillig, und wie Überstunden oder Urlaubsgeld geregelt werden, ist fraglich", kritisiert Dumann. Zur Begründung gebe die Branche oft an, sich aufgrund der Umsatzsituation einen Tarif nicht leisten zu können. Den wirtschaftlichen Druck würden sie an ihre Mitarbeiter weitergeben. "Doch von einem Gutschein im Supermarkt kann man nicht seine Miete zahlen", so Dumann.

Bio Company hält dagegen, konventionelle Discounter könne man nicht mit einem Biomarkt vergleichen. "Discounter zahlen zwar teils Tariflohn, üben aber starken Druck auf ihre Lieferanten aus, um hier sehr geringe Einkaufspreise und damit höhere Margen zu erzielen", erklären die Geschäftsführer Georg Kaiser und Hupert Bopp. Auch würden die Mitarbeiter dort mit hohen Leistungsvorgaben unter Druck gesetzt.

Bio Company sei mit seinen 26 Märkten und rund 900 Mitarbeitern in Berlin und dem Umland verankert und könne nur im regionalen Kontext "die Kraft auch für seine Lohnzahlungen erwirtschaften". Dennoch seien die Löhne gerade in den unteren Einkommensgruppen im Schnitt um elf Prozent seit Anfang vergangenen Jahres gestiegen. Vollzeitkräfte und Auszubildende bekämen außerdem Einkaufsgutscheine in Höhe von 50 Euro. Das Unternehmen sehe sich nicht nur in der ökologischen, sondern auch in der sozialen Verantwortung.

Biomärkte unter Konkurrenzdruck

Beim von Verdi angeführten Stundenlohn von 7,50 Euro handle es sich zudem um den Aushilfslohn für eine Pauschalkraft. Das sei zudem ein Nettobetrag, den die Gewerkschaft mit einem Bruttoverdienst vergleiche, so Bio Company. Auch Überstunden würden selbstverständlich mit Freizeit oder mit einer entsprechenden Vergütung ausgeglichen.

Der Biohändler Alnatura gibt an, sich bei den Einkommen für seine bundesweit rund 1740 Mitarbeiter an den Tarifverträgen des Einzelhandels zu orientieren. In vielen Fällen lägen die Einkommen sogar darüber; zudem erhielten die Beschäftigten jährlich einen Einkaufsgutschein von bis zu 1000 Euro. Für Vollzeitbeschäftigte gebe es ein Urlaubsgeld von 1200 Euro, außerdem für Alnatura-Mitarbeiter bei einer Sechs-Tage-Woche 36 Urlaubstage.

Nach Einschätzung von Verdi-Sekretär Dalibor stehen die Biomärkte unter enormem Wettbewerbsdruck. Ähnlich wie im restlichen Einzelhandel werde der Kampf um Kunden in erster Linie über den Preis ausgefochten. Zudem sei ein starkes Flächenwachstum zu beobachten. Die Dienstleistungsgewerkschaft hatte bereits vor zwei Jahre auf den Preiskampf der Öko-Händler und auf "massives Lohndumping" hingewiesen. Als Reaktion auf den öffentlichen Druck hatte die Bio-Handelskette Alnatura angekündigt, fortan niemanden mehr unter Tarif zu entlohnen.

Nach Angaben des Bundesverbands Naturkost Naturwaren gibt es bundesweit derzeit gut 2400 Biosupermärkte und -läden. Meist sind sie inhabergeführt. In den vergangenen Jahren habe die Zahl der Betriebe stetig im zweistelligen Bereich zugenommen.

Von Maren Martell, dpa/jol

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insgesamt 9 Beiträge
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1.
SpitzensteuersatzZahler 29.04.2012
Also jetzt mal ganz ehrlich... Was soll man denn jemandem der Regale einräumt schon groß bezahlen? Wenn es nach den ganzen linken Romantikern geht wahrscheinlich nen Stundenlohn von 25 Euro, oder?
2.
dale_gribble 29.04.2012
Zitat von SpitzensteuersatzZahlerAlso jetzt mal ganz ehrlich... Was soll man denn jemandem der Regale einräumt schon groß bezahlen?
Einen vernuenftigen Lohn eben. Oder man raeumt seine Regale eben selber ein. Wenn es die tollen Arbeitsagenturen mit ihrem "Zwangsarbeitszwang" nicht geben wuerde, dann wuerde mit Sicherheit niemand fuer 6 Euro pro Stunde Supermarktregale einraeumen.
3.
SpitzensteuersatzZahler 29.04.2012
Zitat von dale_gribbleEinen vernuenftigen Lohn eben. Oder man raeumt seine Regale eben selber ein. Wenn es die tollen Arbeitsagenturen mit ihrem "Zwangsarbeitszwang" nicht geben wuerde, dann wuerde mit Sicherheit niemand fuer 6 Euro pro Stunde Supermarktregale einraeumen.
Wenn es unsere ganze Hängematte nicht gäbe, müssten die Menschen für viel weniger Geld noch viel mehr machen.
4.
Crom 29.04.2012
Zitat von dale_gribbleEinen vernuenftigen Lohn eben. Oder man raeumt seine Regale eben selber ein.
Und was ist ein vernünftiger Lohn? Tja, wenn's kein H4 und auch kein Ersatz gäbe, wären die Löhne wohl noch niedriger. Aber ich weiß, dass man seinen Lebensunterhalt wenigstens zum Teil selbst erarbeitet, ist für manche schon eine Beleidigung der Menschenwürde, gell.
5.
dale_gribble 29.04.2012
Zitat von CromUnd was ist ein vernünftiger Lohn? .
15 Euro brutto bei der momentanen riesigen Abgabenlast? Oder hohe Freibetraege bei niedrigen Loehnen wie es in meiner Heimat ist. Da muss man sich bei einem monatlichen Verdienst unter 500 Dollar weder anmelden noch irgendwelche Steuern zahlen. Eine 1 Zimmer-Wohnung kostet ungefaehr 50 Dollar Miete. Zum Vergleich. Inoffizieller Mindestlohn sind $15/Tag. . Nein. Wenn niemand mehr zu unterbezahlten Jobs gezwungen wuerde dann wuerde das wieder passen. Deutschland kann sich das locker leisten. Aber das sind eben zwei diametral unterschiedliche Herangehensweisen.
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