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Einsamer Inseljob Allein unter Vögeln

Vogelwartin: "Du verlierst hier keine Kraft, du lebst einfach" Fotos
Katrin Schmiedekampf

Eine Insel in der Nordsee, eine Holzhütte auf Stelzen, kein Mensch weit und breit: Julia Baer wacht auf Trischen über Regenpfeifer, Rotschenkel und Robben. Die Naturschutzwartin hat einen der einsamsten Jobs der Welt. "Es fehlt mir nichts", sagt sie.

Als das rotweiße Boot näher kommt, steht Julia Baer schon am Strand und winkt. Sie freut sich auf Post, Lebensmittel, Trinkwasser und Brennholz. Und auf ein bisschen Gesellschaft, denn sie hat seit Tagen keinen einzigen Menschen gesehen.

Julia Baer arbeitet im Auftrag des Nabu als Naturschutzwartin auf Trischen, einer Nordseeinsel, die ungefähr so groß ist wie Helgoland. Trischen gehört heute zum Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer, wurde Anfang des letzten Jahrhunderts zu einem Schutzgebiet erklärt und darf seitdem nur mit einer Ausnahmegenehmigung betreten werden. Die Seevögel, die hier leben, sollen ihre Ruhe haben.

Der Einzige, der außer Julia Baer den feinen Sandstrand der Insel regelmäßig betreten darf, ist der pensionierte Fischer Axel Rohwedder. Einmal in der Woche legt er mit seinem Versorgungsboot "Luise" an. Er hat Lachsbrötchen und Rühreier mitgebracht.

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62  Bilder
Sonderbare Jobs: Berufe gibt's, die gibt's gar nicht
Nachdem sie mit Rohwedder auf dem Boot gefrühstückt hat, lädt Julia Baer die Vorräte auf eine Karre und zieht sie die zwei Kilometer zu ihrer Holzhütte im Südteil der Insel. Zum Schutz vor Hochwasser steht das Häuschen auf Stelzen. "An stürmischen Tagen schwankt es hier oben wie auf einem Schiff", erzählt die 35-Jährige und öffnet die Holztür.

Beim Wandern findet sie heraus, wie stark die Insel wandert

In dem 15 Quadratmeter großen Raum befinden sich ein Hochbett, ein Schreibtisch, eine Kochecke und ein Ofen. Fließendes Wasser gibt es nicht. Julia Baer wäscht sich mit Trinkwasser, für die Hände nutzt sie Regenwasser, das sie sammelt. Als Toilette dient ein Eimer in einem Bretterverschlag, und ihren Strom produziert sie mit Solarzellen.

Die Naturschutzwartin kann sich ihren Tag frei einteilen. Ihre wichtigste Aufgabe: die Vögel beobachten und zählen. Über das Jahr verteilt nisten etwa 5000 Vogelpaare auf der Insel, unter anderem Rotschenkel, Austernfischer, Silbermöwen, Stockenten, Wanderfalken und Regenpfeifer.

Wenn sie gerade nicht mit ihren gefiederten Freunden beschäftigt ist, ermittelt Baer Wetterdaten, nimmt Sedimentproben im Watt und notiert, welche Blumen auf Trischen blühen. Außerdem schreibt sie einen Insel-Blog, beobachtet den Schiffsverkehr und läuft ab und zu das Ufer mit einem GPS-Gerät ab, um herauszufinden, wie stark die Insel wandert. In ihrer "Freizeit" lädt sie Fotos auf ihren Laptop oder legt sich in ihre Hängematte und liest ein Buch, derzeit eines über irische Leuchtturmwärter.

Julia Baer hat Landschafts- und Meeresökologie studiert. Ihre Liebe zu Seevögeln führte sie um die ganze Welt, unter anderem nach Neuseeland und Irland. Trischen ist die 13. Insel, auf der sie lebt. Sie mag die Abgeschiedenheit, das Fehlen von Großstadtlärm und Stress. "Du verlierst hier keine Kraft", sagt sie, "du lebst einfach."

"Anfangs hatte ich schon ein bisschen Angst"

Während der sieben Monate ihrer Tätigkeit soll sie Trischen nur im Ausnahmefall verlassen. Wenn sie dringend zum Arzt muss beispielsweise. Doch obwohl sie die meiste Zeit allein ist - einsam fühlt Julia Baer sich nie.

"Über Telefon und E-Mail habe ich ja ständig Kontakt zu anderen Menschen, es fehlt mir nichts", sagt sie. "Aber klar, anfangs habe ich schon ein bisschen Angst gehabt." Da kannte sie die Geräusche der Insel noch nicht, das Quietschen der Hütte etwa oder den Wind, der durch alle Löcher pfeift.

Sie glaubt nicht, dass ihr etwas passieren kann auf Trischen. Aber im Notfall wäre der Rettungshubschrauber aus Büsum in fünf Minuten da. "Außerdem habe ich ja eine Axt", sagt sie lachend. Dann steigt sie die Holztreppe ihres Häuschens hinunter. Sie will im struppigen Gras nach Nestern suchen.

Die Luft schmeckt nach Salz und Meer, der Wind weht. Während Baer sich Notizen macht, kreisen Möwen über ihrem Kopf und kreischen aufgeregt durcheinander. Die Naturschutzwartin lässt sich davon nicht aus der Ruhe bringen. Was sie nach ihrer Zeit auf der Insel Trischen machen wird, weiß sie noch nicht. Doch sie ist sich ganz sicher: "Es wird nicht die letzte Insel sein, auf der ich gelebt habe."

  • P.S. Message in a bottle (see photo gallery) - this one goes out to Carly and Ben from Norwich, England: You've dropped a bottle on 2nd of July 2003 when you were "on a boring college trip". If you happen to read this, please contact us via e-mail. Ten years later, Julia Baer on the island of Trischen has found your message.

  • Der Beitrag erschien zuerst im UniSPIEGEL. Autorin Katrin Schmiedekampf, freie Journalistin in Hamburg, ist selbst ein großer Insel-Fan. Sieben Monate lang auf einer Vogelinsel zu leben, kann sie sich allerdings nicht vorstellen. Das wäre ihr viel zu einsam.

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insgesamt 11 Beiträge
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    Seite 1    
1. Auf Zeit....
fatherted98 01.08.2013
...so für 1-2 Jahre ist das doch ein Spitzenjob (wenn man hier überhaupt von Arbeit reden kann)...kein Stress...Natur pur...und ganz so abgeschnitten ist man ja auch nicht...beneidenswert....ob es natürlich Tagesfüllend ist "Möwen zu putzen" sei dahin gestellt.
2. Dienst
J. Fischer 01.08.2013
Ich habe allergrößte Hochachtung und großen Respekt für Naturschützerinnen wie Frau Baer. Sie geben der Natur ein Stück davon zurück, was wir ihr Tag für Tag nehmen, lindern die Schuld, deren Last uns eigentlich zu Boden drücken müßte.... Danke, Julia Baer!
3. Die exklusive Gesellschaft
arctic_girl 01.08.2013
Hier an der Westcoast gibte eine Darkworld, ein hidden Country. Währed die Turiis (touristen) das platte Land bewundern und in einfach gestrickten Museen etc. für viel Geld wenig zu sehen bekommen, auch nicht das Meer), gibt es verborgen für die Öffentlichkeit paradiesische Kleinodien, Trischen ist so eins. Hier gibt es Gärten von unglaublicher Schönheit, exquisite Stellen im Deichvorland, die nur Insider kennen und betreten dürfen, Bauernhäuser, die mehr Museum sind (nein, ich meine nicht die aufwendig resaurierten Haubarge, die sich hier kaum einer leisten kann), alles unter weitgehenstem Ausschluss der Öffentlichkeit. Und die Insider tun viel dafür, dass es so bleibt :-(
4. Arbeit
Freifrau von Hase 01.08.2013
Zitat von fatherted98...so für 1-2 Jahre ist das doch ein Spitzenjob (wenn man hier überhaupt von Arbeit reden kann)
Warum soll das keine Arbeit sein? Weil die Dame nicht an einem Fließband steht? Ist Arbeit per se nur etwas, was definitiv keinen Spaß machen oder gar schön sein kann?
5. Geschmack
Sulo101 01.08.2013
Zunächst möchte ich sagen, dass ich Frau Baer ein Stück weit bewundere und etwas neidisch bin. Auch wenn es Nachteile bei einer solchen Arbeit gibt, sind die Vorteile nicht von der Hand zu weisen, wenn man ein naturverbundener Mensch ist und diese Arbeit liebt. So ein Leben leben die meisten Menschen nicht mehr, die völlig wesensfremde, abstrakte und robotische Tätigkeiten verrichten, um über die Runden zu kommen. Es freut mich für Frau Baer. Abschließend möchte ich der Autorin, Frau Schmiedekampf, raten, ihre infantilen Kommentare bezüglich des Musikgeschmacks der jugendlichen wegzulassen. Ich weiß zwar nicht, was Sie hören, aber Musik ist Geschmackssache. Er muss sich nicht "verbessern", damit beleidigen Sie pauschal und ohne Grund die Hörer der erwähnten Künstler / Musiker. Nur weil Sie sie offensichtlich nicht mögen, heißt das nicht, dass Sie sie heruntersetzen dürfen. Und ich rate Ihnen, sich mal mit den Texten der Gruppe "Rage Against The Machine" auseinander zu setzen, vielleicht lernen Sie auch was dabei. Solche Bands gibt es viel zu wenige heutzutage.
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